Montag, 20. August 2012

WENN DIE WELT UNS GEHÖRT (2009 Judith Keil u.a.)


Richy ist ein Schwächling, der sich selbst gegen seinen jüngeren Bruder nicht zur Wehr setzen kann. Als er den älteren Marco kennen lernt, beginnt er sich für das Gläserrücken zu interessieren. Aus einem harmlosen Späßchen wird für Richy bald ein festes Glaubensbild. Zusammen mit Kumpel Tim halten sich die drei bald für Kämpfer an der Seite Satans...


Wenn die Welt uns gehörnt...

Kahlschlag“ warnte vor Rechtsradikalismus, „Delphinsommer“ rückte die Schattenseiten des Sektenlebens in den Mittelpunkt. Versucht „Wenn die Welt uns gehört“ im Zuge dieser Aufzählung vor Satanismus zu warnen? Die Antwort lautet überraschender Weise nein. Denn während die Vergleichsfilme eindeutig dafür gedreht wurden, um über ihr zentrales Thema aufzuklären, kann man das Teufelsanbeten im Drama von Judith Keil und Antje Kruske fast als Nebensächlichkeit bezeichnen. Selbstverständlich ist das Thema immer präsent und oberflächlich gesehen immer Mittelpunkt der Geschichte. Aber es wäre ein leichtes es gegen einen anderen Schwerpunkt auszutauschen, um fast die gleiche Geschichte zu erzählen.

Was wie ein negativer Kritikpunkt klingen mag, ist als solcher nicht gemeint. Sich am Thema Satanismus festzubeißen und dabei sehr leicht in lächerliches Klischeedenken abzurutschen, um einen Film der Warnung fertig zu stellen, ist schnell passiert. Unsere drei Helden, hervorgehoben durch die Sichtweise Richys, rutschen jedoch auf recht simplen, geradezu alltäglichem Wege in ihr Glaubensmuster hinein. Und während andere Werke versuchen würden eine Studie über das Problem Satanismus abzuliefern, konzentriert sich „Wenn die Welt uns gehört“ auf die alltägliche Problemwelt Jugendlicher, in welcher es nur ein Zufall ist, dass man in den Teufelsglauben hineinrutscht. In einem anderen Umfeld hätte Richy genau so gut in den Drogenkonsum abrutschen können, ein fanatischer Christ werden können, rechtsradikal, prostituiert oder Sektenmitglied, egal was.

Dabei versuchen die beiden Regisseurinnen möglichst alltäglich und sensibel die Welt Richys darzustellen, um über die wahren Probleme zu berichten. Isoliertheit, oberflächlicher Kontakt zum Elternhaus, Gruppenzugehörigkeit, jugendliche Naivität, Orientierungslosigkeit. Richy verschließt sich der Außenwelt. Im Vergleich zu seinen zwei anderen Freunden hätte er wahrscheinlich die Möglichkeit seine Eltern bei seinen alltäglichen Problemen um Rat zu fragen. Aber er tut es nicht, tappst ahnungslos in eine erste Beziehung, in welcher er überfordert ist, entwickelt ein Glaubensbild und entdeckt seine Persönlichkeit. Er macht all dies ohne erwachsene Begleitung, ohne je von irgendeiner Seite ein Feedback zu bekommen, geschweige denn eine Alternative präsentiert zu bekommen, um seine eigene, kleine Welt zu überdenken.

Dass das Hineinfühlen in Richys Alltagsleben so gut funktioniert, verdankt der Film jedoch hauptsächlich der Leistung des Darstellers von Richy, der sehr authentisch als anonymer Jedermann besetzt wurde und damit allein rein äußerlich glaubwürdig erscheint. Ein großer Schauspieler ist er nicht.Das muss er aber genau so wenig sein, wie die anderen zwei Jugendlichen des Trios. Denn sie sind alle so greifbar echt, dass ihr bemühtes Spiel bereits reicht, um zu überzeugen.

So könnte der Film sich theoretisch locker in die Reihe jener Jugend-Dramen einordnen, denen es um das Seelenleben von Teenagern geht, einfach um dem Rest der Welt einen Blick zu schenken, wie es im scheinbar so einfachen Lebensabschnitt zu entscheidenden Problemen kommen kann. „Kroko“ und „Die brennende Schnecke“ (welcher so einige Parallelen zu „Wenn die Welt uns gehört“ aufweist) sind gelungene Beispiele für diese Art Film. Und doch kann sich der hier besprochene Streifen den Vergleichsfilmen nicht nahtlos anschließen, ist er doch trotz des Versuches sich dem Jugendalltag sehr sensibel zu nähern, nicht so intensiv darin wie die geglückten Varianten dieser Art Drama.

