Freitag, 23. November 2012

VATERLAND (Fatherland 1994 Christopher Menaul)


Hitler hat den Krieg gewonnen. Wir schreiben das Jahr 1964. Kurz vor Hitlers 75. Geburtstag wird bekannt gegeben, dass sich Amerika und Germanien politisch nähern wollen, um den kalten Krieg zu beenden. Da die Schlachten im Osten kein Ende nehmen, hat Hitler eine Partnerschaft mit Amerika dringend nötig. Just in jenen Tagen wird Sturmbannführer März, ein Kriminalist, auf einen Mordfall angesetzt. Der Tote entpuppt sich als hoher Nazi erster Tage. Als März dahinter kommt, dass jeder Teilnehmer einer sogenannten Wannseekonferenz aus Kriegstagen stirbt, wird er auch schon vom Fall abgezogen. Zusammen mit einer amerikanischen Reporterin geht er der Spur dennoch weiter nach und stößt auf ein schreckliches Geheimnis...


Germanien über alles...

Dass Hitler den Krieg gewonnen hat, halte ich für eine ausgesprochen interessante Alternativuniversum-Idee, umso enttäuschter war ich damals, wie routiniert und spannungsarm der Film umgesetzt ist. Seitdem sind Jahre vergangen, und nun, nachdem ich kürzlich den Roman zu Ende gelesen habe, auf dem der Film basiert, habe ich den Streifen auf ein neues ausgebuddelt. Das Buch war richtig gut, was stimmte mit dem Film nicht?

Zunächst muss ich einräumen, dass ich kein Fanatiker bin, der dringend eine 1 zu 1-Umsetzung benötigt (wobei diese wirklich wünschenswert wäre). Dass zu Filmzwecken gestrafft werden muss, Personen charakterlich abgeändert werden und andere Veränderungen vorgenommen werden, ist üblich und lässt sich auf normaler Spielfilmlänge auch meist nicht vermeiden. Solche Änderungen sind aber nur dann legitim, wenn der Film einer eigenen Dynamik, Aussage und/oder Psychologie folgt. Und genau das ist in „Vaterland“ nicht zu erkennen.

Der Roman war clever verschachtelt, vermied Klischees beim Versuch die Grundidee so realistisch wie möglich umzusetzen, und er war vor allen Dingen psychologisch clever insbesondere wenn es darum ging, mit welchen Mitteln er es schaffte Spannung zu erzeugen. Denn eines war dem Autor von Anfang an klar: was März herausfinden würde, war für ihn ein Schock, dem Leser jedoch längst bekannt. Also musste der Autor auf andere Bereiche setzen, um Spannung zu erzeugen. Nicht aber die Verantwortlichen der amerikanischen Verfilmung.

Dass Millionen Juden von den Nazis getötet wurden, wird uns hier als Auflösung der Geschichte geboten, inklusive eines hektischen und viel zu einfachen Versuchs, das Bündnis zwischen Amerika und Germanien zu verhindern. Im Roman wäre das gar nicht möglich gewesen, allein weil dort bereits die Fragwürdigkeit des amerikanischen Präsidenten am Rande angesprochen wurde, ein Aspekt, der in einer US-Verfilmung nicht auftauchen durfte. Es wäre aber auch deshalb in der Buchvorlage nicht möglich gewesen, da Germanien ein düsterer Ort ist, voll cleverer Spione, bewohnt von einem Volk, dass auf Militärstaat-Basis sich zwar individuell entwickelt, aber darauf gedrillt ist Andersdenkende zu melden.

Das Germanien im Film ist ein Ort des Klischees. Alle Deutschen gucken bieder böse drein, aber richtige Angst scheint im Überwachungsstaat keiner zu haben. Ein Mann der um sein Leben bibbert, kann mal eben in aller Öffentlichkeit eine amerikanische Reporterin kontaktieren. Ein Vater kann seinen Sohn zum christlichen Tischgebet überreden, obwohl das Christentum verboten ist und selbst Kinder kein Problem damit hätten, ihre Eltern zu melden.

Und dieses von mir gewählte Beispiel geht noch viel tiefer. Es betrifft nämlich die Hauptfigur März, lustlos gespielt von Rutger Hauer. Der war im Roman nie ein Christ und wurde es im Film nur deshalb, weil er aus Ami-Sicht etwas positives in den Charakter integriert bekommen musste, damit man zu ihm hält, obwohl er ein überzeugter Nazi ist, der sogar kurz vor der Chance einer Beförderung steht. Schade dass dies geändert wurde, denn März war im Roman von seinem Land und deren Gesetze überhaupt nicht überzeugt. Eine Akte über seine Staatslästereien und anderweitigen Vergehen ist längst bekannt. Dass diese gegen ihn angewandt wird steht kurz bevor. Und nun stößt dieser Mann auch noch auf die Juden-Wahrheit. Eine prekäre Situation, die aus verschiedensten Gründen für ordentlich Spannungspotential sorgte.

