04.05.2021

THE ROOM (2019)

Manch ein Filmemacher hätte die an "Twilight Zone" und Co erinnernde Chose permanent für den mahnenden, moralischen Aspekt genutzt, der sich freilich nie komplett ausblenden lässt. Das Gemeinschaftsprojekt aus Luxemburg, Belgien und Frankreich macht mit einer Reduzierung dieses Aspekts jedoch seine europäische Herkunft deutlich und schafft es mittels eines recht geistreichen Drehbuchs stets neue Wege zu finden, die grundlegende Idee auszuloten. So macht die Geschichte weder Halt im moralischen Aspekt, noch im Erwachen aus der obligatorisch aufkommenden  Dekadenz. Ebenso wenig schließt sie mit der an "Gate 2" erinnernden Idee, dass alles Herbeigewünschte nach einiger Zeit wertlos wird. Mit einem atmenden, denkenden Wesen aus Fleisch und Blut wird eine tragische Komponente dem Geschehen hinzugefügt, die vielfältig ausgeleuchtet werden kann. Das Drama um das Eingeschlossensein wird dadurch ebenso thematisiert, wie das Traumata der Mutter, die das eine mit diesem Wunsch umgehen wollte und sich nun einem anderen ausgesetzt sieht. Der Alterungsprozess außerhalb des Hauses wird ebenso Teil der Gedankenspiele rund um den Jungen, wie auch seine frankensteinische Kunsterschaffung. Ist er Mensch oder nicht? Hier finden sich einige Parallelen zum völlig anders gearteten, im selben Jahr entstandenen, "Vivarium" (teilweise auch zu "Splice - Das Genexperiment"), den Entzweiungsprozess des Paares um Mitgefühl, Vernunft und Machtverhältnisse hier etwas näher beleuchtend als dort.

Und selbst mit dem Aspekt des Kindes hören die Überraschungen der wendungsreichen Geschichte beileibe nicht auf. Denn durch die Intelligenz des Jungen kann nun etwas nachgeholt werden, das man in der Einfallslosigkeit des zentralen Ehepaares zuvor vermisst hat: die vielen Wunschmöglichkeiten, die sich durch den Raum anbieten. Irgendwann befinden wir uns in einer an "House 2" erinnernden Phase, in welcher der Junge, langsam sein Schicksal begreifend, sich seine eigene Welt in diesem Raum kreiert, um das Draußensein endlich einmal erleben zu können. Auch hier ruht sich das Drehbuch nicht einfach auf dem fantastischen Aspekt aus, sondern nutzt diesen Bereich erneut zum Ausloten zwischenmenschlicher Auseinandersetzungen, in welcher die Mutter sich geradezu klassisch auf die Seite ihres Kindes schlägt. Zwar geht die Geschichte überraschend erfreulich so weit die Wahrnehmung derart auf den Kopf zu stellen, dass man sich an "eXistenZ" erinnernd nicht mehr sicher ist in welcher Wirklichkeit man sich nun tatsächlich befindet (gleiches gilt dank der krankhaften Entwicklung des sprunghaft Herangereiften auch für Persönlichkeiten), letztendlich führt man in dieser wilden Phase den Zuschauer jedoch zu brav an der Hand, macht immer zu schnell deutlich wo wir uns mit wem tatsächlich befinden, anstatt uns komplett im Labyrinth aus Wahn, Illusion und Täuschung allein zu lassen. 

Dementsprechend kann genau diese Phase nicht konsequent genug umgesetzt werden, was schade ist, wenn man bedenkt, dass sich "The Room" überhaupt bis zu derartigen Sphären entwickeln durfte. Da Christian Volckman (der ansonsten im Langfilmbereich bislang nur den Animationsfilm "Renaissance" inszenierte) seinen Film aber ohnehin stets in einer Kinorealität spielen lässt und sich kaum um authentisches Flair und reifes Kino bemüht, fühlt sich dieses Eingeständnis für den Mainstream nicht ganz so enttäuschend an, wie in einem erwachsen reflektiertem Produkt. "The Room" ist somit einfallsreiches Kino für die Zeit in der er entstand und für das Publikum, das er anvisiert, ist in seinen Möglichkeiten aber eingeschränkt für das mündige, mitdenkende Publikum. Umso schöner ist es, dass er als massentauglicher Film in einem relativ weiten Radius eingeschränkt ist, sprich sich im phantastischen Bereich weite Grenzen setzt, bevor er deren letzte Hürden meidet zu überwinden. Warum man gerade in der letzten Phase einer krankhaften Rollenübernahme angekommen so schnell nicht nur den Zuschauer, sondern auch die getäuschte Figur einweiht, anstatt bei dieser unpraktischen Entscheidung wenigstens nur den unpassend plötzlich zum Helden umfunktionierten Ehemann klar sehen zu lassen, und dies nur um das Ganze in einem geradezu klassischem Errettungsszenario enden zu lassen, will sich mir, nach all den anderen Möglichkeiten, die das Drehbuch genüsslich auskostete, nicht erschließen. Was hier an Potential für weitere interessante 30 Minuten für einen schnellen Schuss verschenkt wird, wird vielleicht aber nur den Kreativen unter den Zuschauern bewusst sein.  OFDb

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