Freitag, 17. August 2012

CREEPER (Rituals 1977 Peter Carter)


Fünf Ärzte verbringen einen Kurzurlaub weit abgelegen in der Wildnis und werden dort von wem Unbekanntes bedroht...


Erwachsenen-Horror...

Mit dem Sub-Genre des Backwood-Horrors habe ich in den vergangenen Jahren eher negative Erfahrungen gemacht. Ob es nun der sehr öde „Wrong Turn 2“ war oder ältere Werke wie „Ausflug in das Grauen“ und „Backwoods“, in welchen sich Langeweile und Lächerlichkeit kreuzten, immer wieder erwischte ich uninteressante Filme. Selbst der an sich geglückte „Wolf Creek" war nicht bis in die letzte Instanz das was ich mir von einem solchen Werk erhoffe. Dementsprechend bin ich mit recht wenig Erwartungen an „The Creeper“ herangegangen, zumal das DVD-Cover verriet, dass der Film an sich bis zur besagten Veröffentlichung recht schwer aufzutreiben war. Das spricht meist für besonders schlechte Werke, die erst durch Horror-Komplettisten ihren Absatz erfahren.

„The Creeper“ entpuppte sich jedoch als positive Filmerfahrung, zumal er von der DVD-Firma falsch angepriesen wurde, denn den Bereich des Backwood-Horrors streift er nur, bzw. durch sein frühes Erscheinungsjahr geht er mit der Thematik noch ein wenig anders um, als die stilprägenden Werke dieses Sub-Genres. „Rituals“, wie der Film ebenfalls heißt, überrascht in erster Linie durch seine Authentizität, die erst im letzten Drittel ein wenig zu bröckeln beginnt, wenn eine unsympathische Person ein bisschen zu sehr in die Rolle des Bösewichts abrutscht. Sieht man von dieser einen Sache aber einmal ab und vom Make Up des Jägers im Finale, bleibt der Streifen angenehm realistisch und weiß noch durch andere Dinge diesen Pluspunkt zu bereichern.

Wir befinden uns in den 70er Jahren. Der Teenie-Film tauchte seit den 60er Jahren schon immer wieder auf, er fasste aber noch nicht als Dauerzustand Fuß in amerikanischen Kinos. Deswegen darf man in „The Creeper“ mit den Sehgewohnheiten von heute zur Abwechslung endlich wieder erwachsene Charaktere durch eine solche Horrorgeschichte begleiten, die sich zudem auch wie erwachsene Menschen verhalten. „Rituals“ ist ein reiner Männerfilm mit Gleichgesinnten, wie man sie sich als Trüppchen in dieser Zusammenstellung auch wirklich vorstellen kann.

Der Autor der Geschichte schenkte seinen Figuren zudem noch den Beruf des Arztes, somit lässt man gebildete Menschen auf eine Geschichte los, in welcher man eher dumme Gestalten gewohnt ist. Daraus zieht der Film ein großes Potential seiner Wirkung. Denn erwachsene Männer, die mitten im Leben stehen und über Bildung verfügen, die durch ihren Beruf eher in der Lage sind Wunden möglichst fachmännisch zu diagnostizieren und zu verarzten, und die sinnvoll darüber sinnieren können was mit ihnen gerade passiert, sind genau so hilflos wie vor Angst kreischende Teenies ohne Lebenserfahrung. Das geht näher an die Nieren, zumal die Herren Doktoren von der Jagd und dem Überleben in der Wildnis höchst wenig Ahnung haben. Der damit einhergehende Heimvorteil für den Jäger ist jedoch Standard-Rezept im Backwood-Horror.

Wo gebildete Menschen glaubwürdig miteinander reden, da muss wer am Drehbuch sitzen, der auch nicht vollkommen auf den Kopf gefallen ist. Und das merkt man „The Creeper“ fast während der kompletten Laufzeit an. Trotz fieser Jagdmethoden wie Bärenfallen im Fluss und das Pfeile schießen auf ein Wespennest wird der Streifen niemals reißerisch. Die hier aufgezählten Methoden verweisen zudem darauf, dass die Konfrontation mit dem Gegner nie persönlich vonstatten geht. Hin und wieder erleben wir ihn aus Sicht des Kameramannes, gegen Ende sehen wir ihn aus der Ferne. Und wo andere Filme kein Geheimnis um die Existenz eines Fremden machen, da spielt „The Creeper“ tatsächlich noch mit dem Zuschauer, da ein Sub-Plot darauf verweist, dass einer der Ärzte selbst der Täter sein kann, da zu Beginn der Wanderung einer anders als geplant nicht mitgekommen ist.

Schlauere Drehbücher outen sich auch gerne durch die Tatsache zu erkennen, dass etwas Simples meist naheliegender und damit realistischer oder logischer ist, als etwas Überkonstruiertes. Dies zeigt sich hier in den Reaktionen der Männer auf aktuelle Situationen, in ihren Streitgesprächen vor der körperlichen und geistigen Überstrapazierung, in dem Wandel des Argumentationsniveaus, wenn die körperliche und geistige Überstrapazierung dann doch aufkeimt, aber auch in manch simplen Methoden des Jägers, beispielsweise wenn er den Reisenden alle Schuhe klaut, was die Truppe wesentlich unbeweglicher macht. Dieser Trick ist so wirksam wie plump, und besser als manch schlauer klingende Methode aus Vergleichsfilmen mit ähnlichem Anliegen.

Dass es außerdem noch zu ethischen Grundsatzdiskussionen kommt, in welcher beide Parteien vernünftige Begründungen für ihre Sichtweisen vorgeben, so dass einer gesunden Diskussion in eigener Runde nach Filmende nichts im Wege steht, tut ebenfalls gut in einem Film, der nie auf äußeren Schauwert setzt, und der einen durch seine realistische Atmosphäre viel näher mit den Protagonisten mitleiden lässt, als es ein Teenie-Horror je zulassen würde. Bei jeder noch so kleinen Verletzung leidet man mit. Jede Angst, Unsicherheit oder Schwierigkeit überträgt sich direkt auf den Zuschauer, der fast glaubt selbst Teil dieses Survival-Trips zu sein, dessen Authentizität durch echte Aufnahmen in der Wildnis anstatt durch Studioaufnahmen verstärkt wird, zumal man an Orten drehte, die es auch wert waren auf Film festgehalten zu werden.

Leider macht einem aber das schlechte Bildmaterial ein wenig einen Strich durch die Rechnung. Nicht nur dass manches viel zu abgedunkelt stattfindet, gerade Richtung Finale, auch die Farben stimmen nicht immer, hin und wieder zeichnen sich Farbflecken auf dem alten, schlecht gelagerten Filmmaterial ab. Ansonsten kann man über die Optik jedoch nicht klagen, ist sie doch weit entfernt vom Hochglanzbild heutiger Tage und bietet die typische farbliche Film-Optik der 70er Jahre.

Auch wenn zum Ende hin kleine Fehler gemacht werden, und die eigentliche Geschichte nicht der Rede wert ist, so ist dem jung verstorbenen Regisseur Peter Carter, der mit „Targoor“ einen wesentlich schlechteren Genrebeitrag ablieferte, doch ein kurzweiliger Horror-Thriller gelungen, der seine Figuren und die Situationen in denen sie sich befinden immer ernst nimmt, und damit Nähe zum Zuschauer schafft, der durch teilweise simplere Dinge mehr geschockt ist, als durch manch drastischere Ideen moderner Filme, die jedoch zu sehr Kino bleiben. „The Creeper“ ist nah dran, mittendrin und realistisch, und dafür mag ich ihn.


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