Sonntag, 20. Januar 2013

STRINGS (2004 Anders Ronnow Klarlund)


König Kahro nimmt sich das Leben. Sein Bruder Nezo lässt den Suizid jedoch wie einen Mord aussehen, begangen vom Führer eines verfeindeten Volkes. Damit beschwört er einen Krieg herauf. Hal, der Sohn des Königs, zieht hinaus den Tod seines Vaters zu rächen und muss entdecken, dass weit mehr als der Hintergrund des Königs-Todes eine Lüge war...


Ewig an der Strippe hängen...

Schaut man sich den Bereich des Animationsfilmes in seiner weitreichenden Deutung an, so sticht neben dem Zeichentrick und der Computeranimation heutzutage fast nur noch die Knetanimation hervor, ein faszinierender Bereich, der solch gelungene Filme wie „Der Sinn des Lebens für 9,99 $“ und „Mary und Max“ hervorbrachte. Was den Puppentrick betrifft, so gibt es neben diverser Muppets-Filme fast nichts mehr zu entdecken, und der Sub-Bereich des Marionettenfilms ist außerhalb der Augsburger Puppenkiste ein fast unangetasteter Bereich. Mit „Strings“ wagt man sich aber nicht nur an dieses vernachlässigte Genre, man wollte zudem eine reife Geschichte präsentieren. „Strings“ sollte keineswegs ein Kinderfilm werden, aber zumindest schloss man Jugendliche mit ins Zielpublikum ein.

Das macht das fertige Werk für den erwachsenen Zuschauer aber keineswegs zu kindlich, denn die Geschichte ist eng an der Basis klassischer Erzählungen und Sagen orientiert. Der Tod eines Königs, Hochverrat, Krieg, Liebe und Intrigen. Bös betrachtet gibt es da zunächst nichts was man zuvor nicht schon einmal erzählt bekommen hat. Aber die altbekannte Geschichte um die eben aufgezählten Faktoren ist abenteuerlich und gefühlvoll umgesetzt, teilweise ein wenig kitschig zu schauen, aber das dürfte gerade dem Publikum, dem es eigentlich zu japanischen Zeichentrickfilmen zieht, gerade recht kommen. „Strings“ guckt sich trotz der bewährten Rezeptur nie uninteressant und hat einen schnell in den Bann seiner schlichten Geschichte gezogen.

Allerdings hat Regisseur Anders Ronnow Klarlund, der keineswegs nur im Animations-Genre unterwegs ist, einen Kniff parat, der aus dem Film mehr macht als eine klassische Geschichte, die man in der Ausnahme mal mit Marionetten verfilmt hat. So wie erzählt könnte die Story nicht als Kostüm-Film mit echten Darstellern gedreht werden, denn die Fäden der Puppen kleiden nicht umsonst den Titel des Films, sie sind einer der entscheidenden roten Fäden (herrliches Wortspiel) des fertigen Streifens und setzen viele Regeln in einer Art Paralleluniversum fest, das von Marionetten bevölkert wird.

Wer sich zunächst also gewundert hat, warum die Fäden an denen die Puppen hängen nicht wenigstens ein bisschen retuschiert wurden, der wird sehr bald feststellen, dass die Schnüre mit zur Handlung gehören. Da darf augenzwinkernd auch mal innerhalb des Filmes das Sprichwort um den seidenen Faden fallen und sich manche Unlogik einschleichen wie Marionetten, die sich unter Wasser verstecken und trotz der Fäden in der Luft von ihren Feinden nicht entdeckt werden, aber das Rezept geht auf, entsteht um die Marionettenfäden doch eine eigene Mystik, die aus vielen verschiedenen Blickwinkeln weitergesponnen wird.

Wir erfahren wie Marionetten sterben, erleben aber auch das Gegenteil, die Geburt. Wo die Fäden enden erfahren wir nicht, auch über eine Gottheit, die das Schicksal der Figuren lenkt, wird nicht gesprochen. Vielleicht ganz gut so, dann kann der Zuschauer sich ein bisschen mit diesen offenen Fragen beschäftigen. Aber dass Schicksale oben nicht mehr sichtbar im Himmel miteinander verwoben sind, wird sehr wohl thematisiert. Schön sind auch die kleinen Gimmicks zu betrachten, wie beispielsweise ein Kinderspiel, in welchem sich zwei Kinder verheddern und die Mutter sie wieder entknoten muss. Schön auch die Idee, dass Figuren sich an ihren eigenen Fäden hochziehen oder gar die Verbundenheit mit anderen Personen dafür ausnutzen können, den uns bekannten physikalischen Gesetzen, denen wir als Menschen unterlegen sind, zu trotzen.

Da ging man insgesamt also recht einfallsreich zur Sache, was das Bekannte der Geschichte auszugleichen weiß. Schön wäre es dennoch gewesen diese Idee in einer innovativen Geschichte zu erleben, aber was will man da meckern, wenn das Ergebnis sich so angenehm guckt wie hier.

Die Puppen selbst sind schlichte Marionetten. Ihre Augen können auf und zu gehen, der Mund macht selbiges nicht. „Strings“ soll ein Marionettenfilm sein und entfremdet dafür nicht all zu sehr das was wir auch darunter verstehen. Die Figuren sind recht liebevoll geschnitzt, aber nun einmal steif wie eine Marionette sein muss. Das mag manchem Schwierigkeiten bei der Konzentration des Zuschauens bescheren, zumal sich manche Stimmen ähneln und sich bei Gruppenaufnahmen wie eben erwähnt nie Münder bewegen. Namen und Gesichter merken ist also wichtiger denn je, und aus anfänglicher Konzentration aufgrund des fremd wirkenden Materials wird ziemlich schnell ein unterhaltsamer Film, dem man die Länge eines Spielfilms kaum mehr anmerkt.

Wer klassisches Marionetten-Theater in einer klassischen Geschichte mit einer modernen Grundidee sichten will, ist bei „Strings“ auf jeden Fall an der richtigen Adresse. Selbst der Himmel darf in jeder traurigen Szene weinen, so nah baut man am bewährten Rezept einer emotionalen wie abenteuerlichen Geschichte für die ganze Familie (ab 12 Jahren) auf. Die Kulissen sind schlicht aber überzeugend, die Musik passend klassisch gewählt, Schnitt und Inszenierung förderlich für den Sehwert. Dass Szenen wie die Schlachten im Krieg im Marionetten-Stil nie ganz so imposant umgesetzt werden können wie mit manch anderer Animationsmethode, dürfte aber klar sein. Klarlund arbeitet lediglich innerhalb der Grenzen des von ihm gewählten Stilmittels. Fremd getrickst wird hier nur für die seltenen Aufnahmen aus der Ferne.

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