Donnerstag, 13. Juni 2013

PICKNICK AM VALENTINSTAG (Picnic At Hanging Rock 1975 Peter Weir)


Der Klassenausflug eines Mädcheninternats im Jahr 1900 zu den Hanging Rocks endet im Drama, als drei Schülerinnen und eine Lehrerin nicht mehr aufgefunden werden. Verzweifelt versuchen mehrere Leute herauszufinden was hier geschah...


Flucht oder Verbrechen?...

„Picknick am Valentinstag“ handelt von einem Mysterium, und das macht ihn aufgrund seiner provozierenden Art keine Antworten zu liefern selbst zu einem solchen, weiß doch kaum wer welches Genre auf den Streifen zutrifft. Nur eines ist nicht von der Hand zu weisen: der Drama-Bereich. Für den konservativen Filmzuschauer ist es sicherlich ebenso mysteriös wie ein Regisseur, der zuvor einen Trash-Streifen namens „Die Killerautos von Paris“ drehte, nur ein Jahr später ein Meisterwerk abliefern konnte, das Generationen von Filmfreunden nachhaltig beschäftigen sollte und heute noch ebenso wie einst zu wirken weiß.

Menschen gehen verschollen, die Anwesenden stehen vor einem Rätsel, es gibt jede Menge Andeutungen und ein offenes Ende. Zu einem Schluss kann man nicht wirklich kommen, da immer etwas nicht zusammen passt, wenn man eine der möglichen Hintergrundideen verfolgt. Darin liegt der Reiz, der Reiz einer Frage die nicht beantwortet werden kann. Möglichkeiten gibt es zuhauf. Ein Gewaltverbrechen ist ebenso möglich, wie die Flucht vor der Gefangenschaft gesellschaftlicher Spielregeln. Auch den Bereich des Übernatürlichen hält sich Weir offen, wird doch von einer rötlichen Wolke berichtet und bleiben doch zwei Uhren haargenau zur selben Uhrzeit stehen. Auch der Schlaf den jeder Ausflügler befällt könnte als etwas Übernatürliches gedeutet werden.

Im Gegensatz zu Finchers „Zodiac“, der mit einem ebenso ungelösten Rätsel trumpft, lässt uns Weir nie zu nah an die Charaktere heran, so dass ein aktives Mitfiebern nicht wie dort gegeben ist, zumal Fincher, obwohl er ein Kriminal-Drama erzählt, hin und wieder den Bereich des Thrillers aufgreift, damit der Zuschauer interessiert dran bleibt. Warum interessiert dann ein solches Werk wie „Picnic At Hanging Rocks“ (Alternativtitel)? Schließlich befasst er sich nur in der mittleren Phase mit dem Ergründen der Hintergründe.

Zuvor darf man dem Ausflug beiwohnen und dem Alltag der Daheimgebliebenen. So ist man mittendrin im Geschehen, bekommt jegliche nützliche und unnützliche Information aus erster Quelle, und ausgeblendet wird erst dann, wenn der Augenblick des Rätselhaften gekommen ist. Im letzten Drittel erfahren wir was aus den Menschen geworden ist, die indirekt mit dem Mysterium zu tun hatten und welchen Einfluss die Geschehnisse auf ihr weiteres Leben ausübten.

Was macht also einen Film so sehenswert, der sich jedweder alltäglichen Erzählform widersetzt, uns absichtlich Hintergrundinformationen und Auflösung vorenthält und niemals in reißerische Bereiche abrutscht? Eben genau das. Der Mensch steht im Vordergrund, das Miteinander, die Marotten, die Schicksale, immer so angedeutet, dass man sie mit genügend Abstand betrachten kann. Echte Identifikationsfiguren gibt es überhaupt nicht. Und so macht der Film einen am Rande angebrachten Vergleich von Menschen und Ameisen zu dem eigentlichen Blick auf seine Geschichte. Und das ist für Freunde sensibler Stoffe ausgesprochen interessant.

Vielleicht würde diese gewagte Herangehensweise sogar in Langeweile ausarten, wenn der Film nicht gleichzeitig so schön fotografiert wäre, die viktorianische Zeit nicht so glaubwürdig zum Leben erweckt würde (in Ton und Bild) und Gheorghe Zamfirs Panflötenmelodie nicht sanft die unbeschreibliche Atmosphäre dieses Streifens wüsste zu unterstützen. So entsteht letztendlich ein Werk, welches nur im Medium Film fruchten kann und wieder einmal deutlich macht zu wie viel mehr das Medium fähig ist, wenn man engagierte Filmmacher einfach mal machen lässt und wenn die Kommunikation zwischen Film und Zuschauer in beide Richtungen zu funktionieren weiß, im Gegensatz zu den Einbahnstraßen, die das heutige Kinoprogramm dominieren.

Wer etwas Handfestes braucht, es benötigt dass man ihm alles vorkaut und keinen Raum für eigene Überlegungen zulässt, der wird mit „Picknick am Valentinstag“ nicht viel anfangen können. Und das werden so einige sein, wenn man nur einmal sieht wie viele schon an den mangelnden Hintergründen und der längeren Vorgeschichte eines poppigen „Cloverfield“ verzweifelt sind. Cineasten hingegen wissen was sie an Weirs Film haben, gehört er doch zu jenen Werken, die man gerne öfter als ein mal sichtet. Man könnte ja wieder etwas neues entdecken, das noch mehr Fragen aufwirft. Denn letztendlich ist dies genau der Clou der Geschichte: jede neue Information wirft noch mehr Fragen auf anstatt zu einer Antwort zu führen. Dafür liebt oder hasst man diesen Film, ganz abhängig davon wie kultiviert man ist.


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