Freitag, 23. November 2012

HEUTE TRAGE ICH ROCK (La Journée de la jupe 2008 Jean-Paul Lilienfeld)


Sonia ist Lehrerin an einer öffentlichen Schule, die fast nur noch von der Unterschicht besucht wird. Häufig wird sie von ihren Schülern diskriminiert, vom Institut fliegt niemand. Als Sonia eines Tages eine Pistole in der Tasche eines ihrer Schüler entdeckt, schaukelt sich die Situation so weit hoch, dass die Lehrerin die Nerven verliert und eine Gruppe Schüler im Theaterraum festhält, um mittels Waffengewalt einen Dialog zu starten. Noch glaubt die Polizei im schalldichten Raum würde ein Schüler die anderen bedrohen...


Heute verschaffe ich mir Gehör...

Teenager sind das Spiegelbild der Gesellschaft. So war es, so ist es und so wird es wohl immer sein. Frankreich hat ein ähnliches Problem wie Amerika: die öffentlichen Schulen trennen sich immer mehr nach Schichten, wer kann schickt seine Kinder auf Privatschulen. Ein Problem, das bei uns in Deutschland noch kein relevantes ist, ist dort Alltag. Wenn auch nur zwischen den Zeilen, so berichtet „Heute trage ich Rock“ nicht nur von den Zuständen im Theaterraum und den Rettungsversuchen der Polizei, sondern auch vom sozialen und politischen Hintergrund, warum es im Alltag zu keinem vernünftigen Dialog kommt.

Zunächst sei gesagt, dass sich dieses Drama weit von der Märchenwelt eines „Lean On Me“ oder noch mehr eines „Dangerous Minds“ distanziert. Mag der Anfang auch vermuten lassen, dass hier das Klischee der Ghetto-Schüler etwas breitgetreten wird, so wage ich mir gar nicht vorzustellen, wie nah dieses auf uns unrealistisch wirkende Bild Wahrheit in Frankreich ist. Diese Vermutung kommt zumindest auf, wenn der Rest des Films authentisch und intelligent erzählt, inszeniert und gespielt ist.

Eben weil „Heute trage ich Rock“ kein Märchen ist, sondern intelligent aufzeigen will was die Probleme der Gesellschaft sind, gibt er dem Zuschauer auch keine Meinung vor. Er erwartet die gleiche Intelligenz vom Zuschauer, hält ihn für mündig genug, dass er nicht an die Hand genommen werden muss, erreicht damit letztendlich aber auch nur jenes Publikum, dem die Situation ohnehin bewusst ist.

Das wäre aber nur dann schlimm, wenn er mit dem Finger nur auf die anderen zeigen würde. Zwischen den Zeilen macht er jedoch sehr wohl klar, dass der intelligente Bürger ebenso Schuld an diesen Zuständen hat. Wer hat denn beispielsweise die Politikerin gewählt, die nur auf Stimmen und ihre Wirkung auf das Volk achtet? Wer hat diese Frau gewählt, die auf Bildzeitungs-Niveau Worte wie Emanzipation nicht versteht und glaubt Röcke tragen wäre ein Rückschritt der hart umkämpften Gleichberechtigung? Wer lässt zu, dass Schubladendenker die Vorgaben machen, während Bildung und Sozialunterstützung den Bach heruntergehen?

„Heute trage ich Rock“ zeigt uns nebenbei argumentierende Eltern der Unterschicht und zeigt auf, wie nah sie an die Grenzen ihres Denkens geraten. Er macht damit deutlich, wie ungebildete Leute die weit auseinanderliegenden Zusammenhänge nicht geknüpft bekommen. Er zeigt damit aber auch, dass es die Mitschuld jener ist, die im Film kaum vorkommen: die Gebildeten. Was meist zwischen den Zeilen aufflammt, bekommt ab und an ein Gesicht über den Direktor, der längst resigniert hat, sich wahrscheinlich politisch diesen Posten ergattert hat, und längst nichts mehr von der intelligenten Person aufblitzen lässt, die er wohl einmal gewesen sein muss, und sei es auch nur im Bereich der Taktik gewesen.

Lehrer, die sich mit Tricks bei Schülern beliebt machen, ein nicht hinsehender Direktor, eine Politikerin, welche die Schuld bei allen anderen sucht, Religionen, die fragwürdige Vorgaben machen. Der Film steckt voller Menschen und Gruppierungen, die keine Verantwortung übernehmen, ein deutliches Bild heutiger Zustände, auch bei uns. Und so kämpfen nun die Lehrer gegen das, was die Gesellschaft geschaffen hat, gegen Schüler, denen das Wort Verantwortung fremd ist, da es ihnen nie jemand vorgelebt hat, weder Politiker, noch Popstars, weder Führer ihrer Religionen, noch ihre Lehrer.

