Samstag, 20. Mai 2017

ROCKY (1976 John G. Avildsen)


Boxchampion Apollo Creed entscheidet zu Promotionzwecken mit einem unbekannten Boxer in den Ring zu steigen. Die Wahl fällt auf Rocky Balboa, der sich im Ring als unerwartet hartnäckiger Gegner herausstellt...


Wie ein Linkshänder sich doch noch die Nase brach...

Die Geschichte von „Rocky“ und Sylvester Stallone geht Hand in Hand parallel einher. Stallone wird zusammen mit Rocky zu einem Star, richtet sich mit etlichen Comebacks immer wieder auf und erlebt eine Karriere über viele Jahrzehnte hinweg. „Rocky“ erzählt die klassische Geschichte welche Amerikaner immer wieder gerne über ihr Land hören: dass hier aus einem Niemand ein Jemand werden kann, dass hier jeder eine Chance hat. Und die Parallelereignisse zwischen Stallone und seiner Figur Rocky zeigen, dass in der Ausnahme an diesem Hoffnungsschimmer vieler Armer etwas dran ist. John G. Avildsens Film ist gut erzählt, er hätte keine zusätzliche Hilfe nötig um zu gefallen. Und doch puscht es das Sichten von „Rocky“ ungemein, dass dies der Start der Karriere des Autors und Hauptdarstellers Stallone war, und egal wie tief man es schafft in den Film einzutauchen, ein Hauch Stallone schimmert immer wieder in der Figur Rocky durch, was ich keinesfalls als Nachteil empfinde.

Ich bin ohnehin emotional an die komplette Filmreihe gebunden, empfand Wehmut beim nostalgischen Spin-Off „Creed“ und weinte kleine Tränen im überraschend großartigen „Rocky 6“. Ich konnte über „Rocky 4“ aufgrund seiner lächerlichen Extreme herzhaft lachen, ich empfand die Geschichte von „Rocky 3“ trotz des peinlichen Aufhängers des Auges des Tigers als äußerst reizvollen Fortsetzungsgedanken und selbst mit dem oft gescholtenen „Rocky 5“ konnte ich trotz zu extremer Klischees etwas anfangen, imponierte mir doch der Mut einen Rocky-Film lediglich mit einem Straßenkampf, anstatt mit einem großen Boxkampf enden zu lassen.

Bei meiner erneuten Sichtung des Erstlings nach etlichen Jahren versuchte ich „Rocky“ einmal nicht in der üblichen Euphorie zu sichten, die er üblicher Weise in mir auslöst. Ich wollte mit meiner seit damals angewachsenen cineastischen Erfahrung einmal einen möglichst objektiven, ehrlichen Blick auf jenes Sport-Drama werfen, welches so viele Menschen verzaubert hat. Und ich war überrascht wie extrem nüchtern der Film eigentlich erzählt ist. Relativ frei von Theatralik zeigt uns der Film mit Rocky einen Menschen, der weder charakterliches Vorzeigeideal der Gattung Mensch ist, noch ein sonderlich aufregendes Leben vor seinem Boxkampf mit dem Champion führt.

Man darf es Stallone hoch anrechnen, dass sein Drehbuch sich trotzdem in der ersten Hälfte einzig Zeit für die Nichtigkeiten in Rockys Leben gönnt. Erst nach dieser beginnt der Film mit dem Training für den bevorstehenden Kampf. Die Verantwortlichen für die Umsetzung von „Rocky“ erkannten das Potential der Figuren. Ja, es war ein Werk über den amerikanischen Traum, aber eben weil der Film sich nicht ziemlich direkt dieser Thematik widmet, erkennt man, dass den Köpfen hinter dem Filmprojekt bewusst war, welch starke Charaktere die Geschichte ausmachten, Charaktere die nach außen so gar nicht stark wirken. Rocky ist ein Prolet, der zwar ordentlich kämpft, in seinem Beruf aber nie den großen Sprung geschafft hat. Sein Auftreten ist zwar freundlich aber ordinär, seine Wirkung auf den Zuschauer keinesfalls sympathisch, höchstens etwas bemitleidenswert.

Das Unauffällige, geradezu Alltägliche in den Figuren Adrian, Mickey und Co übt diese Faszination innerhalb einer nichtig wirkenden ersten Stunde aus. Und wenn der Film gelegentlich zu Apollo Creed schwenkt, so wird selbst dieser doch ebenfalls nicht als großer Ungewöhnlicher gezeigt, den er im Showgeschäft so gerne spielen mag. Diese Bodenständigkeit tut schließlich der zweiten Hälfte des Filmes gut, die immerhin gewagt die Geschichte von einem Nobody erzählt, der den Champion im Boxen gewaltig ins Schwanken bringt und alles andere als ein leichter Gegner für zwischendurch ist. Die Bodenständigkeit sorgt für die Glaubwürdigkeit in dieser Hälfte, die bei anderer Herangehensweise leicht hätte ins Wanken geraten können.

Man merkt dem Autor und dem Regisseur an, dass ihnen der Stoff wertvoll erschien. Er wird mit größtem Respekt vor der Geschichte und den Charakteren umgesetzt. Etwas überrascht war ich von den Trainingssequenzen, hatte ich doch nicht mehr in Erinnerung, dass wir lediglich Rocky bei seinen Vorbereitungen beiwohnen, Apollos Training wird nicht gezeigt. Der Boxkampf wird schließlich zum Highlight des Streifens, so wie es sein soll, so dass „Rocky“ auch in diesem Punkt klassisches amerikanisches Erfolgs-Kino ist. „Rocky“ ist 70er Jahre Kino, er darf trotz großer Kinoauswertung noch langsam und in stillen Tönen erzählt sein. Diesen Luxus gönnte man sich damals noch, und deshalb schaut sich der Streifen auch kaum wie Mainstream, der er seinerzeit eigentlich war.

Rückblickend würde man ihn inszenatorisch aufgrund seiner emotional zurückhaltenden, so gar nicht dramatisch gepuschten, Art dem Europakino zuordnen. Lediglich die erzählte Geschichte drückt ihm endgültig den Amerikastempel auf. Somit ist „Rocky“ selbst dann noch ein beeindruckender Ausnahmefilm, wenn man Stallones Erfolgsgeschichte, die Fortsetzungen des Streifens, oder den Verweis auf den amerikanischen Traum kurzfristig wegblendet. Avildsen hat mit seiner sensiblen, realitätsnahen Umsetzung der Filmwelt ein besonderes Werk beschert. Und mit „Karate Kid“ bewies er im darauffolgenden Jahrzehnt, dass er ein gutes Sportler-Drama selbst dann noch beherrscht, wenn Moral, Kitsch und übermäßige Klischees, kurzum die typischen 80er Jahre-Krankheiten, die dem Kino nachhaltig schaden sollten, mit ins Geschehen treten.


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