Mittwoch, 21. November 2012

ALIEN TEACHER (Vikaren 2007 Ole Bornedal)


Eine Schulklasse bekommt die bösartige Vertretungslehrerin Ulla aufgedrückt, die sich bei Eltern und Kollegen liebenswürdig gibt. Der Schüler Carl, der unter dem Tod seiner Mutter leidet, beobachtet eines Tages wie Ulla einen Menschen aus einer Kugel zieht. Die Lehrerin ist eine Außerirdische. Seine Mitschüler kann Carl schnell überzeugen, aber die Erwachsenen wollen von diesem Unsinn nichts hören...


Des Menschen höchstes Gut...

In gut fotografierten Bildern, die mit einem Filter in stimmigen Farbtönen gehalten werden, wird uns eine Geschichte erzählt, wie sie auch aus Amerika kommen könnte bzw. auch schon des öfteren kam. So erinnert der Grundkern ein wenig an „The Faculty“ und der Hauptteil des Films (nicht nur durch seine familienfreundliche Inszenierung) an „Meine Stiefmutter ist ein Alien“. Dass es bei einem Film jedoch nie allein auf die Geschichte ankommt, beweist Regisseur Ole Bornedal, der uns vor Jahren mit „Nightwatch – Nachtwache“ das Gruseln lehrte und sein Können in diesem Bereich auch in diesem Kinderfilm anwendete. Denn eins sei vorab gesagt: „Alien Teacher“ ist ein Werk für ältere Kinder.

Wie erwähnt kommt es bei einem guten Film nicht nur auf die Geschichte an, und „Alien Teacher“ macht die Schwächen amerikanischer Produktionen, bzw. umgekehrt gesehen die Stärken europäischer Filme deutlich. Zunächst erleben wir einen frischen authentischen Kinder-Cast, der mit den unterschiedlichen Charakteren ein wenig an die 70er Jahre „Vorstadtkrokodile“ erinnert. Die Besetzung des Carl erinnert gar an die typische französischer Jugend-Dramen. Da auch die Erwachsenen nichts zu wünschen übrig lassen und mit Spielfreude ihre oft dick aufgetragenen Comic-Charaktere verkörpern, gibt es in Sachen Besetzung schon mal nichts zu meckern.

„Vikaren“, wie die Horror-Komödie im Originalen heißt, verzichtet zudem auf aufgedrückte Moral. Zwar hat auch diese Geschichte eine Botschaft, aber die bekräftigt die Kinderwelt und nicht jene der Erwachsenen, was ihm Parallelen zu „Pippi Langstrumpf“ beschert, ein Vergleich der eines Lobes gleichkommt. Dort wie hier wird sich über die Inkompetenz der Erwachsenen lustig gemacht. Kämpfte Pippi Langstrumpf mit übermenschlicher Kraft gegen einmischende Sozialtanten und Polizisten, denen das Einfangen eines frechen Mädchens wichtiger war als das Einfangen zweier entlaufener Ganoven, so muss Carl seinen erwachsenen Nervensägen eher hilflos zusehen.

Ob es da den unfähigen Seelenklempner gibt, der das Unheil dieser Welt in Filmen und Videospielen sieht, während er selbst den Werteverfall der Gesellschaft lebt, oder ob es die Fantasielosigkeit der Erwachsenen ist, bei Eltern sogar das fehlende Vertrauen in die eigenen Kinder, das häufig auch die Unkenntnis des Charakters des eigenen Kindes offenbart. Carl lebt in einer ignoranten Welt, in einer, in welcher die Großen sich auf das verlassen, was sie gelernt haben und dieses Bild aufrecht erhalten wollen, da es ihnen ein wohliges Gefühl von Sicherheit schenkt.

Nun ist Carl aber auch keine Heldenfigur. Zumindest dauert es, bis er zu dieser wird. Er selbst könnte passiver nicht sein, ist vielleicht auch deswegen der einzige, der nicht so laut über die Ignoranz der Eltern schimpft wie seine Mitschüler. Hauptgrund ist jedoch sein Desinteresse für alles, da er sich in Selbstmitleid suhlt seit seine Mutter verschieden ist. Doch das Leben geht weiter, und manch einer erkennt diese Tatsache erst, wenn das eigene bedroht ist.

