Sonntag, 29. September 2013

THE BAY - NACH ANGST KOMMT PANIK (The Bay 2012 Barry Levinson)


In dem Küstenstädtchen Claridge erkrankten vor drei Jahren Menschen. Sie alle starben, befallen von einem Parasiten aus dem Wasser. Amateur-Reporterin Donna Thompson erlebte seinerzeit dieses Schreckensszenario mit und veröffentlicht drei Jahre später gegen den Willen der Regierung, welche die Geschehnisse vertuscht hat, eine Dokumentation mittels diversem Filmmaterial über das was damals geschah...


Danke, liebe Industrie...

„The Bay“, den man keinesfalls mit dem gleichnamigen Soap-Schmuse-Hai-Horror aus dem Jahr 2005 verwechseln sollte, springt auf der angesagten Found Footage-Welle auf, jene Filme, die den Eindruck machen als seien sie durch Amateur- oder Doku-Aufnahmen entstanden. Während im allgemeinen solche Werke eher von Neulingen im Filmgeschäft umgesetzt werden, nahm im hier besprochenen Film Barry Levinson auf dem Regie-Stuhl platz, jener Mann der uns Werke wie „Rain Man“, „Good Morning, Vietnam“, „Wag The Dog“ und „Sleepers“ bescherte. Unterstützt wurde er von Produzent Oren Peli, der mit seiner Found Footage-Regiearbeit „Paranormal Activity“ einen großen Erfolg landete und uns in seiner Funktion als Produzent zudem deren Fortsetzungen und den wundervollen „Chernobyl Diaries“ bescherte.

Stilistisch gesehen geht „The Bay“ etwas andere Wege als die üblichen Werke dieser Art, ist der Film doch eher eine fiktive Collage diverser Videoaufnahmen, anstatt das visuelle Ergebnis einer festen Gruppe von Menschen, die ihre Erlebnisse aufgezeichnet haben. Am Ende entsteht dadurch ein Fake-Dokumentarfilm, am ehesten noch vergleichbar mit dem ersten Found Footage-Film „Die Delegation“ aus dem Jahr 1970. Allerdings wurden auch hier nur Aufnahmen eines festen Journalisten-Teams verwendet. Donna Thompson, die Amateur-Reporterin aus „The Bay“, hingegen verwendet jegliche Aufnahmen, die sie ergattern konnte.

Da gibt es Aufzeichnungen von Kameras an öffentlichen Plätzen, Handy- und Skype-Übertragungen, Videoaufnahmen einer Polizeiauto-Kamera, selbstgedrehtes Material, Videochat-Aufzeichnungen, usw. So wie „Paranormal Activity 4“ im geringeren Maße mit verschiedenen Möglichkeiten der Aufnahmequellen arbeitete, ist „The Bay“ wohl auf dem abwechslungsreichsten und modernsten Stand dessen, was neben einer Videokamera noch alles für Amateuraufnahmen Verwendung finden kann.

Prinzipiell ist „The Bay“ so aufgebaut wie eine typische amerikanische Doku. Deswegen ist er auch der erste Found Footage-Film, bei dem mich eingespielte Musik nicht genervt hat. Mehr sogar: zum ersten Mal ging damit nicht die authentische Wirkung des Bildmaterials flöten, verwenden reißerische Dokumentarfilme, die mehr auf Schauwerte als auf Informationen setzen (und genau das soll das „The Bay“-Material (hoffentlich) augenzwinkernd sein), doch auch gerne Hintergrundmusik, um den ungebildeten Zuschauer emotional einzulullen.

