Dienstag, 8. August 2017

DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN (La noche del terror ciego 1972 Amando de Ossorio)


Weil sie sich über ihre Reisebegleiter ärgert springt Virginia mitten im Nirgendwo aus dem fahrenden Zug und läuft zu den Burgruinen, die sie aus der Fernse sah. In der Nacht erstehen auf deren Friedhof verstorbene Tempelritter wieder auf und töten Virginia. Als ihre Reisebegleiter von ihrem Tod erfahren, wollen sie herausfinden was passiert ist...


Blinde Bestien...

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich Ende des letzten Jahrzehnts im Gemeinschaftsforum der OFDb eine intensive Diskussion über das Genre Trash ins Leben rief, als ich besagtes Genre bei „Die Nacht der reitenden Leichen“ einführen wollte und nicht den Widerstand verstand, den Liebhaber des Filmes dagegen einwendeten. Seit meiner Jugend stand Amando de Ossorios Film für unfreiwillig komischen Trash, und als etwas anderes wollte ich ihn nicht wahrhaben.

Heutzutage schäme ich mich für dieses ignorante Verhalten, verwende ich den Begriff des Trash-Films doch nur noch höchst selten und kann ihn in seiner verachtenden Form auch nicht mehr leiden. In meinem 2012 gegründeten Blog finden sich noch allerlei Filmbesprechungen, die ich im vorangegangenen Jahrzehnt geschrieben habe und die jenen Respekt vermissen lassen, den ich mir sogar erst recht kürzlich vor einigen Jahren erst viel zu spät angeeignet habe. Glücklicher Weise habe ich „Die Nacht der reitenden Leichen“ bisher nie besprochen und nur hin und wieder herablassend erwähnt, so dass ich heute frei Schnauze vom Film berichten kann, ohne eine ehemalige Besprechung komplett umschreiben zu müssen, habe ich doch erstmals das Potential erkannt, welches der Film zu entfalten weiß.

Denn auch wenn ich größte Angsthasen kenne, die sich vor den Templern Ossorios nie gruseln würden, und auch wenn man mit ihren dürren Ärmchen und dem Schockgeräusch beim Zeigen eines Totenschädels auf äußerst naivem Grusel aufbaut, so sind dies doch keine Gründe „The Blind Dead“ (Alternativtitel) der Lächerlichkeit Preis zu geben. Der vier Jahre nach Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ entstandene Mix aus Zombiefilm, Vampirfilm und Templer-Legende ist ein Liebhaberstück des europäischen Horrorfilms, äußerst naiv ausgefallen, zugegeben, aber auch sehr charmant umgesetzt.

Die kultige Musik weiß genügend Unbehagen über das klassische Szenario zu legen, damit „Night of the Blind Dead“ (Alternativtitel) zu funktionieren weiß. Das Outfit der Templer weiß zu gefallen, ihr Ritt in Zeitlupe mit dem dazugehörenden Geräusch verfehlt seine Wirkung ebenso wenig. Ossorios Film mag nicht gruseln, aber er vermittelt das Retro-Flair eines Gruselfilms, lässt einen glauben das Grusel-Flair emotional nur knapp verpasst zu haben, bei all seinem morbiden Reiz, gerade innerhalb der stimmigen Kulisse der Burgruinen.

Überzeugende Schauspieler und ein Gefühl für wohlig unwohlige Atmosphäre hauchen in Kombination mit den bereits erwähnten Pluspunkten „Tombs of the Blind Dead“ (Alternativtitel) genau jenes Leben ein, das ihn mit ehrlichen, ehrfürchtigen Augen betrachtet zu jenem sehenswerten Kultfilm macht, den manch einer aus zu arroganter Perspektive in ihm nicht sehen will. Da das Szenario im Gegensatz zu den drei Fortsetzungen (die alles eher eigenständige Variationen des Stoffes für sich darstellen) zudem mit einem zusätzlichen Zombie trumpft, der als Opfer der Templerrituale entstanden ist, weiß Teil 1 über das Templer-Thema hinaus einige Aspekte mehr zu bieten - bis hin zur wunderbaren Schlussszene, deren Auswirkungen wir für die Menschheit nur erahnen können.

Sicherlich kann man sich zu recht fragen warum erwähnte ehemalige Opfer von einst nicht bereits den Fortbestand der Menschheit bedroht haben. Und wie sieht es bitte aus, wenn die Templer sich nach erledigter Arbeit morgens wieder brav in ihre Gräber legen? Und ist diese Art nach dem Tod zu leben den ganzen Aufwand im 13. Jahrhundert wert gewesen? „La noche del terror ciego“ (Originaltitel) ist sicherlich nicht frei von Unsinnigkeiten und Lücken in der Logik. Die stimmige Umsetzung und der versprühte Retro-Look machen dies jedoch alles wieder wett. Mich hat „Die Nacht der reitenden Leichen“ erstmals rundum und kompromisslos unterhalten.

Selbst in die lesbisch angehauchte Rückblickszene konnte ich mich diesmal bestens einfühlen, was aber auch am wundervollen Soundtrack lag, wie er typisch für Erotikfilme dieser Zeit wurde. Zudem habe ich den Streifen erstmals im Original mit deutschen Untertiteln geschaut, das hat ihn atmosphärisch auch noch eine Spur besser gucken lassen. Unfreiwillige Komik nahm ich dadurch zu verstehen, was Ossorio mit Fertigstellung des Films vorschwebte, nicht mehr intensiv wahr. Ich bin froh, dass ich mittlerweile von dieser Arroganz geheilt bin und in der Lage bin Filmen auch dann eine echte Chance zu geben, wenn sie höchst naiv umgesetzt wurden.


Weitere Besprechungen zu Die Nacht der reitenden Leichen: 


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