Samstag, 26. Januar 2013

TUNNEL DER LEBENDEN LEICHEN (Death Line 1973 Gary Sherman)


In einer U-Bahnstation gehen immer häufiger Menschen verloren. Ein Studentenpärchen meldet eine Leiche, die bei Ankunft der Polizei bereits verschwunden ist. Die jungen Leute stellen parallel zu Inspektor Calhoun Untersuchungen an...


Der Großvater von Creep...

Die Kids von heute würden um „Tunnel der lebenden Leichen“ einen großen Bogen machen, bietet er doch so gar nichts was das Jungpublikum mag: hübsch zurecht gemachte, aalglatte Stars, rasantes Tempo, seelenlose Monster. Dieses Filmchen stammt aus einer Zeit, in der selbst storytechnischer Vollschrott mit viel Mühe, einer ruhigen Hand und dem Versuch logisch zu bleiben, realisiert wurde.

„Tunnel der lebenden Leichen“ erfreut dabei nicht nur im unterhaltungstechnischen Sinne. Dank seiner Auseinandersetzung mit dem „Monster“, ein degenerierter Mensch, erreicht er sogar einen gewissen Anspruch. Immerhin ist der Versuch die Beweggründe und das Gefühlsleben des „Ungeheuers“ aufzuzeigen durchaus gelungen und mit viel Feingefühl realisiert, womit eine ähnliche Dramaturgie möglich ist wie in den 30er Jahren in Filmen wie „Frankenstein“, „Frankensteins Braut“ und „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“.

Man befasste sich in diesem individuellen Werk mit beiden Seiten, hat also zum einen die tragische Geschichte des „Monsters“, die erst nach einiger Laufzeit beginnt, und man hat auf der Gegenseite die Betroffenen, die auf die Existenz dieser „Kreatur“ stoßen. Um das ganze noch interessanter bzw. vielschichtiger zu gestalten, wird der letztgenannte Part ebenfalls wieder gesplittert.

Auf der einen Seite haben wir ein junges Pärchen, das etwas ominöses erlebt hat und anhand der im Film erzählten Umstände auf eigene Faust mit dem Degenerierten zurecht kommen muss, und wir haben auf der anderen Seite die Polizei. Diese wird nicht durch klassische Klischees verkörpert, sondern erfreut mit einer erfrischend gespielten Darstellung von Donald Pleasance als der Hauptschnüffler. Jede Szene mit ihm ist eine Wucht. Er agiert mit so viel Spielfreude und wirkt zum Anfassen echt.

Der Inspektoren-Charakter lässt sich in keine Ecke einsortieren und ist vielleicht etwas vergleichbar mit der Kommissaren-Rolle in „Der Schrecken der Medusa“, nur beschwingter gespielt. Mich würde es nicht wundern, wenn Pleasance hiermit seine Lieblingsrolle gespielt hätte. Und die Art der Darstellung lässt zudem vermuten, dass viel Freiraum für Improvisation vorhanden war. Ein kurzer Gastauftritt Christopher Lees zur Verstärkung wäre nicht nötig gewesen und bleibt blass und uninteressant in Erinnerung.

Die Geschichte selbst folgt eher brav dem typischen Erzählmuster, die praktische Umsetzung lässt das ganze Projekt allerdings sehr eigenständig wirken. Die besagten positiven Punkte allein können schon einiges reißen, interessant wird das Werk von Gary Sherman aber auch durch seinen künstlerisch interessanten Touch. Der komplette Film ist sehr langsam erzählt. Die Kamera hält oft sehr lange drauf. Häufig wird mit ganz langsamen Kamerafahrten gearbeitet. Dies macht Sherman jedoch nie zum strecken der Laufzeit, sondern um eine bewusst gewollte psychische Reaktion beim Zuschauer herauszukitzeln.

Das Spiel mit Licht und Dunkelheit bei einer Kamerafahrt durch einen teilweise beleuchteten Tunnel, dem kein filmisches Zusatzlicht beschert wurde, übt eine hypnotische Wirkung aus, bis die Kamera nach links abgleitet, um dort wiederum etwas Spezielles zu zeigen.

Ebenso interessant ist die fast nicht enden wollende Kamerafahrt im Wohnraum der „Kreatur“, die uns zeigt wie übel es sein muss sein Leben lang dort zu hausen. Allein diese Räumlichkeit lässt den Zuschauer tief in die Seele des „Monsters“ blicken. Und als wäre dies nicht schon effektiv genug endet die lange Orts-Erkundung mit dem Schwenk auf das „Monster“, das um das Leben seiner schwangeren Frau bangt.

Ohne professionell psychologisch bewandert zu sein, erarbeitet Sherman für seine Laienstellung in diesem Bereich ein durchaus glaubhaftes Bild der „Kreatur“. Sie spricht nur einen Satz, den einen, den sie seit je her in ihrem Lebensraum hörte. Sie handelt wie sie es von ihren Vorgängern gelernt hat, gut erkennbar im Verabschieden und Aufbewahren der toten Angehörigen. Die kurz angerissene Hintergrundgeschichte gibt ein glaubhaftes Licht in die Situation des „Monsters“ und die seiner Ahnen, lässt aber auch genug Platz für die eigene Phantasie.

Doch auch die liebevolle Umsetzung kann nicht darüber hinweg täuschen, dass hier lediglich eine durchschnittliche Trash-Geschichte erzählt wird. Bei aller Liebe zu dieser Schaffensart und trotz all seiner künstlerisch erfreulichen Anstrengung, schafft der Film es nicht das selbe Niveau eines „Suspiria“ zu erhaschen oder das eines „Tanz der Teufel“. Dafür fehlt ihm als letzter Schritt die packende Atmosphäre. „Tunnel der lebenden Leichen“ ist sehr interessant, aber auch kaum spannend, schockend oder unheimlich.

Wie die Geschichte aussehen würde, damit sie den zu Beginn der Review erwähnten Teens von heute gefallen könnte, zeigt der sehr themenähnliche „Creep“, der zwar flott zu gucken ist, aber gerade im Bereich der Logik und der Hintergrundgeschichte der Kreatur völlig unakzeptabel ist. „Tunnel der lebenden Leichen“ ist trotz seiner langsamen Umsetzung ebenso flott zu gucken (langweilig wurde es nie), bleibt für einen Horrorfilm sehr logisch, ist künstlerisch interessant umgesetzt, überrascht mit Eigenständigkeit dank frischer Ideen und ist ein typischer Vertreter der damals neu aufkommenden Horrorwelle mit realeren Monstern statt der Klassiker wie Vampire, Werwölfe, irre Wissenschaftler etc, die zuvor die Kinoleinwand bevölkerten. Für Cineasten ist dieser britische Film ein kleiner Geheimtipp.


Trailer,   OFDb

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