Donnerstag, 31. Januar 2013

DER SPRINGTEUFEL (1974 Heinz Schirk)


Ein Geschäftsmann nimmt einen Anhalter mit, der sich als entlaufener Psychopath entpuppt...


Psycho Nonsens...

Wem heutzutage der Name Dieter Hallervorden noch ein Begriff ist, der assoziiert ihn in der Regel mit dem Wort Komik, war der gute Mann, der mit der Comedy-Sendung „Nonstop Nonsens“ berühmt wurde und in den 80er Jahren gar eine kurze Zeit als der beliebteste Komiker Deutschlands galt, doch seit seinem Erfolg stets auf den Humorbereich abonniert. Dies allerdings nicht weil der Witz ihm so am Herzen lag, sondern weil er, laut eigener Aussage in einem Audiokommentar, danach nie wieder die Chance bekam sich in anderen Bereichen auszutoben.

Vor seiner Komiker-Karriere konnte er zumindest ab und an auf anderen Pfaden schlendern. So war sein Auftritt als Auftragskiller in dem damaligen Skandal-Film „Das Millionenspiel“ eine gelungene und mit Blick von heute abwechslungsreiche Darstellung. Dieser Auftritt war nicht überragend, aufgrund der eher kleinen Rolle aber zumindest gut genug gespielt um positiv zu wirken.

Hört man, dass Hallervorden vier Jahre später den Psychopathen in einem Thriller als Hauptrolle spielen durfte, wird man aufgrund des 1970 erschienenden Streifens schon recht neugierig, zumal die Geschichte minimalistisch angelegt war, was meist für einen recht intensiven Stoff spricht. Sicherlich war „Der Springteufel“ lediglich eine TV-Produktion, aber Werke wie „Die Delegation“ und „Welt am Draht“ zeigen, dass das damals keineswegs für anspruchslose Unterhaltung stehen musste.

Leider ist „Der Springteufel“ in meinen Augen nicht rückwirkend der wundervolle Ausnahmefilm geworden, den ich mir als Bewunderer der Komik und der Schauspielkunst Hallervordens erhofft hatte. Gerade letzter Punkt, jener der Schauspielqualität, sticht als einer der Negativpunkte des Streifens hervor, überzeugte mich Hallervorden doch für keinen einzigen Augenblick eine ernstzunehmende Gefahr für den Geschäftsmann zu sein, der ihn als Anhalter mitnahm.

Aus seinen vielen anderen Filmen weiß ich, dass es Hallervorden besser kann. Seine Schuld allein ist das maue Ergebnis von „Der Springteufel“ aber ohnehin nicht, ist doch der komplette Streifen realitätsfern inszeniert und zu keinem Augenblick nachvollziehbar, packend oder realistisch genug um in die Geschichte mit einzusteigen. Stets bleibt der Film ein Produkt, eine Geschichte die man passiv betrachtet. Nie darf man mit eintauchen. Zwar mag das unrealistische Einkleiden ein gewolltes Stilmittel von Regisseur Heinz Schirk sein, immerhin macht der Streifen an vielen Stellen deutlich eine Groteske sein zu wollen, aber funktionieren will das nicht, zumal „Der Springteufel“ eine erstaunlich schlichte Geschichte erzählt, deren Auflösung vorausschaubar ist.

Mehr noch, die finale Pointe funktioniert nur für einen kurzen Augenblick, bis zu dem Zeitpunkt, wo man sich bewusst macht, dass der Irrtum spätestens in der Nervenheilanstalt wieder aufgedeckt werden wird. Doch auch ohne dieses Makel ist die Pointe keineswegs pfiffig oder zumindest sympathisch, allein schon deshalb, weil Schirk etwa eine Stunde braucht um auf diese hin zu arbeiten. Das hätte noch bei einem Kurzfilm von 20 Minuten funktionieren können, aber bereits die geringe Laufzeit von 54 Minuten überschreitet die Geduld des Zuschauers, zumal das Psychospiel des Anhalters sich selbst dann noch wie albernes Kasperletheater schaut, wenn der freiwillig humoristische Part längst Vergangenheit ist.

