Samstag, 4. Juni 2016

THE WEATHER MAN (2005 Gore Verbinski)


Im Leben von Dave Spritz läuft es zur Zeit nicht so gut. Zwar kann er beruflich nicht klagen, aber durch seine Tätigkeit als Wettermann bei den Nachrichten wird er immer wieder mal von Passanten mit Fast Food beworfen. Seine Ex-Frau hat einen neuen Geliebten, sein ältester Sohn scheint Drogen zu nehmen, und seine dickliche Tochter interessiert sich für nichts und wird in der Schule gehänselt. Sein Vater ist ein unerreichbares Ideal und ist nun unheilbar erkrankt. Dave wünscht sich die Probleme in seinem Leben gelöst zu haben bevor sein Vater stirbt, damit dieser stolz auf ihn sein kann. Ein berufliches Weiterkommen in einem wesentlich besser bezahlten Job in New York scheint eine gute Lösung für einen Neuanfang zu sein...


Der Fast Food-Mann...

Da man den Namen Gore Verbinski in der Regel eher mit Popkorn-Kino wie „Fluch der Karibik“, „Ring“, „Rango“ und „The Time Machine“ in Verbindung bringt, darf man schon überrascht sein mit „The Weather Man“ solch einen ehrlichen, erwachsenen Film darüber zu sichten wie das Leben in Amerika tatsächlich ist. Der Film gibt sich nicht den typischen cineastischen Täuschungen und Träumereien hin wie sie für sein Entstehungsland üblich sind, sondern zeigt wie verzwickt und desillusionierend das Leben sein kann und wie schwer es ist sich und seinen Idealen treu zu sein, wenn doch alles anders läuft als man es haben möchte.

Es liegt zu einem guten Teil an Hauptdarsteller Nicolas Cage, dass „The Weather Man“ so gut zu funktionieren weiß. Seinen von vielen Kinogängern leider so verhasster Drang zum Überagieren schraubt er stark zurück, nutzt ihn aber für die richtigen Momente. Ansonsten spielt er glaubwürdig den Versagertyp, wobei ihm die Verantwortlichen für Maske, Make-Up und Co hilfreich zur Seite stehen. In manchen Szenen ist Cage so wunderbar elend zurecht gemacht, dass allein dieses Aussehen reicht um jegliche Emotion und Glaubwürdigkeit des Momentes einzufangen.

Dave Spritz ist ein Durchschnittsmensch, eher der Versagertyp, und ganz untypisch Ami-Kino wird sich daran auch nichts ändern. „The Weather Man“ handelt nicht davon wie ein Mann über sich hinaus wächst um es allen zu zeigen. Er erzählt lediglich von einem kleinen Teilerfolg, indem Dave bewusst wird wie er sein Leben geregelt bekommt. Und dafür müssen erst so einige Illusionen beseitigt werden, die der Wettermann als Teil der Lösung angesehen hat.

Mit seinen Ansichten und Fehlversuchen würde man ihn manches Mal gerne ohrfeigen oder zumindest versuchen wachzurütteln. Dave mag als studierter Kommunikationswissenschaftler gut reden können und sein Leben reflektiert er auch, das ist eine wichtige Eigenschaft die vielen Menschen fehlt. Und doch ist er eher durchschnittlich intelligent zu nennen, gefangen in einer Vorstellung die nicht zu erreichen ist, mit einem Bild von sich selbst und den Menschen die ihm mehr oder weniger nah sind, welches nicht der Realität entspricht.

Man muss bei „Weather Man“ mit allem rechnen. Dave tappst nicht von einem Misserfolg zum nächsten. Er spiegelt das Leben wieder wie es ist. Manchmal meint es das Schicksal gut mit ihm, manches Mal nicht. Lediglich seine hohen Ziele weiß es ihm nicht zu erfüllen. Das was Dave möchte ist irreal und somit mit der Realität nicht zu vereinbaren. Der Prozess dies zu begreifen ist ein langer Weg, von Autor Steve Conrad mit bitterstem Humor erzählt, bei dem einem meist anders wird anstatt lachen zu können. Ohne in Gefühlsduselei abzurutschen gelingt Verbinski eine Tragikomödie, die in Amerika ihresgleichen sucht mit dieser nüchternen Art, die es trotzdem schafft einen an die Hauptfigur zu binden.

Emotional ist man sogar an der Figur des Vaters enger gebunden als an Dave selbst, obwohl der kranke Mann wesentlich seltenere Auftritte hat als Dave, der in tatsächlich jeder Szene zu sehen ist. Der Vieldreher Michael Caine zeigt in der Vaterrolle was er schauspelerisch tatsächlich drauf hat, und sein Hundeblick, die milde deutsche Stimme und der Charakter der ihm zugeschrieben wurde helfen einem dabei ihn ins Herz zu schließen. Dass man dennoch an Dave gebunden ist, zeigt sich spätestens im Running Gag wenn vorprogrammierte charakterliche Enttäuschungen durch unglückliche Umstände geschehen sind, die Dave vor seinem Vater wie einen Egomanen aussehen lassen.

In gewisser Hinsicht ist er dies auch, er ist sich in seinem Bemühen alles für andere gerade biegen zu wollen darüber jedoch nicht bewusst. Er ist nicht jene Art Egomane die besagte Szenen ihm unfairer Weise zuschreiben. Sein Egoismus liegt in der subjektiven Sichtweise, die ihn glauben lässt die Lösung aller Probleme würden ihn beinhalten und die wichtigsten Menschen in seinem Leben würden so denken wie er selbst. In gewisser Weise zeigt „The Weather Man“ somit einen Reifeprozess eines Mannes, der bis zu einem gewissen Grad erwachsen ist und einen Entwicklungssprung macht, den manch andere nie erreicht haben.

Ein strahlender Held sieht dennoch anders aus. Die Lösung liegt in Kompromissen, die Dave gar nicht so toll findet, aber auch nicht in der Familien-gebundenen Lügenwelt des amerikanischen Kinos zu Hause sind. Für solche Propaganda reflektiert „The Weather Man“ viel zu ehrlich das wahre Leben in Amerika, so dass wir am Ende durch die Berücksichtigung der guten wie schlechten Seiten der amerikanischen Kultur eine realitätsorientierte Tragikomödie zu sehen bekommen, die einen gewissen Hauch Europa-Kino in sich trägt.

Dave zumindest ist am Ende des Films an einem nüchternen Ziel angekommen. Er hat sich zwar weiter entwickelt, ein Empath ist er jedoch nicht geworden. Er versteht jetzt nur dass verschiedene Menschen verschieden denken. Das ist alles. Ein gewisser Grad des Versagens bleibt bestehen. Aber Dave ist an dem Punkt angelangt dies zu akzeptieren, es als Teil seiner Persönlichkeit zu betrachten, denn strahlende Helden gibt es nur im Kino. Einen gewissen Versagergrad tragen wir alle in uns. Niemand erreicht alle Ziele und führt ein wunschlos glückliches Leben.


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