Donnerstag, 31. Januar 2013

DER MÖRDER (Le meutrier 1962 Claude Autant-Lara)


Die Frau des Buchhändlers Kimmel wird tot aufgefunden. Er hat ein Alibi. Walter Saccard verfolgt den Fall über die Medien und ist fasziniert, spielt er doch selbst mit dem Gedanken seine Frau umzubringen. Also kontaktiert er Kimmel. Als Saccards Frau tot aufgefunden wird, entdeckt die Polizei die Parallelen zwischen beiden Kriminalfällen und hofft nun auch Kimmel endlich überführen zu können. Dieser wird für einen Verbündeten Saccards gehalten, obwohl er nie von dessen Plänen erfuhr. Saccard wiederum ist unschuldig, da seine Frau Selbstmord begangen hat. Die Schlinge beider Männer zieht sich mit dem Entlüften jeder einzelnen Lüge, welche beide der Polizei vorgesetzt haben, weiter zu...


Über das Wachsen von Gedanken...

Die erste Überraschung von „Der Mörder“ erleben wir direkt zu Beginn. Kimmel tötet seine Frau, und wir sind mit dabei. Dass er es war ist kein Geheimnis. Ebenso wenig wie später die Tatsache, dass Saccards Frau nicht von ihrem Ehemann getötet wurde. Die Kriminalpolizei tappst ahnungslos in ihren Ermittlungen hin und her, geht Vermutungen und Indizien nach, so wie es in einem Kriminalfilm häufig der Fall ist. Da die Sachlage für den Zuschauer jedoch klar ist, befinden wir uns gar nicht in einem solchen und erleben das sonst so bekannte Szenario auf einer anderen Ebene und somit aus der Sicht eines anderen Genres, dem des Thrillers.

Denn letztendlich ist der Zuschauer den ganzen Film über Partner und Zeuge Saccards, eines Mannes der keineswegs sympathisch ist, aber auch kein Verbrecher. Gerade der Aspekt dass er mit dem Gedanken spielte seine Frau zu töten wird ihm in den Augen des schnell verurteilenden Zuschauers zum Verhängnis. Dabei ist es der Film selbst, der im letzten Drittel seinen Helden in Schutz nimmt, wenn der Kommissar mit der Geliebten Saccards darüber debattiert wie aus einem flüchtigen Mordgedanken eine Faszination wächst und der mutierte Gedanke und der flüchtige den Mörder von einem Normalbürger unterscheidet.

Regisseur Autant-Lara, der ein Jahr zuvor „Der Graf von Monte Christo“ inszenierte, konzentriert sich bewusst auf das meist zufällig Verwobene des Falls. Saccard zieht Kimmel ungewollt in seinen Fall mit hinein und gefährdet damit gleichzeitig die Geheimhaltung des Mordes den Kimmel wiederum begangen hat. Der Kommissar spielt beide gegeneinander aus, wissendlich dass beide in Kontakt standen, aber unwissendlich das Kimmel in Saccard lediglich einen Kunden sah. Hinter den Indizien, die für den Kommissar völlig unprofessionell viel zu voreilig Beweise sind, steht eine völlig andere Wahrheit. Und die Methoden des Polizisten ketten nun die Schicksale Kimmels und Saccards aneinander.

Beides sind völlig unterschiedliche Charaktere (einer gespielt von Gert Fröbe, der damit ein wenig an seine Rolle aus "Es geschah am hellichten Tag" anknüpfen kann). Das macht dieses verwobene Netz der Zufälle und Fehler so interessant, zumal man nie weiß, anbei bis zum Schluss, was die wirklichen Absichten und Vermutungen des Kommissars waren. Wann hat der Polizist gepokert, wann hat er treffsichere Fallen gestellt? Meist bleibt dies Ansicht des Zuschauers.

Meiner Meinung nach hätte dieses wunderbare Katz- und Mausspiel noch eine Spur besser funktioniert, wenn man zu Beginn nicht gezeigt hätte wie Kimmel Frau Kimmel umbringt. Dann hätte es auch für den Zuschauer im Kriminalfall selbst, Genre Thriller hin oder her, dunkle Momente und Möglichkeiten zur Überraschung gegeben. Eine Alternative in welcher beide Männer unschuldig sind hätte ich zumindest sehr reizvoll gefunden. Vielleicht musste zur damaligen Zeit die Trennung nach Gut und Böse zumindest ein bisschen einsichtig für den Zuschauer sein, eben weil „Der Mörder“ diese für seine Zeit bereits so gekonnt vermischt wie es später in Filmen wie „Kap der Angst“ und somit heute für unsere Sehgewohnheiten normal ist.

Dass Saccard in den Augen der Polizei deswegen als unschuldig am Tod seiner Ehefrau gilt, da er einen anderen Mörder überführte, ist naives wie überholtes Denken und in diesem Punkt nur einer vieler Momente und Gedanken, die „Im Schatten einer Nacht“ (Alternativtitel) in seiner Entstehungszeit zurück lassen. Vieles von dem was man hier sieht ist längst überholt, und gerade die Fehler die Saccard beim Belügen der Polizei macht wirken mit heutigen Augen so tollpatschig, dass man den Film immer wieder mit den Augen seiner Zeit betrachten muss, um ihm gerecht zu werden. Andererseits verweist bereits der Titel der Buchvorlage, "Die Stümper", darauf, dass man sich schon seinerzeit darüber bewusst war, wie fehlerhaft die beiden Verdächtigen vorgehen, der eine gelenkt durch seine Triebe, der andere durch seine undurchdachte Art.

Für die damalige Zeit war "Der Mörder" mit dem oben genannten Verwischen von Gut und Böse und auch mit seinem bösartigen, vielleicht gar selbstgerechten Schluss fortschrittlich erzählt. Und die Dynamik, welche die Geschichte nach einer ausführlichen Einleitung, welche den Zuschauer zwangsweise an Saccard kettet, entfacht (gerade im unfreiwilligen Aneinanderbinden der beiden Verdächtigen) ist derart wirkungsvoll, dass man den modernen Blick gerne abnimmt und den Film noch einmal so naiv wie einst guckt. Nur dann kann man auch erkennen, dass Autant-Laras Werk, welches u.a. auch den Alternativtitel „Der Schatten der Laura S.“ trägt, keineswegs naiv erzählt ist und ganz genau weiß warum er seine Geschichte so erzählt wie er es tut.


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