Montag, 19. November 2012

GUTEN MORGEN, HERR GROTHE (2007 Lars Kraume)


Herr Grothe ist Lehrer aus Leidenschaft. Durch sein berufliches Engagement leidet sein Privatleben, doch auch das lässt ihn nicht vom Weg abringen. Seine meisten Bemühungen steckt er in sein Sorgenkind Nico, für den er so viel Zeit aufwendet, dass der Rest der Klasse zu kurz kommt. Durch seinen unermüdlichen Versuch Nico zu fördern, stürzt er sich selbst in Schwierigkeiten...


Erst der Nico und dann der Rest...

Ohne Moralpredigt und relativ steril darf man hier einen engagierten Hauptschullehrer im beruflichen und privaten Alltag begleiten. Man erlebt seine Bemühungen, speziell bei einem Sorgenschüler, seine Erfolge und sein Scheitern. Die Kamera ist Beobachter, und die Aussagen soll der Zuschauer sich selbst herausziehen. Das ist ohnehin die Besonderheit an deutschen Dramen, ebenso wie das Vermeiden in irgendwelchen Bereichen zu dick aufzutragen, oder in ein Klischee zu rutschen.

Es ist still und professionell herausgearbeitet, welche Grenzen ein Lehrer schulisch und menschlich erlebt. Außerdem lässt "Guten Morgen, Herr Grothe" anklingen, wie ein Lehrer kleine Erfolge seines Tuns gar nicht richtig mitbekommt, oder welche Fehlentscheidungen entstehen können, wenn man bedingte Informationen nur theoretisch erfährt, ohne diese z.B. zeitlich richtig einstufen zu können (der Grund für Nicos Ausschluss von der Klassenfahrt). Die Szene, in welcher Nico lächelt, weil er denkt er wäre der von Grothe erwähnte Hoffnungsschimmer bei der Austeilung einer Klassenarbeit, zeigt zum einen sehr deutlich, wie Herr Grothe etwas in Nico geweckt hat, quasi ein Ergebnis, das er selber gar nicht mitbekommen hat und wie die falsche Wortwahl in Verbindung mit vorherigen Ereignissen dies alles wieder zunichte machen kann.

Der etwas arg trockene Mittelteil und das Gitarrengeklimper, wie es für solche Filme leider viel zu gerne als Hintergrundmusik in Deutschland verwendet wird, lassen das Bild dieses gelungenen Filmes leicht bröckeln. Ein starkes Drehbuch und hervorragende Schauspieler (jung wie alt) sorgen dafür, dass es dem Film nicht zu sehr schadet. Die besondere Filmempfehlung bleibt dadurch allerdings aus.

Poetische Momente finden in dem an sich nüchternen Film ihren Platz, so ist z.B. jene Szene gelungen, in welcher eine stille Schülerin auf einer Klassenfahrt einen Brief an sich selbst vorträgt. Der Schluss, von dessen Idee man meinen müsste, sie sei zu übertrieben und klischeelastig, wird durch die Art der Umsetzung und die Vorarbeit, die der gesamte Film leistet, authentisch. Somit kann man auch der Regie seinen Glückwunsch zum positiven Ergebnis aussprechen.

Zu empfehlen ist "Guten Morgen, Herr Grothe" auf jedem Fall, man sollte allerdings deutsche Drama-Kost gewohnt sein. Wer sich bisher mit amerikanischen Dramen versorgt hat, wird wahrscheinlich keine Aussage erkennen, hilflos auf eine Orientierung warten oder extremst gelangweilt sein. Dieser Film ist staubtrocken, und so muss er auch sein, um richtig zu wirken. Nur so kann man das Gefühlsleben Herrn Grothes auch wirklich als Zuschauer nachvollziehen. An Anspruch und Niveau mangelt es nicht. Aber auch abseits des Popkornkinos muss ein Unterhaltungswert vorhanden sein, und der leidet im Mittelteil etwas zu stark für die oberste Liga. 


Trailer,   OFDb

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