Sonntag, 2. Dezember 2012

THE WONDERFUL WIZARD OF OZ (1910 Otis Turner)


Gerade spielt Farmerskind Dorothy noch mit ihrem Freund, der Vogelscheuche, da weht ein starker Wind sie ins zauberhafte Land Oz. Dort werden sie von einer bösen Hexe verfolgt, treffen während ihrer Wanderung aber auch neue Freunde...


Der Zauberer von Oz in 13 Minuten...

Wer kennt es nicht, „Das zauberhafte Land“, einen der wundervollsten Filme, die je in den Lichtspielhäusern aufgeführt wurden. Nur wenige wissen, dass es bereits 1925, zu Zeiten des Stummfilms, einen Langfilm zu dem Thema gab. Der hatte mit der Geschichte wie wir sie kennen jedoch nur wenig gemein, Parallelen waren aber durchaus gegeben. Doch schon „Der Zauberer von Oz“, in dem auch Oliver Hardy mitspielte, war nicht die erste Verfilmung.

1910 drehte Regisseur Otis Turner den 13-Minüter „The Wonderful Wizard Of Oz“, einen Fantasy-Kurzfilm, der sich des exakten Titels der Buchvorlage bedient. Im Gegensatz zu dem Werk, das 15 Jahre später erscheinen sollte, orientiert man sich stärker am Buch. Das zeigt mir persönlich jedoch nur der Vergleich mit dem berühmten Musical aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, denn ich kenne das Buch nicht. Deswegen kann ich im folgenden nur auf die besagte dritte Verfilmung verweisen.

Einen inhaltlichen Unterschied gibt es direkt zu Beginn, wenn eine lebendige Vogelscheuche mit der kleinen Dorothy herumhampelt, noch bevor sie überhaupt in Oz angekommen sind. Wieso lebt sie? Keine Ahnung! Sie werden gemeinsam ins Fantasie-Land herübergeweht und mit ihnen zwei Esel, gespielt von Menschen im Kostüm.

Die Geschehnisse um das Land Oz selbst sind auch anderer Natur, stehen der Zauberer von Oz und die böse Hexe doch in einem ganz anderen Bezug zueinander als in dem Musical. Hatte ich bei einem Film von etwas über 10 Minuten lediglich mit einem erheblich zusammengestrafften Werk gerechnet, so überrascht er doch mit einigen anderen Geschehnissen, während er anderes komplett unter den Teppich fallen lässt. Zauberschuhe gibt es nicht. Stattdessen verwandelt die gute Hexe den Hund Toto zu einem wahren Beschützer, so als habe He-Man seinen zahmen Tiger nun in Battle-Cat verwandelt.

Totos erste Reaktion auf seine Verwandlung ist das Jagen des erstmals auftretenden Löwen, der diesmal keinen feigen Eindruck macht, stattdessen einen sehr zahmen und lieben. An der Situation um den Blechmann wurde nichts verändert, lediglich dass man erst nach dem Löwen auf ihn stößt ist ein Unterschied. Ansonsten darf er, wie bekannt, eingerostet im Wald stehen, mit Öl wiederbelebt werden und sich dann den anderen Wandersleuten anschließen. Die Esel bleiben auf der Tour durch Oz übrigens weiterhin ganz normale Esel.

Was die Truppe merkwürdiger Gesellen eigentlich möchte, schafft der Film nicht herauszuarbeiten. Verstand? Mut? Ein Herz? Keine Ahnung! Nur eines ist sicher, sie wollen den Tod der bösen Hexe, und den erreicht Dorothy wie im Vergleichswerk durch einen Eimer Wasser. 1939 erreicht sie dies nur per Zufall, 1910 war es pure Absicht. Ein Schriftzug verrät uns kurz, dass Dorothy herausgefunden hat, dass Wasser die Hexe tötet, und schwupps ist die böse Dame auch schon nass und stirbt.

Auch wenn man ohne Kenntnisse der berühmteren Verfilmung wenig durchblickt, Otis ist damals ein netter Film gelungen. Das fängt bereits bei den hübsch gemalten Kulissen an (wie für das Erscheinungsjahr üblich, schaut sich der Film wie abgefilmtes Theater) und endet in den liebevoll gestalteten Kostümen. Sie erreichen zwar nur das Niveau heutiger Karnevalskostüme, aber die sind mittlerweile ja auch nicht ohne. Ob mutierter Toto, die Esel oder der Löwe, sie alle sehen toll aus und wirken trotz herumhüpfender Darsteller im Kostüm zu keinem Zeitpunkt lächerlich. Auch die Hexe wirkt recht düster, am besten gefallen hat mir jedoch der Blechmann, der seinem Ebenbild aus der späteren Verfilmung in nichts nachsteht.

„The Wonderful Wizard Of Oz“ arbeitet bereits mit filmischen Spezialeffekten, wie der Ausblendung der bösen Hexe aus dem Bild durch Dunkelheit. Dennoch kann es sein, dass das Stück selbst auch tatsächlich als Theaterstück aufgeführt wurde. Immerhin wird viel getanzt, und welchen Sinn sollte das in einem stummen Film haben, wenn es darüber hinausgeht pure Fröhlichkeit unter Freunden zeigen zu wollen?

Liebhaber des berühmten „Das zauberhafte Land“ sollten mal 13 Minuten Zeit opfern und einen Blick riskieren. Der Mix aus inhaltlichen Unterschieden und erstaunlichen Parallelen (das Spiel der Vogelscheuchen-Darsteller gleicht sich überraschend stark) macht den Film auch heute noch zu einem Hingucker. Dass die Geschichte an sich bei solch kurzer Laufzeit wackelt, sollte jedem jedoch vorher klar sein. 


OFDb

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