VERTIGO - AUS DEM REICH DER TOTEN (Vertigo 1958 Alfred Hitchcock)

Der unter Höhenangst leidende Ex-Polizist John Ferguson wird von einem ehemaligen Schulfreund beauftragt dessen Frau Madeleine zu beschatten, da diese sich merkwürdiger Weise in letzter Zeit immer wieder in eine verstorbene Verwandte zu verwandeln scheint und dabei Dinge tut, an die sie sich hinterher nicht erinnert. Als John während des Beschattens einen Selbstmordversuch Madeleins verhindert, nimmt er persönlichen Kontakt zu ihr auf und versucht ihr zu helfen wieder sie selbst zu werden. Dabei verliebt er sich in sie...


Um ihretwillen gemocht werden...

Wieder einmal besetzte Alfred Hitchcock James Stewart für einen seiner wichtigsten Filme, und er tat gut daran diesen hervorragenden Mimen zu wählen, geht das Drehbuch doch nicht gerade sanft mit der Figur John Fergusons um, der verschiedenste seelische Phasen durchleben muss, wofür man einen facettenreichen, glaubwürdigen Schauspieler benötigt, der sowohl den verschmitzten Schmeichler spielen kann, wie auch den völlig verstörten Abgedrivteten, oder den obsessiven Todtraurigen. Solch vielschichtiger Charakter benötigt für seine glaubwürdigen Wandel eine Geschichte, die sich alle Zeit der Welt gönnt zu erzählen, was es zu erzählen gibt, und ein eben solches bietet „Aus dem Reich der Toten“ (Alternativtitel), das sich nicht nur in seiner Gesamtlänge jeglichen Raum lässt um alles erzählen zu können, sondern sich auch nötige Umwege gönnt, um wichtigen Einzelphasen gerecht zu werden.

Ruhige Momente werden regelrecht zelebriert, schweigsame Szenen so aufregend umgesetzt, dass selbst ein ungeduldiger Zuschauer sich nicht langweilen dürfte. Und der Aufhänger um den merkwürdigen Geisteszustand einer Frau bietet nicht nur den nötigen Anreger, um das Interesse des Zuschauers zu gewinnen und beizubehalten, er ist auch das ideale Ablenkmanöver, um von den eigentlichen Ereignissen erfolgreich abzulenken, auch wenn sich zwischendurch kurzfristig sicherlich in die richtige Richtung tendierende Gedanken beim mitdenkendem Zuschauer breit machen. Letztendlich ist man meist aber vom Geschehen zu sehr gefesselt, als dass man langfristig abschweifen könnte, anstatt das wahrzunehmen, was tatsächlich gerade auf der Leinwand passiert.

Das liegt neben der fesselnden, trügerisch fast schlicht erscheinenden, Geschichte aber auch an den hervorragenden Bildern, die Hitchcock uns hier präsentiert. Manches Mal wird auf fast geradezu an Mario Bava erinnernde Art mit einer dominanten Farbmischung gespielt, dann benötigt die hervorragende Fotografie eine solche wieder nicht, um Alltägliches gekonnt einzufangen. Wiederum andere Szenen beeindrucken aufgrund ihres Spielortes, oder aufgrund unbedeutender Elemente im Hintergrund, meist subtil eingefangen, in wenigen Momenten aber auch geradezu aufdringlich eingesetzt, so dass „Vertigo“ hin und wieder echtes Kinofeeling einfängt, wo er einen doch ansonsten erfolgreich eher unauffällig von der unseren Realität abzulenken versucht.

Hitchcock geht die auf einem französischen Roman basierende Geschichte mit derartigem Respekt vor ihren wertvollen Einzelphasen an, dass es ihm letztendlich sogar egal ist, dass „Listen Darling“ (Alternativtitel) streng ausgedrückt zum letzten Drittel hin kleine atmosphärische Durchhänger in Kauf nimmt, nach dauerhaft aufregend erzählten 90 Minuten. Die kleiner ausgefallene zweite Hälfte der Geschichte benötigt diesen Neuanlauf jedoch, bevor sie erneut zu einem Höhepunkt hochschwenken kann, der dem Werk dann jedoch einen recht plötzlichen Schluss beschert, so dass trotz jeglicher richtiger Herangehensweise in diesem letzten Part der längere erste Part als der wesentlich packender erzählte hervorsticht.

Die Konsequenz des späten Neuanfangs der Geschichte und der nun schauspielerisch immer interessanter werdende Charakter Fergusons sorgen dafür, dass aber auch diese vergleichsweise „schwächere“ Phase des Streifens noch immer ein Höhepunkt in Hitchcocks filmischen Schaffen bleibt, welches nun wahrlich nicht arm an Höhepunkten ist. Es geht mir hier lediglich darum den ungewöhnlichen Rythmus des Filmes zu erwähnen, der in heutigen genormten Kinozeiten überrascht, in denen eine Geschichte ihren Höhepunkt regulär am Ende erhält. Die Erzählung von „From Among the Dead“ (Alternativtitel) setzt noch einmal neu an, um die Geschichte zu einem konsequenten und inhaltlichen, wie analytischen Sinn machenden Schluss zu führen, der den Zuschauer nicht nur durch den plötzlich wieder ruhiger anklingenden Ton überrumpelt, sondern mit dem Wandel der Figur Fergusons geradezu beunruhigt und verstört, während er doch weiter als Identifikationsfigur fungiert.



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