Weder das Thema noch die Probleme werden verharmlost. Allerdings bleibt der Streifen in seiner Betrachtung zu oberflächlich. Nie erlebt man wirklich das Innere von Richys Seelenleben. Wir verstehen oder erkennen nicht seine innere Leere. Sicherlich ist es einfacher die Wut eines Teenagers auf den Zuschauer überschwappen zu lassen, die es schaffte „Die brennende Schnecke“ so intensiv wirken zu lassen. Richys grundlegendes Problem ist die geistige und emotionale Resignation. Er will was machen, egal was. Er ist Gefühlslegastheniker. So etwas ist schwer einzufangen und auf den Zuschauer zu übertragen, damit dieser versteht warum Richy das tut, was er tut. Das Fehlen dieser Empathie des Zuschauers sorgt jedoch dafür, dass die Hauptfigur einem nie wie ein Problemkind erscheint.

Und das ist schon etwas schade, zeigt der Film doch sonst sehr lobenswert, wie man sich sein eigenes kleines Weltbild schaffen kann und seine Wahrnehmung damit verfälschen kann. Und das geschieht in „Wenn die Welt uns gehört“ ganz schlicht, ganz alltäglich, ganz ohne zur Bild-Schlagzeile zu werden. Man jongliert ganz gezielt mit den verschiedenen Typen der Psyche, zeigt auf wer unter welchen Typen zum Alphatier werden kann, warum andere Typen diesem folgen, obwohl ihnen das Thema zunächst lächerlich vorkommt. Gekonnt wird aufgezeigt, wie die drei jungen Menschen aus drei völlig unterschiedlichen Gründen sich einer Sache anschließen und dabei den Fehler begehen zu glauben, die jeweils anderen Zwei würden einen verstehen und das selbe durchmachen.

Die Regisseure Keil und Kruska arbeiten also das Alltägliche und die kleinen Elemente, die einander beeinflussen, sehr gut heraus, scheitern aber an der Gefühlswelt Richys, der nun einmal zur Identifikationsfigur wird, und damit fehlt dem Film das emotionale Mitfiebern beim Zuschauer. „Wenn die Welt uns gehört“ ist nun mal kein Aufklärungsfilm wie „Delphinsommer“. Dem hätte es nicht geschadet, wenn der Blick auf das was er zeigt zu theoretisch abgelaufen wäre. Allerdings hält gerade der genau das bereit, was hier fehlt: die Anteilnahme an der inneren Zerrissenheit des Hauptcharakters. Wie erwähnt ist es sicherlich schwieriger Richys Seelenleben auf den Zuschauer zu übertragen, als das eines wütenden Jugendlichen, aber es wäre sicherlich trotzdem irgendwie machbar gewesen.

Somit bleibt „Wenn die Welt uns gehört“ ein netter, geradezu lobenswerter Versuch, der sicherlich nicht alles falsch macht. Ganz im Gegenteil, theoretisch stimmt so ziemlich alles. Er weiß einen jedoch nicht mitzureißen. Er zeigt keine Alternativlosigkeit Richys, bzw. keinen Druck der Richy dazu führt, sich nicht für mögliche Alternativen zu entscheiden. Warum Marcos Macht so enorm ist, dass Richy sich für ihn anstatt für die junge Liebe entscheidet, bleibt zu theoretisch, zu sehr angedeutet. Und das ist sehr schade.

Eventuell wäre es möglich gewesen sich hier dann doch etwas mehr an jene Werke zu orientieren, die über ein zentrales Thema aufklären wollen. In solchen Filmen ist es oft üblich, dass der Protagonist seinen Irrtum erkennt und versucht sich aus diesem zu befreien. Die Sektenzugehörige will aussteigen, der Drogenabhängige will aufhören, der Rechtsradikale aus seiner Szene raus. Vielleicht hätte man thematisieren sollen, dass Richy die Unsinnigkeit seines Glaubens erkennt. Dabei hätte der Film sich ruhig treu bleiben können, indem er den Gruppendruck, den es zu bekämpfen gibt, so schlicht hält wie er in der winzigen Gruppe der Satansangehörigen nun einmal ist. Vielleicht hätte man mit einer solchen Weiterführung der Geschichte eher zugelassen, Zugang zu Richys Gefühlswelt zu finden. Auch zu dem, was vorher war.

„Wenn die Welt uns gehört“ wird nie langweilig und nie unglaubwürdig, geschweige denn lächerlich. Deswegen kann man ihn durchaus trotzdem gucken. Da er aber emotional zu nüchtern bleibt, hätte man sich den konsequenten Schluss, der theoretisch eines „Die brennende Schnecke“ würdig ist, auch gleich sparen können. Da nutzt es auch nichts, diesen zu Beginn anzudeuten, um den Zuschauer emotional näher an das Geschehen zu binden. Der bleibt viel zu sehr äußerer Betrachter, da er nie an Richys verkümmertes Seelenleben teilhaben darf.


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