Montag, 24. Juni 2013

HIGH LANE (Vertige 2009 Abel Ferry)


Eine Gruppe junger Leute trifft sich in der freien Natur um an Felsen herumzuklettern. Dummerweise sind sie in einem Gebiet unterwegs, das offiziell diesbezüglich gesperrt ist. Und nach einigen unangenehmen Erfahrungen, die erklären warum dem so ist, geraten sie an einem verwundbaren Punkt auch noch an einen geisteskranken Wilderer, der Jagd auf sie macht...


Falscher Weg hoch oben...

Hut ab, kann ich nur sagen! Da hat Regisseur Abel Ferry etwas ganz besonderes abgeliefert, auch wenn die Geschichte dieses Horror-Thrillers alles andere als individuell klingen mag. Die ausführlich erzählte erste Hälfte erinnert ein wenig an „The Descent“, nur dass wir es mit Wandkletterern anstatt mit Höhlenforschern zu tun haben. Statt der klaustrophobischen Stimmung des Eingeschlossenseins haben wir hier als natürlichen Feind und ständige Bedrohung die unglaubliche Höhe als Gefahrensituation, die nicht minder wirksam ist.

Dank schwindelerregender Kameraführung, gut gewählten Drehorten und Charakteren die trotz ihrer Berührungspunkte zu Stereotypen zusätzlich in ihrer Kombination für den nötigen Nervenkitzel sorgen, darf einem beim Zusehen der Kletteraktionen bereits anders werden noch bevor etwas passiert. Und noch lange bevor der eigentliche Feind auftritt, ist man mittendrin in einem Geschehen böser Ereignisse, die einen garantiert nicht kalt lassen, so gekonnt wie sie präsentiert und zelebriert werden.

Dabei widersteht Regisseur Abel Ferry sowohl hier als auch in der etwas monströsen zweiten Hälfte der Versuchung sich an dem zur Zeit recht berühmten und angesagten harten Horror seines Entstehungslandes zu klammern, der seinerzeit mit „High Tension“ ausgelöst wurde und seitdem am positiven Bild französischer Produktionen knabbert. „High Lane“ hat dies nicht nötig, verzichtet zwar nicht auf harte Momente, verschwendet die aber nie zum Selbstzweck oder rückt sie anderweitig in den Vordergrund. Der Nervenkitzel ist Ferry wichtig und nicht der rote Lebenssaft.

Ich kann mir vorstellen dass es für jemanden wie Ferry relativ einfach gewesen sein muss sich die Regie für einen Langfilm zu angeln. Wer für seine ersten beiden Kurzfilme, in Ferrys Falle „Putain, la vieille faut pas l'énerver!“ und „The Good, The Bad And The Zombies“, Dominique Pinon an Land ziehen kann, ein talentierter Schauspieler der zur Standard-Truppe von Künstler Jean-Pierre Jeunet gehört, der kann nicht frei von Talent sein. Im Gegensatz zu besagten Werken ist „High Lane“ nicht humoristisch erzählt, wahrscheinlich ist Pinon auch deshalb ausgerechnet nicht im Langfilm-Debut dabei. Sehr schade!

Aber auch nicht weiter wild, denn das Jungvolk vor der Kamera schlägt sich nicht schlecht, ist alles andere als der gesichtslose, austauschbare Cast eines Teenie-Horrors, und das steht dem spannungsgeladenen Film auch recht gut. Wenn hier Figuren nerven, dann tun sie es zurecht. Und das klassische gut/böse-Schema aus Übersee ist in einem europäischen Werk ohnehin verschwommener, teilweise sogar komplett aufgehoben. Auch der Sinn der Ereignisse wird nie außer Acht gelassen, und das ist der besondere Vorteil für die zweite Filmhälfte, in welcher „Vertige“ (Originaltitel) nun schnell in gewöhnliche Gefilde hätte abrutschen können.

Denn einen in der Wildnis aufgewachsenen Irren hatten wir im klassischen Horrorkino bereits in den Fortsetzungen von „Freitag der 13.“, „Ausflug in das Grauen“ und Co, sowie im modernen Terrorkino schon des öfteren seit „Wrong Turn“. Wenn „High Lane“ zum Backwood-Horror wird, dann wird er es ziemlich realitätsorientiert, denn die Art wie unser Freak hier blutig wütet ist ursprünglichste Gewalt, geboren aus der eiskalten Überlebensmentalität der Natur, die der zivilisierte Mensch nicht mehr kennt. Der Feind ist mehr Tier als Mensch und dies von der aggressiven Sorte, und das macht ihn zu einem solch unerbittlichen Feind.

Dementsprechend anders als in (meist amerikanischen) Konkurrenzprodukten ist die Auseinandersetzung mit dieser Bedrohung ausgefallen. Kommt es zum Kampf gegen die Bestie, sehen wir Überlebens-Fights die es in sich haben. Kein harmloses Gekabbel, keine filmtypische Rauferei, sondern ein wilder Kampf auf Leben und Tod, deren Bedrohung für den Zuschauer jederzeit spürbar ist. Und in diesen wilden, rohen Sequenzen, schafft die viel zu hektische Kameraführung etwas, das den meisten anderen Werken schadet: die Wackelkamera mit ihrem ewigen Gezuckel nervt nicht, sie passt zum psychologischen Aspekt solcher Szenen. Ruhige Bilder klassischem Kinos wären mir trotzdem lieber gewesen, aber „High Lane“ ist durch und durch ein moderner Film, also soll er sich auch ruhig so geben, so gekonnt wie er erzählt ist. Ein Desaster a la „Schlachtnacht“ ist mit der Wackeloptik zumindest nicht entstanden.

Also, wer „Wrong Turn“ und Co gerne mal in einer realitätsorientierten und nicht minder übertriebenen Variante erleben möchte, dem sei zu „High Lane“ geraten, der in beiden Filmhälften mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten gut zu unterhalten und gekonnt die Nerven zu kitzeln weiß, ohne dass das fertige Produkt dadurch unzusammenhängend wirken mag. Der Übergang kommt gut, überzeugt allein dadurch dass nicht ein Ereignis das andere ablöst, sondern in einem recht fiesen flüssigen Übergang aufeinandertreffende unangenehme Erfahrungen vermischt werden, so dass man trotz mancher Nervmomente tatsächlich Mitleid mit den Figuren hat und dementsprechend mit ihnen mitfiebern kann.

Da das Werk nun mittlerweile vier Jahre alt ist, frage ich mich wo denn so langsam der nächste Film von Ferry bleibt. Denn wenn er dieses Niveau beibehalten kann, bin ich sehr gespannt auf weitere Projekte. Horror-Regisseure wie ihn braucht Frankreich, denn von dem Provokationsschrott der letzten zwei Jahrzehnte wie „Frontier(s)" habe ich persönlich die Nase voll. Nicht dass ich sie nicht auch weiterhin dort hineinstecken würde, ich bin schließlich unbelehrbar und immer noch neugierig, aber zur Abwechslung mal wieder etwas Gelungenes aus diesem an sich positiven filmschaffenden Land zu sichten, tat einfach mal wieder gut.

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