Donnerstag, 13. September 2012

KINDER OHNE GNADE (1996 Claudia Prietzel)


Ein Teenager zieht mit seiner Mutter in die Großstadt. Auf der neuen Schule wird er von einer provozierenden Clique fertig gemacht. Der Junge bekommt jedoch die Chance zur Mitgliedschaft. Nach einer Mutprobe ist er drin, und er passt sein Verhalten den asozialen Vorbildern an. Als ein Mädchen zwischen ihm und dem Anführer steht, schaukelt sich die Situation hoch...


Gnadenlos zum Glück dann doch nicht...

Ein Jugend-Drama im Auftrag von Sat 1, zum in der Boulevard-Presse immer aktuellen Thema Jugendkriminalität, da rechnet man mit dem schlimmsten. Wann hat man je erlebt, dass das deutsche Privatfernsehen etwas Anspruchsvolles produziert hat? Und der reißerische Titel scheint einem Recht zu geben. Aber die Wahrheit sieht anders aus.

Nichts desto Trotz wird die üble Vorausahnung in manchen Punkten zunächst bestätigt. Da haben wir einen Film, der mit extremen Klischees spielt. Der Loser spielt Geige und wird in der Öffentlichkeit von der Mama blamiert. Die bösen Jungs sitzen Alkohol trinkend vor der Glotze und gucken sich Gewaltsportarten an. Auch die Dialoge zwischen verschiedenen Lehrern hören sich wie das Idealabbild des Klischees an, was sich sogar im Pädagogenhumor abzeichnet. Einer Lehrerin war ihr alter Einsatzort zu brav. Klassisch fragt der Kollege witzelnd, wo der alte Job denn war, er würde sich gern dorthin bewerben.

Zumindest ist „Kinder ohne Gnade“ aber kein peinliches Produkt a la „Dangerous Minds“ geworden. Vielleicht einfach, weil er noch ein Kind der 90er ist und uns keinen White Trash-Schund im Stile des überschätzten „Kids“ vorsetzt. Was die böse Bande in „Kinder ohne Gnade“ treibt, ist klassisch jugendböse, im gewissen Sinne aber harmlos, zumindest auf die Zustände bezogen, von denen uns die Boulevardberichterstattung von heutigen städtischen Schulen erzählt.

Mit Blick von heute ist es kaum zu glauben, dass der Loser eine Chance in der emotionskalten Bande erhält, und das ohne je um Mitgliedschaft ersucht zu haben. Hier haben wir den oberflächlich entscheidendsten Unterschied zum themenähnlichen Drama „Die brennende Schnecke“. Allerdings stand dort das Thema „böse Jugend-Bande“ im Zentrum, um vom eigentlichen Schwerpunkt abzulenken. Während dort die Hauptperson immer weiter abdriftete und still zum Psychopathen mutierte, bleibt der Held des Sat 1-Streifens lediglich ein fehlgeleiteter Jugendlicher, der bei fragwürdigen Kids Bestätigung erfährt und sich erstmals in ein Mädchen verliebt.
 
Hier wird nichts Neues erzählt, und einen neuen Blick auf die Jugend eröffnet einen „Kinder ohne Gnade“ ohnehin nicht. Die erste Filmregie von Claudia Prietzel hat schlichtweg das Glück trotz TV-Produktion eine gute und natürlich wirkende Besetzung zu besitzen, was sich insbesondere bei den einzelnen Bandenmitglieder noch eher zeigt, als bei der eigentlichen Hauptrolle, von den erwachsenen Rollen einmal ganz zu schweigen.

Stilistisch ist der Film ein typisch deutsches Jugend-Drama. Schlicht aber halbwegs authentisch erzählt, immer wieder in Klischees suhlend und doch deshalb nicht unnatürlich oder anbiedernd wirkend, so wie man es beispielsweise von „Hass im Kopf“ und „Kahlschlag“ kennt, wobei ich es hervorhebenswert finde, dass diesmal eben nicht von einer rechten Szene berichtet wird, sondern schlichtweg von den Asozialen von nebenan. Der eiskalte Anführer ist längst nicht optisch als das Arschloch zu erkennen. Auf andere Eltern wirkt er vorbildlich. Auch hier gibt es Parallelen zu „Die brennende Schnecke“. Hier macht der Film das richtig, was in „Die Klasse von 1984“ zu bemängeln wäre, auch wenn dieser ein Thriller und kein reines Drama sein wollte.

Interessant ist, dass sich der Film eigentlich gar nicht mit der Frage beschäftigt, woher die Kinder denn ihre Aggressionen haben und den Drang zur Kriminalität. „Kinder ohne Gnade“ zeigt nur brav was er beobachtet hat. Interessant ist, dass sich zwischen den Zeilen aber Antworten abzeichnen, und das eher zufällig, wie es ein Film des Privatfernsehens auch nie absichtlich herausgearbeitet hätte.

Da gibt es den entsetzten Lehrer, der nicht begreift wie man sich nicht für Politik interessieren kann. Und da gibt es die intelligente Jugend, die Politik für eine große Lüge hält. Fehlte nur noch die offensichtliche Frage, wie sie in „Die Klasse von 1984“ gestellt wurde, warum begabte Kinder so herabrutschen. Die Frage, ob begabte Kinder von Politiklüge sprechen, weil sie diesen Bereich nun einmal als Lüge entlarvt haben, wird selbstverständlich nicht bewusst gestellt. Jugend als Antwort auf die Erwachsenengesellschaft, davon will natürlich wieder niemand etwas hören.

Und so lange die Erwachsenen rund um die Uhr lügen und für nichts mehr Verantwortung übernehmen, so lange müssen sie sich auch nicht wundern, wenn die Jugend sich angewidert abwendet und ihren eigenen Gesetzen nachgeht. Diese sind roh, auf traurige Art aber wenigstens ehrlich. Unbewusst ist es dieser Film auch, auch wenn er ursprünglich nur auf einer reißerischen Welle mit aufspringen wollte. Da hat Sat 1 tatsächlich einmal ohne es zu wissen einen Glückstreffer produziert. Aussagen zwischen den Zeilen müssen halt nicht immer gewollt sein.


OFDb

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