Freitag, 28. Februar 2014

SHOCK (1977 Mario Bava)


Jahre nach dem schrecklichen Selbstmord ihres drogensüchtigen Mannes zieht Dora mit ihrem Sohn und dem neuen Lebensgefährten in das Haus, in dem sie einst mit dem Vater ihres Kindes wohnte. Doch der Sohn beginnt sich merkwürdig zu benehmen, und im Laufe der Zeit vermutet Dora, dass der tote Vater Besitz vom Jungen ergriffen hat...


Flieger, grüß‘ mir die Schaukel...

Der vorletzte Film des von Berufs-Kollegen heute noch verehrten Kult-Regisseurs Mario Bava entstand in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Lamberto, der für einige Szenen Regie führte und der zusammen mit seinem Freund Dardando Sacchetti das Drehbuch verfasste. Kenner Marios beschreiben „Shock“ durch den großen Einfluss des Sohnes als eher untypischen Film des Meisters, eine Aussage die ich nur bedingt teilen kann, war Bava doch immer wegen seiner tollen Bilder verehrt, und an denen mangelt es hier ebenfalls nicht.

Allerdings ist „Suspense“ (Alternativtitel) für seine Zeit nicht gerade der typische klassische Horrorfilm, auch wenn er sich von der Inhaltsangabe her so lesen mag. „Shock“ guckt sich auch heute noch frisch und anders, und das liegt daran dass der Mix aus Spukgeschichte und geistige Verwirrung, den wir spätestens in Bezug mit sich wunderlich verhaltenden Kindern schon aus „Schloss des Schreckens“ kennen, nicht nur auf wohliger Gruselebene statt findet, sondern spätestens im letzten Drittel auch auf psychotische Terror-Art, in welcher man eine radikale Idee nach der anderen vor die Augen gepfeffert bekommt, und dies so mutig und intelligent inszeniert, dass man selbst als eingefleischter Horror-Fan noch zusammenzuckt.

Die Spezialeffekte sind eher simpler Natur, werden aber in einer maximalen Wirkung eingesetzt und zaubern fantastische Bilder, die dem Grundton des Streifens gerecht werden. Das Drehbuch arbeitet gekonnt mit Fährten, Überraschungen und Verwirrungen, setzt auf psychologische Stimmigkeit und macht von Anfang an kein Geheimnis daraus, dass ab einem gewissen Zeitpunkt mit dem Jungen der Hauptfigur etwas nicht stimmt. Manch einer behauptet das sei Ansichtssache, könnten die Bilder die wir sehen auch einem verwirrten Geist entstanden sein, so wie man beispielsweise auch die Horrorversion von „Pinocchio“ erzählte. Aber sieht man sich die Szenen genauer an, in welchen Sohnemann Böses treibt, dann passt diese Perspektive nicht, und ich bin froh darüber.

Reingelegt aus dem Blickwinkel eines Psychopathen, das klingt so anspruchsvoll, für seine Zeit so pfiffig und neu. Mit den Augen von heute, wo der Kniff so häufig angegangen wird, bin ich jedoch froh dass dies nicht die Wahrheit von „Shock“ ist. Ich finde es geradezu faszinierend an diesem Film, dass hier beide Horrorebenen parallel existieren und nicht die eine durch die andere ersetzt wird. Hauptfigur Dora hat definitiv einen an der Klatsche. Der anfangs verwirrte Verstand arbeitet sich immer mehr Richtung Geisteskrankheit vor. Aber auf eine solch zerbrechliche Person stößt nun wahrer Spuk, Spuk ausgelöst durch das was man als Frau am meisten liebt: das leibliche Kind. Und dieses Zusammenstoßen zweier Haupteckpfeiler von Horrorerzählungen wirkt so gnadenlos, dass man blutige Bilder schon gar nicht mehr benötigt, um einen intensiven Horror-Schocker zu erschaffen.

Dass zudem der wunderbar skurrile Mix aus klassischem Gruselfilm und Terror-Kino so intensiv zu wirken weiß, ist ein weiter Pluspunkt eines Streifens, der es unbedingt verdient hätte mehr Beachtung geschenkt zu bekommen. Innerhalb von Fan-Kreisen zählt „Beyond The Door 2“ (Alternativtitel) zu den beliebtesten Werken Bavas, aber das Massenpublikum wird weder vom Film noch von seinem Regisseur je etwas gehört haben, und das ist schon traurig. „Shock“ bietet großartige visuelle Ideen, ein stimmiges Setting, brauchbare Mimen, ein psychologisch wirksames Drehbuch, Spannungs- und Schockmomente und einen Soundtrack, der das intensive Treiben stimmig begleitet. Wirkt der Sohn Doras zu Beginn noch etwas nervig besetzt, so weiß auch der im Laufe de Zeit zu überzeugen, so dass sogar dieses anfängliche „Manko“ den Reiz des Streifens nicht zu zerstören weiß.

„Shock“ ist in meinen Augen ein Meisterwerk seines Fachs und sollte unbedingt von jedem Cineasten gesehen werden, ist er doch ähnlich wie „Augen ohne Gesicht“ kein Werk welches einzig dem Horror-Fan zu empfehlen ist, durch seine Machart aber ebenso reizvoll für diesen ist. Anspruchsvolle Filmfreunde kommen ebenso auf ihre Kosten wie Stammgäste des Genres. Und dafür braucht man nicht einmal auf den Original-Ton zurück greifen. Auch die deutsche Synchronfassung ist sehr geglückt und zerstört nichts an der phantastischen Wirkung dieses Geheim-Tipps.

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