Sonntag, 10. Januar 2016

DIE AUTOS, DIE PARIS AUFFRASSEN (The Cars That Ate Paris 1974 Peter Weir)


Der nach Arbeit suchende Arthur Waldo sitzt nach einem Autounfall in der australischen Kleinstadt Paris fest, wo alteingesessene Spießer mit einem düsteren Geheimnis im Klinsch leben mit Rebellen, die alte Autos aufmotzen. Arthur vertraut naiv dem Bürgermeister und versteht erst nach und nach zwischen welche Fronten er geraten ist...


Ein totes System wird am Leben gehalten...

Wer glaubt Peter Weirs ein Jahr vor „Picknick am Valentinstag“ abgedrehter Film habe aufgrund seines Titels eine trashige Geschichte zu erzählen, der täuscht sich. Der Titel führt in die Irre, und doch verkündet er die Wahrheit über den Ablauf der Handlung, nur dass mit Paris eben nicht Frankreichs Hauptstadt gemeint ist, und das Wort Auffressen nicht im wörtlichen Sinne gemeint ist. Die Rebellion mit Hilfe aufgemotzter Autos beendet eine längst fällige Dekade. Ein Gesellschaftssystem, das von ein paar ewig Gestrigen am Leben erhalten wird, wird durch eine Revolte beendet, was das Ende der Kleinstadt bedeutet. Die Autos fressen Paris. Paris wird zur Geisterstadt, was Weir augenzwinkernd im Wild West-Stil inszeniert.

Sicherlich sterben bei einem solchen Konflikt Menschen, so wird u.a. eine Person durch das wohl berühmteste Auto des Streifens, jenem mit den langen stählernen Stacheln, aufgespießt, was auch den Alternativtitel „Die Killerautos von Paris“ rechtfertigt, aber eben nur auf einzelne, fast schon belanglose Sequenzen gesehen. Der eigentliche Titel, der sich auch aus dem Originaltitel „The Cars That Ate Paris“ herleitet, trifft hingegen auf die Gesamtsituation zu, und steht in seiner bizarren Formulierung gleichzeitig für die Herangehensweise des Filmes, die trotz ihrer ruhigen Umsetzung ein ans groteske grenzende Szenario präsentiert, indem es uns durch Übertreibung eine Pervertierung einer Problematik zeigt, die viele Gesellschaften betrifft, auch heute noch. Das Thema ist nach wie vor aktuell. „Die Autos, die Paris auffraßen“ ist ein gesellschaftskritischer Film.

Weir setzt trotz humoristischem Tons nicht auf laute Schenkelklopfer. Er erntet die Komik aus dem nüchternen Blick des bizarren Denkens vor Ort, eingebettet in einen recht ernst gehaltenen Grundton. Als Identifikationsfigur dient uns der höchst naive Arthur, der wie alles andere im Film ebenfalls nicht als normal bezeichnet werden kann. Er leidet unter einer Autofahr-Phobie, lässt sich auf den skurrilen Vorschlag des Bürgermeisters ein Teil dessen Familie zu werden, und nimmt einen Job an, der eigens für ihn geschaffen wurde, und welchen der Bürgermeister nutzt um gegen den Pöbel der Stadt vorzugehen.

Er will das Ende seiner Dekade nicht wahrhaben. Er will nicht erkennen dass sich das System für das er steht totgelaufen hat, ja mehr noch, sogar selbst verraten hat, indem es durch den krampfhaften Überlebenskampf alte Ideale über Bord warf. Denn die Stadt die einst vom Tourismus leben konnte, muss diesen nun, der nur noch auf der Schnellstraße an Paris vorbeirauscht, ausbeuten. Paris lebt von Autounfällen. Das Geheimnis der Stadt offenbart ihre Lüge und ihre Blindheit vor dem Ende, vor dem sich die Alteingesessenen fürchten.

Man kann „Cars That Eat People“ (Alternativtitel) in viele Richtungen deuten. Weir verweigert eine konkrete Stellungnahme ebenso wie im populären Folgewerk um verschwundene Schülerinnen. Dementsprechend wird manch einer mit diesem höchst trocken inszenierten Film wenig anfangen können, wird sich fragen was all die bizarren Zutaten sollen, sich vielleicht sogar langweilen, eben weil der Titel etwas ganz anderes suggerierte. Aber wer gut aufpasst und den Sinn hinter dem Vorhang erkennt, der bemerkt einen äußerst clever erzählten Film mit Tiefgang, bei dem nichts dem Zufall überlassen wird und nichts des Effektes wegen eingebaut.

Fünf Jahre vor „Mad Max“ zeigt uns Weir, wenn auch auf kleinerem Radius gesehen, das Ende einer Gesellschaft, in welcher die Rebellen sich mit aus Schrott aufgepeppten Schrottkarren gegen das System auflehnen. Dementsprechend zieht Regisseur George Miller in „Mad Max 4 - Fury Road“ mit dem Verwenden des Stachelautos aus dem hier besprochenem Film den Hut vor Peter Weir, eine Ehrerbietung die längst fällig war. „Cars“ (Alternativtitel) ist ein mit Kritikerlob überhäufter intelektueller Streifen, der aufgrund seiner etwas zu trockenen Umsetzung leicht am Unterhaltungswert zerrt. Aber die Geduld die vom Zuschauer abverlangt wird ist das Zuschauen wert. „Die Autos, die Paris auffraßen“ ist ein wahrlich interessanter Film.


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