Sonntag, 31. Juli 2016

ZEIT DER WÖLFE (The Company of Wolves 1984 Neil Jordan)


Die 14jährige Rosaleen träumt von einer Mittelalter-ähnlichen Fantasywelt, in welcher sie sich als Rotkäppchen vor dem bösen Wolfsmenschen in Acht nehmen muss...


Rotkäppchen und der böse Werwolf...

Wenn „Zeit der Wölfe“ das erste Mal in seine Fantasiewelt eintaucht, in der es vor ungewöhnlichen Einfällen, wie der riesigen Pilze die aus dem Erdboden ragen, nur so wimmelt, dann weiß das zu begeistern und bietet das was ich mir Jahre später eigentlich von dem in diesem Punkt nicht so einfallsreichen „Die Reise ins Labyrinth“ versprochen hatte. Interessant finde ich es, dass man manches Element, hauptsächlich aber die grundlegende Atmosphäre, auch in „Die unendliche Geschichte“ wiederfindet, der im selben Jahr von Neil Jordans Mix aus Horror- und Fantasyfilm erschienen ist und auf ein wesentlich jüngeres Publikum blickte.

Ebenso wie dieser ist auch „Die Nacht der Wölfe“ (Alternativtitel) humoristisch angehaucht. Der augenzwinkernde Grundton zeigt sich schon auf goldigste Art in der Geschwister-Traumverarbeitung, wenn der Traum mit der Beerdigung der Schwester beginnt. Auch das Altweibergeschwätz der Großmutter wird mit übertriebenem Aberglaube und einem extremen Umschwung von den warnenden Worten zum wieder liebevollen Umgang mit der Enkelin auf einer humoristischen Ebene eingebracht. Die Komik gibt „The Company of Wolves“ (Originaltitel) jedoch nie der Lächerlichkeit preis. Ihre gern grotesk ausgefallene Form unterstreicht lediglich die leicht ominöse Traumwelt Rosaleens.

Wirklich surreal fällt die Modernisierung des bekannten Rotkäppchen-Märchens nicht aus. „Zeit der Wölfe“ ist ein recht gerade verlaufender Traum, der fast konsequent einem roten Käppchen/Faden folgt. Einzig sein ewiges Umschwenken auf kurze Geschichten bricht diese traumuntypische Erzählung auf, und dieses „Geschichte im Traum“-Prinzip schadet dem Werk meiner Meinung nach fast so wie die stillose Art manch anderer Filme und Bücher, die mit Rückblicken in Rückblicken arbeiten. Ewig wird wieder eine neue Geschichte innerhalb eines Plots erzählt, der bereits von dem Traum der in der Wirklichkeit schlafenden Hauptfigur handelt.

Hat man erst einmal den Schluss gesehen fragt man sich warum Rosaleen überhaupt träumen muss. Hätte sie nicht einfach das Mädel sein können, welches lediglich in einer Fantasiewelt lebt? An der Thematik um das Tier im Menschen, dem bereits in der Ur-Geschichte Grimms vorkommenden Aspekt um ein Mädchen welches seine körperliche Sexualität erreicht hat und der Modernisierung mittels der Werwolfthematik hätte sich nichts geändert, das hätte nach wie vor seine analytische wie unterhaltsame Kraft beibehalten, so dass die wenigen Szenen in der Realität unnötig zu nennen sind.

Wenn in „Die Zeit der Wölfe“ eine Geschichte erzählt wird, weiß diese auch schnell zu packen. Gerade die ersten beiden Geschichten bereiten Freude und brechen das Geschehen für einige Minuten ähnlich bereichernd auf, wie es die Kurzgeschichte des jungen Autors in „Stand By Me“ tat. Aber gerade wenn die Geschehnisse sich im Hauptstrang der Geschichte zu einem interessanten Szenario entwickeln, bekommen diese Zusatzsequenzen dann doch eine unangenehme Wirkung, und das ewige Geschichtenerzählen um die Mystik der Wölfe entwickelt sich zu einem krampfhaftem Bemühen, den Streifen auf Spielfilmlänge gestreckt zu bekommen.

Was mich an Neil Jordans 10 Jahre vor „Interview mit einem Vampir“ entstandenem Film am meisten stört, ist jedoch sein zu penetrantes, selbstzweckhaftes Darstellen von Spezialeffekten. Die sind für ihre Zeit grandios ausgefallen, wissen teilweise auch heute noch zu erstaunen und zu faszinieren, und selbiges gilt auch für die Kulissen des Streifens. Oftmals ruht man sich aber auf diesem Pluspunkt aus und hofft der Rest der Atmosphäre würde einzig aus den optischen Reizen wachsen. Und da wird die Dramaturgie und die Empathie zu den Filmfiguren etwas zu sehr aus den Augen verloren, als dass sich „Zeit der Wölfe“ auf Dauer so intensiv gucken würde wie in der sehr stimmig geratenen ersten halben Stunde des Stoffes.

Irgendwann wirkt der olle Budenzauber für sich gesehen nicht mehr, so imposant Kulisse, Kostüme, Make-Up und Effektkunst auch miteinander harmonieren dürfen. Ich saß zum letzten Drittel hin eher lustlos vor dem Fernseher, ließ mich zwar weiter von den Spezialeffekten beeindrucken, wobei es mir vor allen Dingen die drei jahre nach „American Werewolf“ völlig anders angegangenen Verwandlungen des Menschen zum Wolf angetan haben, aber die Geschichte und ihre Figuren waren mir indes schon derart egal, dass nicht einmal das Gespräch über die Größe diverser Körperteile zwischen Wolf und Rotkäppchen anzustecken wusste, wohl jene Szene welche die Originalgeschichte am exaktesten zitiert und in eine düstere Atmosphäre getaucht für märchenhaftes Unbehagen hätte sorgen können.

So aber schaute sich das so vielversprechende Szenario wie pflichtbewusst aufgesagt, nicht hölzern gespielt, die Darsteller geben weiterhin ihr Bestes, aber die Stimmung wirkt zu bemüht. Was also märchenhaft düster hätte ausfallen können wie die dunkelsten Momente in „Die unendliche Geschichte“, verkommt aufgrund des Fixierens auf optische Schauwerte zu einem zu theoretisch ausgefallenem Film, so dass „Zeit der Wölfe“ zu jenen 80er Jahre-Werken wie „Lost  Boys“, „Highlander“ und „Near Dark“ gehört, die man scheinbar seinerzeit in jüngeren Jahren hätte gesehen haben müssen, um sie auch heute noch kompromisslos faszinierend zu finden. Für mich war „Zeit der Wölfe“ ein reiner Film der Spezialeffekte wegen, und für so etwas bin ich nicht zu begeistern.


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