Donnerstag, 16. August 2012

VALERIE - EINE WOCHE VOLLER WUNDER (Valerie a týden divu 1970 Jaromil Jires)


Valeries Großmutter schließt mit einem Vampir einen Pakt der ewigen Jugend. Auch die 13jährige Enkelin möchte er in seinen Bann ziehen, doch die wird von magischen Ohrringen und ihrem Freund Orlik beschützt...


Eine düstere Alice...

Die Erlebnisse der titelgebenden Valerie gehen weit über das hinaus was in der Inhaltsangabe zu lesen ist, aber zumindest bildet das dort beschriebene Szenario das Zentrum all des Trubels den das erstmals menstruierende Mädchen sich in seiner Fantasie zusammen reimt. Ja, alles ist der Traum eines Mädchens, dessen Körper zur Frau wird, und das ist auch der Grund warum der komplette Film so surreal erzählt ist und den Zuschauer mit vielen offenen Fragen am Ende allein lässt. „Valerie - Eine Woche voller Wunder“ ist kein unüberlegter Film, aber er verlässt sich mehr auf Wirkung als auf eine abgeschlossene Geschichte, in welcher die einzelnen Fragmente lückenlos ineinander greifen.

Jires' Werk ist reine Fantasie, deswegen geht das auch völlig in Ordnung, zumal sein skurriler Mix aus Horror, Erotik und Märchen sich in seiner Optik und seinem Einfallsreichtum geradezu hypnotisch guckt. „Valerie - Eine Woche voller Wunder“ ist ein faszinierender Film der für sich alleine steht, einer der uns zeigt zu was das Medium außerhalb des Mainstreams in der Lage ist, wenn man es nur richtig zu nutzen weiß. „Valerie“ sprudelt über vor Symbolik, Zauber und Mystik und klingt in seinem Titel viel friedlicher als er eigentlich ist. Wunder, das klingt so positiv. Aber Valeries Welt, in seiner Fantasterei vergleichbar mit jener von Alice und Dorothy, ist düster, voller Verrat, Intrigen und Lügen.

Die Tschechoslowakei ist berühmt für seine tiefsinnigen und liebevoll umgesetzten Märchenfilme. Deswegen braucht es gar nicht wundern, dass ein solcher Bastard, einzig entstanden für das erwachsene Publikum, aus eben diesem Herstellungsland stammt, sieht man „Valerie a týden divu“ (Originaltitel) die Verwandtschaft zu den etwas berühmteren Werken für die ganze Familie doch regelrecht an.

Mag da auch eine stille Verwandtschaft zwischen diesen vergleichsweise häufig konsumierten Märchenfilmen liegen, fremdartiger könnte sich „Valerie“ gar nicht gucken, so anders kommt er daher, schuppst uns in eine verwirrende Welt hinein, in der man vieles selbst erkennen und begreifen muss, und selbst beim Erreichen dieses Zieles noch immer viele Fragezeichen über den Kopf schweben hat. Geschichte wie Inszenierung reißen einen mit und würden sich selbst dann ungewöhnlich gucken, wenn sie aus einem vertrauten Land zu vertrauter Zeit entstanden wären.

Nun bekommen wir Deutschen diese Fantasterei jedoch sogar aus einer uns meist fremd wirkenden Kultur vorgesetzt, aus einer Zeit in welcher es noch andere Werte, Gesetze und Mentalitäten gab. Glücklicher Weise werden diese Faktoren ergänzt durch das Fehlen eines Deutsch-Tons, so dass man, ob nun seltene Fernsehausstrahlung oder DVD, „Valerie“ im Originalton mit Untertiteln schauen muss, so dass die gewagte und provozierende Geschichte um so außergewöhnlicher zu genießen ist.

In einem uns so fremd wirkenden Werk muss man akzeptieren können, dass der hocherotische Streifen eine weibliche Hauptdarstellerin beherbergt, die zur Zeit des Drehs 13 Jahre alt war und nicht mit ihren Reizen geizt. „Valerie“ hält immer seinen Stil und sein Niveau, er rutscht nie ins Obszöne ab, aber doch wird der ein oder andere gerade an der Tatsache von Jaroslava Schallerovás Alter etwas zu schlucken haben. Völlig in den Film eintauchen kann man erst, wenn man es dudelt, denn der erotische Aspekt ist keine unnötige Nebenerscheinung des Werkes, sondern eines seiner Zentren, was es um so ungewöhnlicher macht, dass ich Gefallen an diesem Streifen finde, konnten mich bislang doch nur wenig Werke überzeugen, denen die Erotik so unglaublich wichtig waren.

Vielleicht liegt es an der allgemein morbiden und dramatischen Umsetzung inmitten eines atmosphärischen Horrorszenarios, dass ich die Dominanz nackter Haut und sexueller Provokationen (angedeuteter Inzest, die Suche nach sexueller Orientierung, devote und dominante Rollenverhältnisse, ...) als förderlich für die Geschichte empfinde. Andererseits müssen sie allein wegen des psychologischen Verstehens und der Grundlage, auf welcher die Fantasiewelt der Valerie aufbaut, sogar pflichtmäßig enthalten sein.

Denn wie eingangs erwähnt ist „Valerie - Eine Woche voller Wunder“ kein unüberlegter Film. Nein, er trifft Aussagen, er kritisiert, er beobachtet, und er möchte dass der Zuschauer beim Betrachten dieses Kunstwerkes etwas erlebt. Der Zuschauer soll mitgerissen werden von diesem reichhaltigen und tiefgründigen Bildersog, der mit solch wundervoller, passender Musik untermalt wurde, was ihm das endgültige Pünktchen auf dem I beschert.

Dass mir dieser intensive Streifen teilweise nicht immer nur wegen seines surrealen Schwerpunktes etwas brüchig und lose zusammengeflickt vorkommt, ist aufgrund der abstrakten Art nicht wirklich ein Minuspunkt. Aber ich hatte zumindest den Eindruck, dass der Regisseur Jaromil Jires nicht immer den Überblick behielt und deswegen vielleicht sogar dankbar dafür war, dass sein Werk absichtlich verworren, grotesk und manches Mal etwas zusammenhanglos konzipiert ist. Ansonsten lässt sich über sein Plädoyer über Individualität jedoch nichts Schlechtes sagen.


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