Donnerstag, 16. August 2012

VERGISS AMERIKA (2000 Vanessa Jopp)


Die ostdeutschen Teenager David und Benno sind seit Jahren Freunde. Als Anna in ihr Leben tritt, kommt der wilde Benno recht schnell mit ihr zusammen. Heimlich verzehrt sich der stille David nach ihr. Über die Jahre hinweg durchleben diese Partner- und Freundschaften Hochs und Tiefs im Schatten der Realität, die alle damaligen Pläne über Bord wirft...


Vergiss Anna...

Man begleitet drei Teenager aus denen innerhalb einiger Jahre junge Erwachsene werden. Weiter öffnet man uns das Zeitfenster nicht. Der Film begleitet diese Personen nicht über Jahrzehnte, sondern nur bis zu einem wichtigen Einschnitt in ihrem Leben, in welchem offen bleibt in wie weit Wege gemeinsam beschritten werden oder nicht.

Letztendlich zeigt „Vergiss Amerika“ drei miteinander verwobene Alltags-Schicksale. Und dass man ihren Erlebnissen so interessiert folgt, liegt weniger an besonderen Ereignissen, als viel mehr an der Nähe die man zu den Personen aufbaut. Man ist fasziniert von dem Dreiergespann welches trotz klarer Fronten nie eine Gut- oder Böseseite aufbaut. Dafür steht der Film zu sehr mitten im Leben. Jeder begeht Fehler wie Gutes, jeder ist einem mal sympathisch und mal nicht. Dies betrifft auch Identifikationsfigur David, über dessen Perspektive man alle drei Leben begleitet.

Das erstaunliche an „Vergiss Amerika“ ist, dass er so gut funktioniert, geradezu lebensnah wirkt, obwohl er dazu tendiert mit Klischees zu arbeiten. Das klingt hart, immerhin sind alle drei Hauptfiguren individuell gestaltet, aber das Strickmuster auf dem alles aufbaut wäre eher die typische Zutat eines amerikanischen Dramas, Filme die häufig ins moderne Märchen abrutschen. Vanessa Jopps Debüt-Langfilm ist jedoch weder das realitätsferne US-Drama noch das harte realitätsnahe deutsche Drama a la „Requiem“ und „Kroko“ geworden. Er steht irgendwo dazwischen, je nach Filmphase mal im dunkleren und mal im helleren Graubereich. Aber selbst wenn es der Klischees hin und wieder zu viel gibt, so bleibt der Streifen doch immer glaubhaft. Diesen Bereich verlässt er nie.

David ist in eine Frau verliebt, die seinen besten Freund liebt. Ein klassisches Szenario, bei dem man meinen sollte, dass man nun mit David mitfiebert diese hoffnungslose Liebe zu erobern. Aber Fehlanzeige, darum geht es gar nicht, und das ist das weitere Erstaunliche an diesem Drama. Es gibt Phasen in denen man die Partnerschaft Anna und Benno für richtig hält, es gib Momente in denen man die Nähe zwischen David und Anna erhofft. Mal steht man hinter der Männerfreundschaft, mal nicht. Wer Recht, Unrecht oder keins von beiden hat, wechselt wie im richtigen Leben. Und ein erreichtes Ziel ist nie endgültig. Das Leben geht immer weiter.

Zweiter Kern neben dem Gefühlschaos von David ist die berufliche Orientierung der drei, die bei jedem anders verläuft als geplant und einschneidend andere Bereiche des Lebens mitbestimmt. Auch hier erhofft man sich als Zuschauer kein bestimmtes Ziel, sondern begleitet das Trio durch ihre Erlebnisse und beobachtet das Pingpong-Spiel des Lebens der einzelnen Einflüsse aufeinander. Man fühlt sich den Figuren nahe, ohne ihnen Spezielles zu wünschen. Man möchte sich schlichtweg von Jopp überraschen lassen was wohl als nächstes passiert und wird irgendwann, logischer Weise, von ihr allein gelassen, wenn der Film schließt. Das Leben geht immer weiter, und wenn man Menschen durch kleinste Phasen ihres Lebens begleitet, muss man irgendwo einen Schnitt setzen.

Den setzt Jopp nicht willkürlich, „Vergiss Amerika“ hätte gar nicht besser enden können. Denn nun grübelt der Zuschauer wie es weiter geht, und das wird er wohl auch tatsächlich machen, hat er doch drei Menschen kennen gelernt, die ihm für 90 Minuten wichtig wurden und deren simplen wie harten Schicksalsschläge einem immer nahe gingen. Dabei wirft der Film immer wieder Fragen auf, die nie in etwas phantastisches wie vorgeschriebenes Schicksal abdriften, sondern immer die Füße auf dem Boden behalten. Man beginnt über die Alltäglichkeiten des Lebens nachzudenken, über das Lernen im Leben, zieht Vergleiche zu seinem eigenen und fragt sich am Ende was wer wohl von diesen Erlebnissen mit sich genommen hat.

Eine Spur weniger Dreiecks- und Polen-Klischees, und der Film wäre rundum gelungen. So ist er zwar immer noch ein gutes, realitätsnahes Ergebnis, aber halt eben, wie vorhin schon angeschnitten, doch leicht Märchen. Da dieser Begriff für ein Drama wie „Vergiss Amerika“ zu hart ist und auf Nichtkenner des Streifens falsch wirkt, formuliere ich es lieber passender: der Debutfilm von Jopp ist phasenweise zu sehr erzählte Geschichte, auch wenn er sich stark bemüht sich möglichst realitätsnah zu orientieren und dementsprechend unspektakulär die Phasen der Geschehnisse aufzeigt. Trotz des kleinen „Geschichten“-Mankos ist ihm diese Bemühung jedoch geglückt. Ein merkwürdiger Mix, vielleicht einfach deshalb funktionierend, weil auch Klischees nun einmal immer wieder im wahren Leben zur Realität werden.


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