Donnerstag, 31. Dezember 2015

EX MACHINA (2015 Alex Garland)


Als der Programmierer Caleb aufgrund eines gewonnenen Preisausschreibens seinen Firmenchef, das Computergenie Nathan, auf dessen abgelegenen Wohnsitz kennen lernen darf, eröffnet dieser ihm, dass er Teil eines Experiments sein darf. Nathan hat eine künstlich intelligente Frau entwickelt und Caleb soll testen und beurteilen ob sie tatsächlich ein eigenes Bewusstsein hat oder nicht...


Duell der Geister...

Das Thema künstliche Intelligenz wird immer wieder in höchst interessanten Filmen verarbeitet. Ob man es lediglich als Aufhänger wie in „Terminator“ oder „Matrix“ verwendet, oder intelligent verarbeitet mit philosophischen Denkansätzen wie „Blade Runner“ und „Ghost in the Shell“, das Thema verliert auch bei seiner x-ten Verwendung einfach nicht an Reiz. Erst kürzlich zeigte der Streifen „her“ auf recht andere Art wieviel Potential noch immer in diesem anspruchsvollen Stoff vorhanden ist, und nur zwei Jahre später kam aus England ein ähnlich ernstzunehmendes Gedankenspiel zu dem Thema auf dem Markt: „Ex Machina“.

Alex Garlands Werk weiß auf so ziemlich jeder Ebene zu gefallen. Die Geschichte wird mit nur wenigen Personen erzählt und bietet uns eine Ausgangslage mit der viele Erzählebenen möglich sind. Das Interesse des Zuschauers ist dementsprechend schnell geweckt bei all den Möglichkeiten wohin sich die Geschichte entwickeln kann. Und eben weil man nicht weiß welches Ziel die Handlung verfolgt, wird gekonnt mit dem Zuschauer gespielt. Gerade für die mitdenkende Sorte stellt Garland immer wieder Fallen auf, um ihn in die Irre zu führen. Gleichzeitig demonstriert er mit deutlich ausgesprochenen Gedankengängen, dass er sich den Vermutungen des mitdenkenenden Publikums absolut bewusst ist, was den Intellekt um so mehr kitzelt und herausfordert.

Dank überzeugender Mimen, einer gekonnten Optik, schlichter aber glaubwürdiger Spezialeffekte und eines wirksamen Soundtracks fühlt man sich gut aufgehoben in „Ex Machina“. Es gibt keine Fehler oder anderweitige Ärgernisse die von der Handlung ablenken. Man kann sich voll und ganz auf das geistige Duell der Protagonisten einstellen, nie wirklich wissend ob sich hier zwei oder drei Personen duellieren. Ist die Maschine intelligent, oder führt Nathan Caleb an der Nase herum? Und wenn ja, warum tut er dies? Und wenn nein, besitzt die Maschinenfrau dann echte Gefühle? Und warum musste es überhaupt eine Frau sein? Wird Caleb getestet? Ist er eventuell die wahre künstliche Intelligenz die getestet wird? Es bieten sich so unglaublich viele Möglichkeiten aus dem grundlegenden Gedankenspiel, und nie weiß man was Garland tatsächlich im Schilde führt.

Somit unterhält „Ex Machina“ gleich auf verschiedenen Ebenen. Der gefühlvolle Part, in einem Mix aus Drama und Thriller, wird ebenso befriedigt wie der intellektuelle Part, in einem Mix aus den Möglichkeiten des Mitanalysierens von Zuschauerseite aus und den wohlüberlegten philosophischen Gedankenspielen des Autors, die sehr vielfältig und geistreich ausgefallen sind. Wenn in Garlands Werk etwas plump daher kommt, dann ist das auch so gewollt und keinesfalls ein Fehler in der Handlung oder einer Idee. Mit angeblichen Klischees und anderweitigen Tücken soll der Zuschauer  manipuliert und zusätzlich herausgefordert werden. Und es funktioniert. Man lässt sich als Zuschauer auch auf diese Provokationen ein, versucht sich davon nicht all zu sehr ablenken zu lassen und folgt weiterhin gespannt einem Werk, welches sich fortwährend auf einem atmosphärischem Hoch befindet. Wer ist hier Opfer und Täter? Ist alles Schein oder offene Wahrheit?

Dass das alles funktioniert, verdankt „Ex Machina“ der individuellen Charaktervertiefung seiner Protagonisten. Keiner von ihnen ist ein Abziehbild eines Klischees oder eine oberflächliche Hülle. Jeder Charakter besitzt verschiedene Facetten, Eigenschaften die untypisch für eine stereotype Version ihres Ur-Charakters wäre. Die Figuren sind greifbare Menschen mit einer eigenen Art des Empfindens, der Wahrnehmung und des geistigen Verarbeitens. Und darin liegt die Herausforderung sich in den anderen hineinzudenken. Caleb tut dies bei der angeblich künstlichen Intelligenz ebenso wie bei Nathan, Nathan höchstwahrscheinlich auch bei Caleb, was lange Zeit Vermutung durch Misstrauen bleibt, und ob die Maschine selbiges tut hängt davon ab ob sie es kann oder nicht. Der Zuschauer wiederum versucht selbiges bei allen dreien, ja eigentlich sogar bei allen vieren, denn die stumme asiatische Gehilfin Nathans ist ihm ebenfalls nicht so ganz geheuer.

„Ex Machina“ ist das Paradebeispiel eines rundum gelungenen Filmes, der zeigt dass geistreiche Erzählungen auch aus einem scheinbar längst ausgeschöpften Ideentopf entstammen können. Und vor allen Dingen zeigt er zu was Kino in der Lage ist, auch im Bereich des phantastischen Filmes, wenn man nicht einzig auf die Effekte schielt, sondern auf einem Drehbuch aufbaut, welches durchdacht ist und somit nicht auf die Schnelle herunter gekrakelt wie das meiste was es heute in den Lichtspielhäusern zu sichten gibt. Es verwundert nicht dass solch ein wunderbarer Film nicht aus Hollywood kommt, der Filmschmiede die Kino fast nur noch zur Volksverdummung nutzt. Kino braucht Filme wie „Ex Machina“, um nicht irgendwann aufgrund von Belanglosigkeit zu sterben. Von daher: Danke England für diesen wundervollen Beweis dass Kino noch atmen kann.


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