Samstag, 17. Oktober 2015

DER RATTENGOTT (Izbavitelj 1976 Krsto Papic)


Der arbeitslose Schriftsteller Ivan Gajski stößt in der 20er Jahre-Wirtschaftskrise der Tschechei auf eine Verschwörung von Rattenmenschen, welche die Weltherrschaft erlangen möchten. Er lernt Professor Boskovic kennen, der versteckt lebend versucht ein Mittel zu finden, an dem nur die Ratten sterben...


Man muss nicht zwingend zu einer von beiden Seite gehören...

Der auf einer Novelle aus den 20er Jahren basierende jugoslawische Film „Der Rattengott“ ist nur auf dem ersten Blick betrachtet ein Horrorfilm. Der Stoff geht tiefer als die Inhaltsangabe vermuten lässt, wird politischer, und dies nicht nur als Begleitumstand wie man es aus anderen Genre-Beiträgen kennt. Im hier vorliegenden Fall wird die Horrorgeschichte zur Nebensache und der politische Aspekt rückt in den Vordergrund.

Im Gegensatz zum Roman, der es zeitlich nicht konnte, orientiert sich Regisseur Krsto Papic bei der Darstellung der Rattenmenschen nah an den Nationalsozialisten Deutschlands. Spätestens das halbe Hakenkreuz, welches auf einer Festlichkeit der Rattenmenschen aus den Tischen gebildet wird, macht dies mehr als deutlich. Für den Film selbst wäre es besser gewesen die politische Bedrohung nicht direkt auf sie zu beziehen. Zwar fällt die Symbolik nicht so penetrant aus wie es in „La antena“ der Fall war, aber letztendlich geht die Geschichte tiefer als einzig davon zu berichten, dass wir uns gegen braunes Gedankengut zu wehren haben.

Gefahr birgt jede politische Extreme. Doch das Bekämpfen dieser kann, wie der Film thematisiert, ebenfalls fragwürdig sein. Die Gegenseite des Bösen ist nicht immer das Gute. Und die Gegenseite böse zu finden bedeutet nicht gleichzeitig die andere Seite gut zu finden. Dass das Bekämpfen der Rattenmenschen zumindest kritisch zu hinterfragen ist, zeigt sich allein darin, dass sich der Schriftsteller längst mitten im Kampf befindet, bevor er eine optische Bestätigung dessen erhält worüber der Professor ihn unterrichtet hat. Ivan bekämpft den Feind allein aufgrund von Hörensagen sie wären böse. Er hinterfragt es nicht. Und er weiß nichts über seinen Verbündeten. Obwohl er scheinbar mit dem Bekämpfen des Bösen eine gute Tat verfolgt, wird sein Handeln aufgrund dieser Hintergründe ebenso fragwürdig.

Dass es Papic aufgrund der Propaganda der Nazis recht gelegen kommt das Schreckensbild was diese über die Juden entwickelt haben, auf die Täter umzudrehen, ist nicht zu übersehen. Das bekommt jedoch den Beigeschmack eines „Ihr seid die wahren Ratten“, eine Rechtfertigung die der Roman, das wage ich als Nichtkenner der Printmedie zu behaupten, übertragen auf seine Entstehungszeit sicherlich nicht anderweitig getätigt hat. Es würde mich aufgrund der Aussagen der Geschichte zumindest stark wundern.

„Izbavitelj“ (Originaltitel) ist zwar stets in dunklen Bildern gehalten, eine wirklich düstere Atmosphäre will sich jedoch nicht wirklich aufbauen, so dass mir der Streifen etwas zu theoretisch ausfällt. Er ist interessant, keine Frage, aufgrund seiner kurzen Laufzeit auch nie zäh ausgefallen, und er weckt den Intellekt des Zuschauers, aber ein wenig besser erzählt hätte „Der Rattengott“ trotzdem ausfallen können. Wer sich als Anführer der Rattenmenschen herausstellt überrascht nicht, wie er besiegt wird kommt viel zu plötzlich, und so wirklich bedrohlich wie ein „Die Dämonischen“ fällt die Übernahme der bisherigen Herrschaft der Menschen weder auf noch aus.

Momente wie die Verwandlung eines getarnten Rattenmenschen zum enttarnten, vor den Augen von Menschen, die gerade eben noch eine Interaktion mit ihnen hatten ohne von deren wahrer Gestalt zu wissen, erinnert stark an Carpenters späteren „Sie leben!“ und sind jene Art Szenen, von denen es ruhig etwas mehr hätte geben können. Auch mit etwas mehr Unterhaltungswert wäre das ernste Anliegen der gesellschaftskritischen Polit-Aussage nicht verloren gegangen, geschweige denn abgeschwächt worden.

So bleibt „The Rat Savior“ (Alternativtitel) „nur“ ein Werk für Freunde des besonderen Filmes, ein entgegen dem was man hinter dieser Geschichte erwarten würde, eher kopflastiger Stoff, dem man seine besondere Eigenständigkeit nicht absprechen kann. „Der Rattengott“, den Papic höchstpersönlich 2003 unter dem Titel „Infection“ neuverfilmte, ist anders, etwas Besonderes und in seiner Art mit den hier genannten Vergleichsfilmen auch überhaupt nicht verwandt. Kunstkino trifft auf Polit-Kino trifft auf Trash-Stoff. Und das ist nicht nur ein wundervoller, sehr seltener, Mix, es ist erstaunlicher Weise auch anspruchsvolles Kino, trotz der zu starken Orientierung auf die Nazis.


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