Dieser hat es mit Blick von heute dafür in sich, erleben wir doch einen Einstieg in die Geschichte, der einen glauben lässt, man befände sich in einem eingespielten Film aus Hallervordens Erfolgssendung „Nonstop Nonsens“. Der Komiker spielt, sieht aus und betont genau so wie viele seiner Rollen aus besagter Sendung, ja selbst der Stil des Films ist belustigend gemeint, um dann irgendwann aus dem wirren Geplapper einer Quasselstrippe eine Bedrohung für den Autofahrer werden zu lassen.

Von Täuschung könnte man jedoch nur reden, wenn „Der Springteufel“ nach „Nonstop Nonsens“ entstanden wäre, die Comedy-Sendung startete jedoch erst ein Jahr nach der Premiere des hier besprochenen Thrillers. Somit ist der Einstieg kein raffiniertes Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers, sondern lediglich ein ungewohntes Stilmittel, bei dem ich mir nicht vorstellen kann, dass es 1974 ohne Kenntnisse der späteren Karriere Hallervordens Wirkung besessen haben könnte.

Aber da mag ich mich nun täuschen, trifft der innere Ton doch zumindest den Zeitgeist des Entstehungsjahres, ein Punkt bei dem zumindest gekonnt mit den Erwartungen des Zuschauers gespielt wird. Darf dieser sich nämlich nun eine gehörige Zeit lang die klassische Diskussion zwischen Arm und Reich anhören, mit den ewig gleichen linksgearteten Vorwürfen, so distanziert sich der Film nach einiger Zeit der Täuschung gekonnt von dieser Grundhaltung und straft sie als halbgebildetes Geschwafel, wohl der Höhepunkt des sonst eher enttäuschenden Streifens.

Das fatale an „Der Springteufel“ ist, dass er psychologisch nicht zu funktionieren weiß. Die Vorlage ist ausländischer Herkunft, ein nennenswerter Fakt, da die Pointe im Heimatland der Printmedie funktionieren mag, in Deutschland, ein Land welches seit langer Zeit bereits Personalausweise mit Lichtbild eingeführt hat, aber nicht glaubwürdig ist. Gleiches gilt allerdings schon für die Grundsituation, auf die alles basiert. Wer selbst schon einmal getrampt ist, der weiß dass allein die Wahrscheinlichkeit, dass ein BMW- oder gar ein Mercedes-Fahrer anhält um einen mitzunehmen, schon sehr gering ist. Den Springteufel nimmt ein reicher Geschäftsmann mit, der einen wesentlich weniger durchschnittlichen Wagen fährt, als die von mir genannten Beispiele.

Kürzlich in einer kleinen Gruppe interessierter Cineasten geguckt, stellte sich recht früh die Frage, warum der Autofahrer den unangenehmen Fahrgast nicht längst rausgeworfen hat. Selbst wenn man bedenkt, dass vor dem Aufkommen der Political Correctness die Mentalität der Streitgesellschaft herrschte (was ein wichtiger Fakt dafür wäre, dass radikal ehrliche Worte, die zwischen Fahrer und Gast hin und her wechseln und die man heute viel zu voreilig als verletzend werten würde, nicht so schnell für eine Trennung führen wie es heutzutage der Fall wäre), versteht man nicht, warum es erst so spät zu einem Rauswurf, bzw. den Versuch dessen, kommt. Die Grenze des Erträglichen wird vom Anhalter auf eine ganz andere Art überschritten, die auch damals schon für einen vorzeitigen Rauswurf genügt hätte: das respektlose Verhalten, so wie das achtlose in Gefahr bringen beider Parteien.

Man sieht also, überall wackelt es gewaltig in diesem Film, der einem weder auf groteske noch auf spannende Art und Weise in seinen Bann zu ziehen vermag, nicht einmal in der abscheulichen Szene, in welcher der Psychopath den Geschäftsmann dazu zwingt recht eklige Lebensmittel zu sich zu nehmen. Dank einer Laufzeit von unter einer Stunde schaltet man nicht frühzeitig ab, und die ungewohnte Erzählweise weiß zumindest in der Theorie phasenweise zu interessieren, aber unterhaltungstechnisch und vom Anspruch her bietet „Der Springteufel“ gar nichts. Das ist schon sehr schade, zumal ich mir von diesem Werk von Heinz Schirk („Die Wannseekonferenz“) das Gegenteil erhoffte.


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