Da in der amerikanischen Verfilmung jedoch kein Individualismus unter Nazis in Friedenszeiten möglich ist (selbst der dicke, gemütliche Kollege Jäger wurde im Film als typischer Klischee-Nazi gecastet), musste auch der Hauptcharakter angepasst werden. Dass er Christ ist verärgerte mich zwar ein bisschen, aber was seine anderweitige charakterliche Veränderung betraf, so wollte ich erst den weiteren Verlauf des Films abwarten, bevor ich schimpfte. Meine letzte Sichtung war schon lange her.

Leider ergibt die Veränderung des März-Charakters keinen anderen Sinn, als das Klischeebild deutscher Nazis aufrecht zu erhalten. Für nichts anderes ist diese Änderung gut, und damit schadet sie dem Film, da nun der Spannungsbogen aus dem Buch durch nichts ersetzt wurde. Aha! Die Auflösung ist, dass viele Juden von Nazis getötet wurden. Na das ist doch mal eine Überraschung!

Da dem Film nun sowohl Spannungsgehalt als auch eine überraschende Auflösung fehlen, baut man einzig auf billige Schauwerte. Da kommt den Verantwortlichen die Kostengünstigkeit einen Trupp Uniformierte im Hintergrund zu zeigen wohl sehr gelegen. Ein solches Zeigen ist eigentlich nicht falsch um den Alltag in Nazi-Deutschland zu zeigen, aber man sieht wie damit übertrieben wird, wie sie als Ersatz für aufwendige Kulissen dienen und wie sich das häufige Auftauchen solcher Truppen im Hintergrund vereint mit viel zu häufig gezeigten Hakenkreuzen, plump ins Bild gedrängte Statuen von Hitler und dem Zeigen biederer deutscher Gesichter, wie sie sich im Klischee der Ami schon immer vorgestellt hat.

Ironischer Weise ist die Verfilmung, und mit ihr das Weltbild der Amerikaner, wesentlich biederer als Nazi-Deutschland im Buch je war. Das zeigt sich z.B. bei der Charakterzeichnung der amerikanischen Journalistin, die clever, taff und emanzipiert war, und damit März vor den Kopf stieß, der eigentlich nur die braven Hausfrauen kannte. Während Charlie Maguire, so ihr Name, ihn im Roman des öfteren dumm aussehen lässt, ist die Dame im Film ein Püppchen, das stets auf die Hilfe März angewiesen ist, eben so wie der Amerikaner das weibliche Geschlecht gerne sieht.

So bleibt „Vaterland“ ein hohles Gefäß, dass mit billigen Schauwerten und seiner guten Idee sicherlich Interesse zu wecken weiß. Leider schafft er dies nur mit quantitativen Mitteln und rutscht nach und nach immer mehr in die Belanglosigkeit ab, wenn man sich erst einmal an ein Nazi-Deutschland in den 60er Jahren gewöhnt hat und ein Spannungsbogen dringend nötig wäre. Klar funktioniert eine solche Geschichte trotzdem irgendwie, leider aber nur auf gleichem anspruchslosen Niveau wie „Die Nichte – Hitlers verbotene Liebe“. Eine ernste Auseinandersetzung mit der Geschichte und möglichen Warums und Vielleichts ist das aber beides nicht.

Positiv hervorheben kann man den auf 75 Jahre zurechtgetrimmten Hitler, dessen Anblick einen schon in seinen Bann zieht und die deutsche Stimme im einleitenden Off-Kommentar, der aber leider auch zu früh viel zu viel verrät.

So hoffe ich nun doch darauf, dass mal irgendwer das Buch möglichst original verfilmt. Dazu würde man zwar eine TV-Mini-Serie benötigen, um dem Inhalt gerecht zu werden, aber in Europa gedreht und die psychologische Cleverness der Lektüre im Auge behaltend, könnte daraus ein großartiges Werk werden.

Es war allein schon ein Fehler der Verfilmung den Zustand Germanien so in den Mittelpunkt zu hieven. Im Roman wirkt das großdeutsche Reich fast nebensächlich, es ist halt der Ort der Geschehnisse. Im Mittelpunkt steht ein Kriminalfall über den sich nach und nach das uns in unserer Realität romanfremde Deutschland herauskristallisiert. Aber wie schon erwähnt hat es die Verfilmung ohnehin nur auf den plumpen Schaueffekt abgesehen und auf typische Pro-Amerika-Propaganda, statt auf eine intelligente und tiefgehende Befassung mit dem so unheimlichen Gedanken Hitler hätte den Krieg gewonnen.


OFDb

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