Dumm nur, dass der Hintergrund der angeblich vorgefallenen Geschehnisse und das was danach geschah dem eigentlichen Werk seine innereigene Logik nehmen. Der Staat selbst hat verhindert dass Informationen an die Öffentlichkeit geraten. Es ist viel Geld geflossen um Menschen zum schweigen zu bringen. Videomaterial wurde konfisziert. Woher hat Thompson also die ganzen Aufnahmen? Für die Geschichte selbst wäre es also glaubwürdiger gewesen klassisch auf die Amateuraufnahmen eines festen Kamerateams zurückzugreifen, anstatt eine Video-Collage zusammen zu zimmern, die aus reichlich unterschiedlichen Quellen stammt, an die man als kleiner Bürger nicht (mehr) herankommt. Das gibt einen kleinen Punkteabzug im Gesamtergebnis.

Außerdem wäre „The Bay“ näher am Stil eines echten Dokumentarfilms gewesen, wenn man sich nicht einzig auf Videoaufnahmen verlassen hätte, sondern stattdessen Dokumentarfilm-typisch Standbilder, Fotos und nachgespielte Szenen eingesetzt hätte, um die Geschehnisse zu dokumentieren. Einzig auf Videoaufnahmen zurückzugreifen, und mögen sie aus noch so unterschiedlichen Quellen stammen, wirkt ein wenig zu gewollt und als Dokumentarfilm noch primitiver, als die Ergebnisse echter reißerischer Veröffentlichungen ohnehin schon sind, auf die sich Levinson im gewählten Stil beruft.

Davon einmal abgesehen kommt „The Bay“ allerdings erschreckend realistisch daher. Er zeigt auf, was wir in den Nachrichten sonst nur im Ergebnis präsentiert bekommen. Er zeigt Ursprung, Übergang, das Hoch des Ausbruchs sowie Momente aus der Zeit vor und nach den Geschehnissen. Am erschreckendsten ist der Film jedoch nie dann, wenn er die grauenvollen Bilder dessen zeigt, was den Menschen passiert, sondern viel mehr wenn er mangelnde Kommunikation und Hilflosigkeit von Stellen zeigt, die eigentlich dafür da sind den Menschen zu helfen. Die kühle Gefühllosigkeit des Seuchenschutzes, der für diesen Beruf nun einmal sein muss, ist fast schon selbstverständlich, wirkt aber dennoch emotional auf den Zuschauer, der ohne eingreifen zu können mit anschauen muss, wie es wirklich in den verantwortlichen Etagen während eines solchen Ereignisses aussehen könnte.

Da wird über Ursachen diskutiert. Informationen werden zu spät weitergegeben. Da kann einem schon anders werden, wenn man sonst so blauäugig und idealistisch glaubt, die guten Leute wären auf alles vorbereitet und sofort zur Hilfe fähig, wie es einem die Endergebnisse in den Nachrichtensendungen gerne einmal suggerieren. In solchen Punkten ist „The Bay“ ein gelungener, gesellschaftskritischer Film geworden, der zudem auch in manch psychologischem Punkt zu überzeugen weiß, beispielsweise in der Charakterzeichnung von Donna Thompson, deren Erfahrungen in Claridge keinesfalls dazu geführt haben ihr journalistische Professionalität zu bescheren. „The Bay“ als Doku betrachtet wirkt teilweise billig dahingerotzt, und das ist gewollt mit Blick auf die Person, die für die Collage verantwortlich ist.

So positiv sich das alles liest, insgesamt ist mir „The Bay“ ein wenig zu nüchtern ausgefallen. Nicht dass er nicht zu unterhalten und zu schocken wüsste, aber ich wurde nicht in einen solch intensiven authentisch wirkenden Sog gezogen, wie es die guten Found Footage-Beiträge zu schaffen wissen. Und das liegt an dem Mangel einer echten Identifikationsfigur, die nicht entstehen kann, wenn man es mit zu vielen Videoquellen zu tun hat. Für die Geschichte selbst ist diese Distanz nötig, aber am Ende zählt wie der Film auf mich gewirkt hat, und da war mir das Ergebnis etwas zu theoretisch. Interessant ist eine Sichtung von Levinsons Film aber durchaus.

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