Ausnahmen bestätigen die Regel, und eine dieser Ausnahmen ist Lehrerin Sonia, die sich nun mit Waffengewalt im schalldichten Theaterraum ein Miniuniversum schafft, in welchem es endlich, wenn auch unter viel Widerstand, zum Dialog kommt. Die Schüler müssen nun zuhören und sich Gedanken machen. Sie müssen sich mit sich und ihrer Situation auseinandersetzen und mit einer Lehrerin, die im Dialog weiß was sie tut, in ihrem Handeln aber längst nicht mehr zurechnungsfähig ist.

Das senkt das Vertrauen der ohnehin schon aggressiven Schüler freilich, und nur wenigen geht ein Licht auf, wie gut es die Frau mit ihnen meint. Allerdings entschuldigt „Heute trage ich Rock“ das radikale Verhalten der Lehrerin nicht, wie es US-Filme wie „Der Prinzipal“ oder „Lean On Me“ machten. Der französische, von arte mitproduzierte Film schaut nicht auf amerikanische Werke gleichen Themas und auf naive deutsche Filme wie „Der Pauker“ und „Der Jugendrichter“ schon mal gar nicht. Einzig der Selbstjustiz-Thriller „Die Klasse von 1984“ blitzt kurz auf, gab es dort doch auch eine Szene, in welcher ein durchgedrehter Lehrer mittels Waffengewalt seinen Unterricht leitet und dadurch endlich einmal Antworten von Problemschülern erhält. Von der Mentalität dieses Filmes ist Lilienfelds Werk jedoch ebenso weit entfernt wie von den anderen Vergleichsfilmen.

Regisseur Jean-Paul Lilienfeld schafft etwas unglaubliches: er schafft es das Treiben in der Geiselsituation authentisch wirken zu lassen. Der Dialog der Schüler untereinander und der zur Lehrerin entsteht nicht durch ein Wunder. Er entsteht nicht einmal schnell und auch nicht mit gleichem Ergebnis bei jedem Teenager. Lilienfeld zeigt auf was mit Dialog möglich ist, wenn Politik zulassen würde, dass mehr Geld in Bildung und Soziales einfließen würde. Interessant dass der Film diese Erkenntnisse unter Waffengewalt provoziert. Er richtet sich an die Verantwortlichen. Was ist das für eine Gesellschaft, in der es der Kriminelle ist, der das Richtige tut? Keine Frage am Rande, sondern der versteckte Kern einer verantwortungslosen und kriminellen Gesellschaft, die unserer nicht unähnlich ist.

Dass es auch bei der Polizei nur um Machtspielchen und Karrieren geht, um billige Tricks und Lüge, beweist der Film in seinem Subplot ebenso, wie die Ausnahme dieser Regel, in Form eines Gesetzeshüters, der noch an das glaubt was er tut. Neben Lehrerin Sonia ist er der einzige erwachsene Charakter der zu seinen Worten steht, ein Trostpflaster für den Zuschauer, ein Hoffnungsschimmer für die Gesellschaft.

Einzig der Schluss ist dem Film anzukreiden, bedient er sich doch einer Ausflucht, die bei provozierenden Dramen doch gerne genutzt wird. Mich verärgert dies meist (eine positive Ausnahme war „Kinder ohne Gnade“), da es bei mir den Eindruck erweckt, dass der Schreiber der Geschichte selber nicht weiß wie es weiter geht. Ein ebensolcher Eindruck ist der Gedanke, man glaube damit nun den Dramatikanteil zum Schluss noch einmal hochschaukeln zu können. Doch auch das halte ich für einen Irrtum. Ein solcher Schluss ist nichts weiter als eine feige Ausflucht nicht erzählen zu müssen, wie es mit Sonia weitergeht. Mag sein, dass es die Aussage impliziert, dass Menschen wie Sonia ohnehin keine Zukunft haben. Wie auch immer, mir stößt das Ende sauer auf.

Von diesen Worten sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen, denn „Heute trage ich Rock“ ist eine wahre Empfehlung. Er ist ein intelligenter TV-Film, der einfach zeigt wie es ist. Antworten bekommt man nicht ohne sich mit dem Gezeigten zu befassen. Der Film will es dem Zuschauer schließlich nicht zu einfach machen, ist er es doch mit schuld, dass die Situation so ist, wie der Film sie aufzeigt.


Trailer,   OFDb

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