Sonntag, 27. Januar 2013

DIE PUPPE (1919 Ernst Lubitsch)


Um eine wahre Hochzeit zu umgehen, ehelicht der Neffe eines Barons eine neuartige, lebensechte Anfertigung eines Puppenmachers ohne zu ahnen, dass dieser ihm versehentlich seine Tochter mitgegeben hat, die Model für die Puppe stand...


Mit Puppen kann man nur spielen...

Auch am Drehbuch beteiligt, inszenierte Regisseur Ernst Lubitsch ein Jahr nach dem etwas bekannteren „Die Augen der Mumie Ma“ (anbei einer von acht gedrehten Langfilmen Lubitschs 1918) eine Komödie mit dem schlichten Titel „Die Puppe“, eine Namensgebung aus der Sicht der ahnungslosen Hauptfigur Lancelot, ist der Zuschauer im Gegensatz zu ihm doch von Anfang an eingeweiht, dass er es bei der Verlobten nicht mit einem künstlichen Objekt, sondern einem menschlichen Wesen zu tun hat.

Bis es zum eigentlichen Ziel-Thema kommt, wird in der Einleitung wahrlich nicht mit Ereignissen gespart. „Die Puppe“ hat immer etwas zu erzählen, und witzig wird es noch lange Zeit vor dem eigentlichen Star. Da darf auf geradezu klassische übertriebene Art der Neffe sich jammernd der Ehe verweigern, da wird auf typische Slapstick-Art seiner Zeit a la Charlie Chaplin der arme Kerl von einer Horde Frauen durch die Stadt gejagt, mit einer grotesk wirkenden laufenden Menschenschlange, die immer wieder die selbe Straße kreuzt, so dass ein Kameraschwenk oder gar ein Schnitt nie nötig werden.

Und da wird das Mönchsleben recht bösartig auf die Schippe genommen, in dem dicke Gläubige jammern dass es kaum mehr was zu Essen gibt, ordentlich gespeist wird, während dem Gast eine klägliche Scheibe Brot gereicht wird. Zu guter Letzt ist es gar die Idee der Mönche, aus einer Gier heraus, den Flüchtling zu überzeugen er möge eine Puppe heiraten. Ein unchristlicher Gedanke einer Bande Egomanen, kein Wunder dass die katholische Filmkritik seinerzeit keine positiven Worte für Lubitschs Werk übrig hatte.

Wenn es Lancelot nach etwa 20 Minuten dann endlich zum Puppenmacher verschlägt, steht überraschender Weise zunächst sein junger Lehrling im Mittelpunkt, der auf Lausbuben-Art dem Meister den letzten Nerv raubt und so spielt, wie man es noch heute aus dem volkstümlichen Theater kennt. Ob Hansi Kraus als Lausbub, die Bubenrollen im Millowitsch-Theater, schon zu Zeiten von „Die Puppe“ war das Spiel des Jungen sicherlich längst klassische Komik.

Tochter Ossi, die zum Puppenersatz wird nachdem das verkaufte Produkt kaputt gemacht wurde, wird als verzogenes Gör präsentiert, immer den Schalk im Nacken und deswegen auch sofort bereit dem Lehrling den Rücken zu decken, indem sie sich als die Puppe ausgibt. Doch auch wenn ihr Part schon zu Beginn recht frech angelegt ist, so richtig in Fahrt kommt sie erst über die Rolle der Puppe, die sie nutzt um gegen Institutionen zu rebellieren, gegen die sie sonst keine Chance hätte. Hier darf sie nun Schabernack treiben, der sie als menschlicher Täter sofort ins Gefängnis gebracht hätte.

Sie spielt mit den Mönchen, die durch ihre Abstinenz das weibliche Wesen, und sei es auch nur künstlich, lüstern anstieren. Sie spielt auf der Hochzeit mit dem Adel und freilich erst recht mit dem Neffen des Barons, ihrem zukünftigen Gemahl, der von ihr immer wieder barsch zur Ordnung gerufen wird. „Die Puppe“ könnte diesbezüglich auch die Zuständigen von „Das Spielzeug“ mit Pierre Richard beeinflusst haben. Nur brauchte dieser in den 70er Jahren nicht mehr vorgeben eine Puppe zu sein um der Dekadenz höher gestellter Personen mit Provokation entgegen zu treten. Er musste sklavenartig lediglich ein menschliches Spielzeug sein.

Dieser Schritt wäre 1919 sicherlich der Provokation zu viel gewesen. Nicht dass Lubitsch („Sein oder Nichtsein“) seine Geschichte diesbezüglich zurückhaltend erzählen würde, was die von mir angerissenen Beispiele ja bereits deutlich machen, aber „Die Puppe“ soll nie ernsthaft Gesellschaftskritik sein. Die hier besprochene Komödie soll leichte, freche Unterhaltung sein, nicht mehr und nicht weniger.

Seinerzeit wurde Lubitsch selbst mit diesem simplen Anliegen von der Kritik vorgeworfen zu oft ins Possenhafte abzurutschen. Das kann man wahrlich nicht abstreiten. Andererseits ist es genau diese unverkrampfte Art des Klamauks, die Werke der frühen Filmtage immer wieder so sehenswert macht. Blödelt man heutzutage so hemmungslos in einem Werk fürs Massenpublikum, dann ist das ganze Werk auf einem solchen Stil gestützt („Der Schuh des Manitu“, „Police Academy“, ...), damals wendete man diese heute so verpöhnte Humorrichtung noch in ganz normalen Komödien an, und das noch lange Zeit nach dem Stummfilm („Die unsichtbare Frau“ 1940, „Eine Leiche zum Dessert“ 1976).

Nennenswert ist zudem noch die Musikuntermalung in der von mir gesehenen Fassung, in welcher Martin Smolka in unserem noch so frischen Jahrzehnt einen Hintergrundsound kreierte, der gewagt und gewöhnungsbedürftig ist, meiner Meinung nach aber auch treffsicher. Über so arg moderne Musik in einem solch klassischen Werk kann man sicherlich geteilter Meinung sein, aber sie passt sich einfach wunderbar der heute so grotesk wirkenden Überzeichnung von Schauspiel und Komik an. Mut macht sich im Bereich der laufenden Bilder halt immer wieder bezahlt.

Freunde des Stummfilms sollten sich „Die Puppe“ ruhig einmal zu Gemüte führen. Lubitsch selbst betonte mal, dass dieses Werk zu einem seiner liebsten in seinem Gesamtwerk gehöre. Ich würde das Ergebnis des hier besprochenen Streifens nun nicht gerade über den grünen Klee loben, aber ein charmanter, kurzweiliger Film ist dem guten Mann sehr wohl geglückt. Und dank der an sich zeitlosen Grundidee ist die Geschichte ohnehin selbst heute noch ein kleiner Selbstläufer.

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