Donnerstag, 20. Dezember 2012

BEN (1972 Phil Karlson)


Ratten machen die Stadt unsicher unter ihrem Anführer Ben, einer etwas intelligenteren Ratte. Während die Polizei nach mehreren Todesfällen alles unternimmt um der Lage Herr zu werden, freundet sich der kleine Danny mit Ben an...


Herzkranker hat ein Herz für Ratten...

Die Fortsetzung von „Willard“ kommt nicht ganz so psychologisch clever daher wie sein Vorgänger, ist aber auch noch wesentlich raffinierter erzählt als die Flut von Ratten-Horrors, die dem Filmfan seit Jahrzehnten zugeschmissen werden. Allerdings geht er auch einen Schritt näher Richtung üblicher Rattenhorror, was der Titel bereits zeigt. „Willard“ war noch nach dem Mann benannt, der wahnsinnig wurde. Die Ratten waren seine Waffen, er stand im Mittelpunkt. Nun hat Ben das Kommando seiner Artgenossen übernommen, womit nun die Ratte den Filmtitel prägt.

Willards Gegenstück bildet Danny, ein herzkranker Junge, mit der Naivität eines solchen. Der freundet sich mit der Ratte an, hat er doch durch seine Krankheit isoliert keine anderen Freunde. Der Vater ist tot, die Mutter arbeitet, und die große Schwester ist viel zu alt für eine Freundschaft in der Art wie sie sich ein kleiner Junge wünscht. Willard war geistig krank, Danny ist es körperlich.

Während eine seltsame Freundschaft zwischen Ratte und Menschenkind entsteht, unternimmt die Stadt alles um der Rattenplage Herr zu werden. Immer wieder tauchen die Viecher auf und verschwinden nach begangener Tat. Wohin ist unklar! Dass die Ratten lediglich Nahrung organisieren und ihr Revier verteidigen ist den Erwachsenen egal, wissendlich dass Ratten Krankheiten verbreiten, Menschen an ihnen sterben und Lebensmittel weggefuttert werden. Danny ist das alles egal. Seine Liebe zu Ben und seinen Artgenossen geht über das eigene Wohlbefinden hinaus, vielleicht auch weil er sich ohnehin schon mit einem möglichen baldigen Tod abgefunden hat.

Betrachtet man den enormen Vorteil der Menschen gegenüber den Ratten, kann man den Storyverantwortlichen wohl attestieren, dass die Herzkrankheit des Jungen eingebaut wurde, um sinnbildlich Gesellschaftskritik zu äußern. Hierbei muss man sich die Jagd nach den Ratten ähnlich eines Szenarios wie „Krieg der Welten“ vorstellen, nur eben umgekehrt. Während wir mitfiebern, wenn Menschen vor dem Überfeind flüchten, nehmen wir in Situationen wie „Ben“ die Position des Jägers ein. Wegen unserer Gründe haben wir kaum bis kein Mitleid mit den Nagern, und fallen mit unserem Feuerstrahl (den Feuerwerfern) ebenso über sie her, wie der Marsianer aus H.G. Wells berühmten Roman über uns.

Bleibt also die Frage wofür das Sinnbild genau steht. Ist der Mensch so gefühlsarm, dass erst ein krankes Herz für Mitgefühl einem aus unserer Sicht minderwertigen Lebens sorgt? Oder ist die körperliche Krankheit ein Weg in die geistige? Ist der noch normal wirkende Danny auf dem Weg ein Willard zu werden? Täuscht seine kindliche Naivität oder steht sie doch nur für konkurrenzlose Liebe ohne Grenzen?

Die Antwort müsste eigentlich bei ersterer Vermutung liegen, denn Regisseur Karlson stellt die Ratten nie als sinnlosen Terror dar, sondern immer als auf Situationen reagierende Tiere. Ben als Individuum erfährt durch Danny erstmals die Liebe, die ihm von Willard stets verweigert wurde. Und die Ratten als Gemeinschaft handeln wie oben erwähnt aus Gründen des Überlebens und der Verteidigung.

Interessant ist eine Szene kurz vor Schluss, in der selbst die Erwachsenen darüber senileren, wie unfair der Kampf gegen das Getier ist, und wie unheimlich der Gedanke wäre, es bei dieser Anzahl mit Viechern zu tun zu haben, die einen Meter groß wären. Wie würde die Schlacht dann aussehen? Doch das Denken der Erwachsenen bleibt ein Denken, etwas Theoretisches, kein Fühlen. Auch in dieser Phase erreichen sie nicht die Empathie eines Danny.

„Ben - Aufstand der Ratten“ (Alternativtitel) schließt direkt an „Willard“ an, beginnt mit einem Pulk Menschen vor dem Haus der Geschehnisse aus Teil 1, und präsentiert uns nach sehr kurzer Bekanntschaft von Danny und seiner Sippschaft die wichtigsten erwachsenen Figuren. Ein Kommissar, sein Gehilfe und ein Reporter, alle drei schön individuell verkörpert in einer Eigenständigkeit, die Drehbuchautoren heutiger Charakterklonzeiten nicht mehr erfinden können, bilden das erwachsene Trio. Leider bleiben ihre Auftritte sehr begrenzt und ihre Wichtigkeit für die Geschichte ist ebenfalls nur zweitrangiger Natur. Deswegen können die interessanten Ansätze ihrer sympathischen Charaktere sich nicht so gut entfalten wie vergleichbare Filmfiguren, z.B. aus „Tunnel der lebenden Leichen“ und „American Monster“.

Im Mittelpunkt steht nun einmal der kleine Danny, und der spielt recht überzeugend. Da mag es den ein oder anderen geben, der sich an Dannys gelegentlichem Gesang aufhängt, hierbei sollte man jedoch bedenken, dass sein Singen jeweils situationsbedingt passt und zudem kindlich echt wirkt. Mehr noch: seine Leidenschaft für Musik sorgt für einen anderen interessanten psychologischen Kniff. Danny komponiert Ben auf seiner Mundharmonika ein fröhliches Lied, eines das man heutzutage gut kennt. Es ist eine Ballade des damals noch sehr jungen Michael Jackson. Das persönliche Lied für die Ratte wird im finalen Trauerfall ein sehr trauriges, welches wir dann nach langem Warten von Michael im Original vorgetragen bekommen.

„Ben“ ist toll erzählt, leider jedoch nie wirklich spannend. Nicht einmal das Finale bietet ein mitfieberndes Szenario. Aber er bleibt dennoch interessant, sofern man sich am Tempo, am Einfallsreichtum und an der Psychologie des Filmes erfreuen kann. Eine kleine Schlusspointe bildet das Sahnehäubchen oben auf, so dass „Ben“, wenn auch schwächer als „Willard“, durchaus zu gefallen weiß.


Trailer (zusammen mit Willard),   OFDb

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