Sonntag, 31. Januar 2016

VON MORGENS BIS MITTERNACHTS (1920 Karl Heinz Martin)


Ein Bankangesteller beraubt das Geldinstitut für das er arbeit, erhofft sich damit eine hübsche Frau zu imponieren, doch die ist nicht an ihm interessiert. Kurzerhand verlässt der Dieb seine ihn liebende Familie auf der Suche nach Leidenschaft, aber er muss erfahren dass er diese für Geld nicht finden wird...


Der größte Schwindel der Welt...

„Von morgens bis mitternachts“ entstand 1920 und erfuhr in Deutschland lediglich eine Pressevorführung, fand man doch keinen Verleiher für diesen ungewöhnlichen Film. Und wäre er 1922 in Japan von Kritikern nicht so erstaunlich gut aufgenommen worden, würde man wohl heute keine taugliche Kopie des Streifens mehr vorfinden, ist die als Vorlage der DVD dienende Kopie doch die einzig zur Zeit bekannte, und die wurde in Japan aufgetrieben.

Während Karl Heinz Martins Werk inhaltlich eher die typische Leyer des kleinen Mannes erzählt, der sich damit abfinden soll ein kleiner Mann zu sein, was zu meiner Überraschung jedoch nicht wirklich übertrieben mit erhobenem Zeigefinger moralisch ausgearbeitet wurde, ist es die Art der Inszenierung die „Von morgens bis Mitternacht“ (Alternativtitel) zu einem solch interessanten Werk macht. Der Film ist nicht nur sichtlich auf der Bühne gespielt, er provoziert diese Erkenntnis geradezu. Jegliches Inventar und jegliche Kulisse ist schräg ausgeschnitten und unübersehbar, da äußerst schlicht, aufgemalt, bizarr anmutend, da gar nicht erst der Versuch gemacht wird irgend etwas real wirken zu lassen. Damit wird unübersehbar in Kulissen gespielt, jedoch auf künstlerisch sehr sehenswerte Art, aufgrund der Schräge alles Künstlichem ein wenig an „Das Cabinet des Dr. Caligari“ erinnernd.

Dieser wirkte jedoch nie so kindlich verspielt wie der hier besprochene Film, obwohl auch „Von morgens bis mitternachts“ trotz aller Übertreibung im Spiel, die typisch für die Stummfilmzeit war, eine ernste Thematik erzählt, nicht frei von absichtlich humoristischen Elementen gehalten, aber doch als ernstzunehmendes Drama gedacht. Die kindlich naive Art, die durch jegliche Versimplung der Dinge entfacht wird, ist der Kern der Faszination die das Werk ausmacht und erinnert mit Blick von heute recht stark an die Filmbeiträge Helge Schneiders, der Wahrheiten der Realität durch einen geradezu direkten naiv anmutenden Blick exakt gegriffen bekommt. Das funktioniert in einer Komödie ebenso wie es dies hier tut, nur schien das Publikum in Deutschland seinerzeit kein Verständnis für diese Art Erzählung gehabt zu haben, so wie sich heute viele Menschen schwer tun mit der versteckt intelligenten Art von Helge Schneiders Werken.

Der in 5 Akten gehaltene Film mag vom Unterhaltungswert her in den Akten 3 und 4 ein wenig durchhängen, aber sowohl in den starken, als auch in den schwachen Phasen bleibt die Optik stets hoch interessant. Die gemalten Lichtstrahlen einer Straßenlaterne, die Blitz-artigen Funkwellen einer Durchsage, sie sind alle auf fast schon infantile Art aufgemalt, und wissen doch sehr stark zu beeindrucken, eben weil sie den Zuschauer geradezu auf ihre Künstlichkeit hinstoßen. Der Zuschauer soll sich bewusst machen, dass die überzogenen Figuren durch eine Kunstwelt stampfen, denn die Welt die Martin uns zeigt ist nicht unsere, es ist das versimpelte Abbild dieser.

Ein paar weitere, etwas aufwändiger wirkende Spezialeffekte bereichern die Freude an der Optik zusätzlich (der Schneesturm, das Radrennen, die Überblendungen auf die Totenkopfmasken, ...), während die Geschichte selbst so allerhand Seitenhiebe auf die Gesellschaft austeilt. Ob am Ende eine Gottes-gläubige Gemeinschaft aufgrund von Bargeld außer Rand und Band ist, Reiche Hilfsbedürftigen nicht zur Seite stehen oder die Suche nach Lust stets in Abweisungen endet, der Film spiegelt die Realität wieder, so naiv der Stil sich auch schaut den Martin wählte. Manches Mal ist der naiv kindlich wirkende Stil auch in den Zwischentexten zu bemerken, beispielsweise wenn der Bankangestellte nach Hause kommt. Die Tochter ruft: „Mein Vater!“, die Ehefrau ruft: „Mein Mann!“ und die Mutter ruft: „Mein Sohn!“ Ein Stück für Kinder würde kaum anders ausfallen.

Einzig die erzählte Geschichte verweist darauf, dass wir es hier mit einem Film für Erwachsene zu tun haben. Da geht es um kriminelles Verhalten, Fehler und Irrtümer in der Gesellschaft und um die Suche nach Leidenschaft, die sich der Held irrtümlich vom geklauten Geld erhofft. Für einen kurzen Moment gibt es auch eine für die Entstehungszeit überraschende Nacktszene zu betrachten. Der erwachsene Gehalt des Streifens zeigt sich jedoch auch in der Figur des Bankangestellten, der keineswegs charakterlich positiv gezeichnet ist. Er ist ein unsympathischer Fatzke, nicht besser als die finanzielle Elite die er bestielt. Er tauscht seine Familie gegen das vermeindliche Glück ein und muss in diesem finanzkritischen Werk in einem fast schon geisteskranken Zustand erkennen, dass Geld der größte Schwindel aller Zeiten ist, mit dem man sich das wahre Wertvolle auf der Welt nicht kaufen kann. Nach dieser Erkenntnis erhält er die Bestätigung direkt im Anschluss, verraten von einer ihm vertrauten Frau, aufgrund des Geldes welches die Polizei zur Erfassung seiner Person auf ihn ausgesetzt hat.

Dramaturgisch ist „Von morgens bis mitternachts“ ein wenig holprig ausgefallen. Im Mittelteil schwächelt er mir ein wenig zu stark um ihn zu den großen Werken seiner Zeit zu zählen, aber vom künstlerischen Aspekt her und aufgrund seines Alters ist Martins Werk definitiv ein Hingucker für filmhistorisch interessierte Cineasten. Das bizarr anzusehende Drama ist in einer Konsequenz erzählt, die sich erneut in den Zwischentiteln wiederspiegelt, sind die Buchstaben der geschriebenen Worte doch so kantig und schräg ausgefallen wie die Gegenstände und die Kulissen dieses ungewöhnlichen Streifens. Halbe Sachen macht man nicht, wenn man Kunst schafft.


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