Sonntag, 23. September 2012

ROCKY 6 - ROCKY BALBOA (Rocky Balboa 2006 Sylvester Stallone)


In einem TV-Special wird per Computersimulation ermittelt, ob der ehemalige Boxchampion Rocky gegen den heutigen gewinnen könnte, vorausgesetzt beide wären zu ihren besten Zeiten gegeneinander angetreten. Diese sind für Rocky jedoch vorbei. Adrian ist tot, und seine Tage verbringt der ehemalige Boxer Anekdoten erzählend in seinem Restaurant. Das positive Ergebnis der Simulation bewegt Rocky jedoch dazu in den Ring zurückzukehren, sehr zum Widerwillen seines Sohnes. Eigentlich dachte Rocky nur an kleine Kämpfe, doch dann bekommt er das Angebot an einem Promotion-Kampf gegen den aktuellen Weltmeister teilzunehmen...


In Rente gehen kann wer anders...

Man, was war ich kritisch. Macht ein sechster Teil wirklich Sinn? Nun, Teil 6 kann man zwar als gelungen bezeichnen, Sinn macht er aber eigentlich wenig. Teil 5 war erzähltechnisch ein toller Schluss, etwas zu Stallone-typisch klischeehaft erzählt, aber eine runde Sache. Der sehenswerte sechste Teil bildet da nur ein unnötiges Anhängsel, zumindest was den sportlichen Bereich der Geschichte angeht.

Was mich bei der Erstsichtung aufatmen ließ, war der klassische Erzählstil. Stallone schrieb Buch, führte Regie, da war ein alter Haudegen der Filmbranche am Werk und kein nerviger Jungregisseur aus den Welten der Videoclips. „Rocky VI“ verzichtet auf moderne Bilder und erzählt seinen Film im Stil der fünf Vorgänger. Da der Streifen beim Zuschauer sehr auf Nostalgie setzt, ist das auch sinnig. Und auch die Geschichte mit Schwerpunkten über Neuorientierung im Alter, Trauerverarbeitung u.ä. spricht für diese ruhigere Erzählweise. Einzig wenn im Finalkampf einige Runden mit einer Musikschleife übersprungen werden, wird kurz auf modernes Schnellschnitt-Bildgewitter und farbliche Spielereien gesetzt. Das ist dann aber auch die einzige, sehr unnötige, Ausnahme.

Zu vergleichen ist der 6. Teil der Reihe am ehesten mit dem 1. und dem 5. Teil. Auch in diesen stand das Drama und nicht die eigentliche Sport-Action im Mittelpunkt. So etwas peinliches wie "Rocky IV" sollte sich nicht wiederholen. So etwas wunderbares wie Teil 1 ist es aber auch nicht geworden. Das liegt mitunter daran, dass die Figuren, die in Teil 6 neu eingeführt werden, zu sehr ins Leere laufen. Die neue weibliche Bekanntschaft und ihr Sohn, das sind alles Figuren die für wenig stehen.

Die Frau macht immerhin inhaltlich Sinn, wird zum Ende hin aber nicht mehr benötigt. Ihr Sohn wirkt von Anfang an krampfhaft eingebracht. Auf der DVD gibt es entfallene Szenen zu betrachten, unter denen auch eine war, die der Anwesenheit dieser Person mehr Sinn gegeben hätte. Wäre diese Szene im Film enthalten gewesen, wäre es dieser Rolle so wie jener der Mutter ergangen: sinnig für seine Zeit, danach verpufft, so aber verpuffte sie von Anfang an.

Stallone nutzt diese Figuren um an ihnen den typischen Rocky-Charakter zu demonstrieren (der Großzügige, der der gerne gehört wird, der der gerne Lehren erteilt, ...). Er nutzt sie um die Entwicklung der Hauptfigur zu zeigen, und natürlich nutzt er sie, um seine in fast allen Stallone-Filmen propagierten Lebensweisheiten preisgeben zu können (das hatte Stallone mit seiner Rocky-Rolle schon immer gemeinsam). Für die Geschichte rund ums Boxen sind die neuen Charaktere allerdings witzlos.

Das wäre noch in soweit o.k., wenn sie in diesem Erzählstrang nicht mehr vorkommen würden. Aber warum diese beiden Personen Rocky nicht nur begleiten (was trotz des Aspektes von Familienersatz schon unsinnig wirkt), sondern auch noch neben dem Boxer sitzend der Pressesitzung beiwohnen, will mir nicht in den Sinn.

Zu den unnötigen Filmfiguren dazugesellen kann sich diesmal auch der Sohn Rockys. Diente dieser dem 5. Teil für das Storygrundgerüst, wenn auch ertränkt in billigsten Vater-Sohn-Klischees, so darf er diesmal besonders plump wirken, ist einzig und allein Zielscheibe der guten Rocky-Ratschläge, und macht noch immer den Eindruck er sei das kleine Kind aus Teil 5, gefangen im Körper eines Erwachsenen. Seine Auftritte sind glücklicher Weise stark begrenzt, seine Wichtigkeit für den Film fast gleich null. Seine eigenen Emotionen sind völlig witzlos für das Werk, lediglich seine Distanz zum Vater ist wichtig für den psychologischen Aufbau der Geschichte. Aber hätte da nicht eventuell eine bloße Erwähnung gereicht? Hätte der Sohn wirklich "geistig geheilt" zurückkriechen müssen? Ich denke nicht.

