Mittwoch, 31. Oktober 2012

DR. M (1990 Claude Chabrol)


Eine ominöse Selbstmordwelle bricht über Berlin herein. Polizist Hartmann glaubt nicht an zufälligen Massensuizid und ermittelt. Das zur Zeit sehr angesagte Model Vogler scheint irgendwie mit der Sache im Zusammenhang zu stehen. Zur Zeit wirbt sie für den gut besuchten Ferienclub Theratos...


Berlin in einer Selbstmordwelle...

Auch wenn der Schriftzug auf Cover und im Vorspann auf einen Dr. Mabuse hindeuten, haben wir mit „Dr. M“ keinen vorliegen, zumindest weder einen offiziellen, noch einen den man auch dazuzählen wollte. Im Abspann steht, dass man sich von „Dr. Mabuse – Der Spieler“ habe inspirieren lassen, und viele Elemente im fertigen Film weisen auch darauf hin. Warum dann kein Mabuse? Gab es Probleme mit den Rechten? Eigentlich schade, denn den Versuch einer Neureihe hätte ich sehr begrüßt, und auch heute wäre ich noch dafür, dass sich mal wer an ein solches Projekt heranwagt.

„Dr. M“ war nicht gerade ein finanzieller Erfolg. Sein geringer Bekanntheitsgrad weist bereits darauf hin. Und nach Sichten ist mir auch völlig klar warum: Er ist nicht massenwirksam. Wie erwähnt gibt es einige Elemente, die an die Verwandtschaft zu den Mabuse-Werken hindeuten: Mysteriöse Vorfälle/Todesfälle, hypnotischer Hintergrund und ein anonymer Strippenzieher mit einem Netzwerk an ausübenden Personen. Diese gehen, wie es sich gehört, bis in alle Instanzen hinein, selbst bis zur Polizei.

Sowohl komischer, als auch interessanter, Weise ist der Film sehr steril erzählt. Vergleichbar wäre er da mit „Welt am Draht“, mit dem Unterschied, dass dieser einen Grund hatte so erzählt zu sein. Bei „Dr. M“ will mir dieser Grund einfach nicht klar werden. Wir erleben mehrere Massensuizid-Fälle in Berlin, eine böse, fremde Situation, in die man sich allerdings theoretisch dennoch hineindenken könnte. Doch das Berlin, das wir sichten, bleibt fremd, die Deutschen, die wir im Film begleiten, sind es ebenso. Sie sind nicht greifbar und lassen einen als Zuschauer stets nur Beobachter bleiben.

Elemente, die in alten Kriminalfilmen klassisch und typisch klingen, werden hier auf eine befremdende Art praktiziert, beispielsweise weil Betonungen oder gar Situationen nicht zu dem passen, zu dem gewisse Sätze fallen. Und auch das Verhalten der Bevölkerung ist nicht nachvollziehbar. Warum sollte man bei solchen Vorfällen von der dummen Idee eines Virus ausgehen? Das würde ich maximal den ollen Amis zutrauen, aber nicht einer so aufgeklärten Gesellschaft, wie den Deutschen 1990.

Recht schnell ist klar, wer Mabuse ist und welche öffentliche Organisation hinter allem steckt. Letzteres ist auch so gewollt, so dass sich der Zuschauer in der Lage befindet, wissen zu wollen, warum das alles passiert/gemacht wird. Eine ominöse Herzrhythmus-Maschine des Dr. M wirkt währenddessen ebenso grotesk, rätselhaft und doch nahe liegend, wie so vieles theoretisch Normale, dass in einer Form entfremdet wurde, wie ich sie nur schwer greifen kann.

Die Organisation, wenn sie denn im letzten Drittel näher unter die Lupe genommen wird, passt dann auch zu allem Sterilen, was man zuvor sichten durfte. Denn hinter ihr verbirgt sich eine als Ferienanlage getarnte, Scientology-ähnliche Gehirnwasch-Station, die aus Menschen in einer seelenlosen Umgebung ebenso seelenlos macht, kurzum: alles ist steril.

Die gewählte Erzählweise würde aber nur dann deswegen Sinn machen, wenn Personen sich so fremd verhalten hätten, die unter dem Einfluss eben dieser Firma standen. Es waren jedoch ganz andere Personen, beispielsweise ein TV-Moderator, ein Model und auch die Hauptfigur selbst, der Polizist, besetzt mit einem Schauspieler, der einen an einen jungen Lauterbach aus Zeiten von „Männer“ erinnert. Somit macht der sterile Weg bis zum Schluss wenig Sinn. Aber, und das ist das faszinierende daran: genau diese befremdende Erzählweise macht „Dr. M“ so sehenswert, halt eben nur nicht für die Masse.

Die Geschichte, wenn man denn die Hintergründe kennt, erinnert schlussendlich wesentlich mehr an den Pilotfilm zur 70er Jahre „Spider-Man“-Serie, als an Mabuse selbst. Und da liegt der Hund begraben. Elemente wie Mabuse, aber in einer völlig anderen Wirkung! Ein bisschen TV-Krimi hier, etwas 70er Jahre Science Fiction da und zudem ein Schuss „Spider-Man“, ein komischer Mix. Bestärkt wird die Mabuse-fremde Erzählweise spätestens mit der Auflösung, in der ein besagter Dr. M völlig uninteressante Gründe für seine Taten liefert, und diese in einem Wasserfall von sich gibt, wie es dem Original nie in den Sinn gekommen wäre.  

Zu dem ganzen Geschwafel ordnet sich zudem dümmliche Möchtegern-Philosophie mit ein, die dem Intellekt eines Mabuses nicht gerecht wird und eher in eine der „Matrix“-Fortsetzungen passen würden, als in den Mund eines Mannes, der durch seine Intelligenz zum Verbrecher wurde. Und wo verdammt noch mal ist der Weltherrschafts-Gedanke hin? Kam das den Menschen 1990 zu phantastisch vor? Die würden sich heute wundern, wenn sie wüssten, dass Unternehmen sich bereits Trinkwasserquellen sichern lassen. Große Firmen teilen die Welt still unter sich auf. Das wäre vielleicht der ideale Ansatzpunkt für eine moderne Mabuse-Verfilmung.

Und zu guter letzt: Der Wasserfall an Erklärungen lässt viel zu viele Fragen offen. Gerade gewisse Ferienanlagen-Hintergründe wären noch nett zu wissen gewesen. Insbesondere, da die Gehirnwäsche nicht von Maschinen praktiziert wird, sondern hauptsächlich von einem als Esoterik-Guru getarnten Mann. Wie viel weiß er? Warum macht er mit? Seine Figur ist völlig untypisch für eine echte Verfilmung des großen M.

Was meckert Schlombie denn da herum? Es ist doch kein Mabuse-Film! Jain! Wie gesagt: Eigentlich ist er als solcher gewollt, aber eben nicht als solcher benannt. Nur der Abspann weist direkt darauf hin. Nach all den „Negativ“punkten stellt sich erst recht die Frage: Ist es kein Mabuse, weil jene, welche die Rechte daran hatten, diese nicht hergeben wollten? Wollten sie es zunächst, und haben sich nach Sichtung des fertigen Filmes zurückgezogen? Ich weiß es nicht, denkbar wäre so vieles.

Aber Mabuse hin oder her, als Mystery-Krimi an sich eignet sich „Dr. M“ sehr wohl. Durch seine befremdliche Erzählweise ist allerdings eher dem experimentierfreudigen Cineasten dazu geraten, weniger dem massenkompatiblen Filmfreund.


OFDb

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