Die Bedrohung lautet Ulla, und diese erforscht in außerirdischem Interesse die Liebe auf der Erde, da sie sich als starke Waffe entpuppt. Verraten tut uns dies eine einleitende Stimme aus dem Off, die dem Film einen Märchen-Touch bescheren möchte, der vorne wie hinten nicht nötig gewesen wäre, erst recht da Bornedals Werk an sich recht reif erzählt ist. Begeistert darf man zuschauen wie Kindern ihre Talente zugestanden werden, somit nicht komplett entmündigt werden, wie eine Geschichte sich keiner Moral unterordnen muss, sondern die Story selbst, so wenig innovativ sie auch sein mag, im Mittelpunkt steht.

Die guten Spezialeffekte dominieren nicht über die wesentlich wichtigeren Aspekte eines Filmes, die Charaktere wirken lebendig, und das tun auch die albernen und überdrehten wie Ulla, um endlich wieder auf sie zurück zu kommen. Paprika Steens überzogener Stil würde in einem erwachsenen Film wohl eher negativ wirken. In dieser familienfreundlichen Produktion ist ihr jedoch eine Glanzleistung geglückt. Giftige Blicke gemixt mit reiner Unschuld, bösartige Sprüche, die im Filmbereich ihresgleichen suchen und das in einer körperbetonten Art und Weise, wie sie einst Christopher Lloyd als Doc in „Zurück in die Zukunft“ an den Tag legte. Der hatte zwar mehr Möglichkeiten sich auszutoben als Steen, aber sie erkennt die Lücken der Fesseln um sich in ihnen auszutoben.

Der satirisch angehauchte Science Fiction begeht nie den Fehler zu kindgerecht werden zu wollen. Die Kleinsten sind als Publikum nicht erwünscht, das würde zu viele Kompromisse fordern. Bornedal geht es um das Wohl der Geschichte, und so grenzt er die Jüngsten aus, was wiederum dem Erwachsenen zugute kommt, der herzlich eingeladen ist sich ebenfalls unterhalten zu lassen. Selten wirkte eine familienfreundliche Horror-Komödie so charmant und witzig, so unverkrampft und politisch unkorrekt wie hier.

„Alien Teacher“ mag aufgrund des Kinderpublikums weichgespülter und harmloser sein als ein Horrorfilm für Erwachsene, aber er guckt sich nicht wie ein reiner Kinderfilm. Man muss nicht über viele Widersprüche hinwegsehen, oder eine naive Welt ignorieren, in der zum Schutz der Kinder wichtige Aspekte der Realität ausgeblendet werden. „Alien Tacher“ ist bissig und kurzweilig, und erwartet vom erwachsenen Zuschauer lediglich, dass er sich auf die Geschichte einlassen kann und eben jene Phantasie besitzt, die der Autor bei den meisten Mündigen vermisst.

Den Wermutstropfen bietet lediglich das Finale, eine Klassenfahrt, von der man sich gewünscht hätte sie wäre der Höhepunkt des Streifens geworden. Sie fängt auch gut an, wenn Kinder gegen ihren Willen von Eltern zum Schulbus gezerrt werden, und die Inszenierung dabei wirkt, als würde man dramatische Bilder eines Kriegsfilmes sichten. Doch kaum fährt der Bus los, wird die Geschichte routinierter. Carl entwickelt sich zum Einzelkämpfer, unnötige Gimmicks wie das Verspeisen einer unangenehmen Figur oder das Schrumpfen von Menschen sollen vom Leerlauf ablenken, und eine Kugel, die man am Rande erleben durfte, wird urplötzlich zu einer Wichtigkeit aufgebläht, die in der bisherigen Geschichte unter den Teppich gekehrt wurde.

In diesen letzten 20 Minuten vergeigt Bornedal nun die Möglichkeit einen großen Film abzuliefern. Er setzt „Alien Teacher“ Schranken und Grenzen, die er gar nicht nötig gehabt hätte. Nun wird es um so mehr von Vorteil, welche Pluspunkte der Streifen hatte. Denn nun tragen ein guter und natürlich wirkender Cast und die wundervolle Optik das Schicksal des Reststreifens auf dem Rücken und schleppen ihn passabel zur Ziellinie. Das ist noch mal gut gegangen, ärgerlich bleibt ein solches Schluss-Szenario dennoch.


Trailer,   OFDb

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