Ein weitaus wichtigerer Kritikpunkt, als mein Tadel an den neuen Figuren, ist die Krankheit Rockys, die in Teil 5 thematisiert wurde. Ich glaube kaum, dass seine Gehirnverletzungen ernsthaft heilbar sind. Aber selbst wenn dies blauäugig der Fall wäre, hätte Teil 6 eine Erwähnung über den genesenen Zustand des Helden enthalten müssen. Das Thema wird jedoch einfach ignoriert, so als hätte es Rockys Kampfunfähigkeit nie gegeben. Das ist fatal, wo dieses Element doch Zentralproblem der Einführung des fünften Teils war. Genau wegen dieser Krankheit konnte sich Rocky nicht aus den Slums herausboxen und musste damit leben wieder dort zu stecken, wo er einst begann. Wie konnte ein so grober Fehler geschehen?

Zum Glück macht der Film auch vieles richtig. Nachdem Teil 5 zeigte, wie ungeeignet Rocky als Trainer war, macht seine neue Karriere Sinn. Die verschiedenen Nutzen, die er aus dem Gaststättengewerbe zieht, passen gut zum Rocky-Charakter (Erzählonkel, ehemaligen Kollegen helfen, ...). Ohnehin ist es immer wieder toll zu erleben, wie sich eben dieser Rocky-Charakter in all den 6 Filmen treu bleibt. Egal wie gut oder schlecht ein Teil der Kinoreihe war, Rocky blieb Rocky, blieb dabei nicht völlig unverändert, aber er veränderte sich sinngemäß und blieb zumindest im Kern der selbe Mensch.

Gut ist auch die Idee, dass Rocky die Boxlizenz lediglich für kleine Kämpfe erhalten möchte. Das passt zu seiner Bescheidenheit. Der Versuchung des großen Kampfes nicht widerstehen zu können passt auf der anderen Seite ebenso.

Auch die Weiterführung der Pauly-Rolle kann man als geglückt bezeichnen. Alter macht weiser. Pauly ist zwar noch das Arschloch das er immer war, lässt aber Einsicht durchfunkeln. Einen seiner bewegensten Auftritte hat der Mann ziemlich zu Beginn, wenn er erwähnt, dass er nicht an die Vergangenheit erinnert werden will, da er stets schlecht zu seiner Schwester war. Seinen dramatischsten Auftritt erlebt man leider nur auf der DVD. Unter den entfallenen Szenen befindet sich eine Parallelszene zu seinem Rauswurf aus der Schlachterei. Leider ist die schlechtere Szene im Film enthalten, in der Pauly den halbwegs Coolen mimt, während er in der Alternativszene zu heulen beginnt. Das mag man sich bei Pauly kaum vorstellen können, aber die Szene passte zu seinem Charakter wie die Faust aufs Auge.

Der Finalkampf ist diesmal sehr kurz gehalten (ebenso wie leider auch das Training). Die Kamera geht diesmal nicht zu oft nah an die Figuren ran. Stallone ist halt alt geworden, das musste man halt irgendwie kaschieren, damit der Fight dennoch wirkt. Dass Rocky sich in eine Boxsituation bis zum bitteren Ende festbeißt, hat er in den Vorgängerfilmen oft bewiesen. Mit einer anderen Figur würde die Boxgeschichte von Teil 6 gar keinen Sinn machen. Sie würde nur aufgesetzt wirken: ein alter Boxer kämpft gegen den aktuellen Champ. Mit den Geschehnissen der Vorfilme passt der hier gezeigte Fight allerdings zum Rocky-Charakter, und dass er es im Kampf so weit schafft, ist nur die weitergesponnene Konsequenz der Vorgängerfilme.

Trotz versöhnlichem Wortwechsels zum Ende hin, erscheint der Charakter des Gegners ungewollt düster. Überheblich und unfreundlich war gewollt, in seinen miesesten Szenen hat er aber sogar was von der Unsympathie eines Mr. T aus Teil 3. Das haben wohl auch die Produzenten gemerkt, und so würde es mich nicht wundern, wenn die Figur des anderen Schwarzen, der Sohn der neuen Freundin, nur aus politisch korrekten Gründen eingesetzt wurde. Das ist reine Spekulation, aber Hollywood traue ich in diesem Punkt mittlerweile alles zu.

Der Tod Adrians ist nicht nur ein wichtiges Storyelement am Rande, er tut auch dem Film gut. Vorbei die Zeiten der warnenden und vor allen Dingen lächerlichen Worte der guten Ehefrau. Vorbei die Zeiten des guten Geistes, der Vernunft und des guten Gewissens, quasi ihr Part den sie in der Ehe zu erfüllen hatte. An ihre Stelle tritt zwar die neue platonische Freundin Rockys, aber sie hat nicht die penetrante Art von Adrian. Sie wirkt in Gesprächen mit Rocky nicht so unecht wie das Eheweib. Das liegt mitunter an ihrer Charakterzeichnung, die eher zum Zuhören als zum Ratschläge geben taugt, ist aber prinzipiell eine Wohltat für den Adrian-gepeinigten Rocky-Fan.

So, mehr gibt es von meiner Seite aus nicht zu schreiben. Der Film ist kurzweilig, läuft für viele Charaktere ins Leere, bietet dafür aber auch positive charakterliche Überraschungen und zeigt uns einen gealterten Rocky (wunderbarer Mix aus Maske und wirklich altem Stallone) und hält seinen Schwerpunkt zum Glück wieder auf den Drama-Bereich und nicht aufs Boxen. Das positive Ergebnis verdankt "Rocky VI" seiner kinoklassischen, MTV-generationenfremden Erzählweise, Stallones Stärke Charaktere weiterzuentwickeln und ihnen dabei dennoch treu zu bleiben, und der unausweichlichen Nostalgie, die der komplette Film beim Stammzuschauer versprüht. Es ist als geleite man einen langjährigen Freund ins Alter.


Trailer,   OFDb

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