Samstag, 10. Mai 2014

12 UHR MITTAGS (High Noon 1952 Fred Zinnemann)


Sheriff Kane heiratet und will die Stadt verlassen, da kehrt die Nachricht ein, dass der begnadigte Frank Miller mit dem Mittagszug ankommt, um sich an Kane, der an seiner Verhaftung schuld war, zu rächen. Gegen den Ratschlag seiner Freunde zu fliehen bleibt er in der Stadt um sich Miller zu stellen. Aber er findet niemanden, der ihm dabei hilfreich zur Seite steht. Selbst seine frisch Angetraute zeigt ihm die kalte Schulter...


Showdown um High Noon...

Kino kann großartiges leisten. „12 Uhr mittags“ aus dem Jahr 1952 ist ein Beispiel dafür, ist er doch perfekt durchkomponiert, zielgerichtet auf den Showdown hinarbeitend, nie daran zweifeln lassend dass es mittags zur prophezeiten Auseinandersetzung kommen wird, und auf dem Weg dorthin perfekt mit dem Dramatikaspekt im Vordergrund arbeitend, um sich gegen Ende in einen Thriller zu verwandeln. Sicher, für einen Western ist Fred Zinnemanns ausgezeichnetes Meisterwerk etwas brav ausgefallen, zumindest vordergründig, wenn man wilde Schießereien, Verfolgungsjagden auf Pferden, Banküberfälle und all die anderen actionorientierten Klischees des Genres erwartet. Hintergründig ist „High Noon“ (Originaltitel) jedoch kein bisschen brav, und mutig ist er durch die modern gezeichnete Hauptfigur noch zudem.

Kane ist ein Mann der Prinzipien, ein Mann der sein Wort hält, für Ehre und Anstand steht. Das ist klassischster Western mit klarer Gut- und Böse-Trennung. Aber seine Einstellungen sind modern, für die Zeit des Wilden Westens ebenso wie cineastisch gesehen für die 50er Jahre. Eine Mexikanerin ist seine Ex-Geliebte, Tiere rettet er vor dem Feuertod (wenn auch für einen Trick nutzend), und er geht nicht nur nicht in die Kirche, auch die Ehe wurde nicht kirchlich getraut. Nicht dass es der Film noch mehr nötig gehabt hätte, aber auch an anderer Stelle gibt er sich modern, so z.B. in der Figurenzeichnung der Frauen, wenn diesbezüglich in seinem extremsten Punkt auch erst zum Ende hin.

Lediglich am zu seiner Zeit obligatorischen Happy End hält man fest, und da man dies von Anfang an weiß, raubt das dem Streifen ein wenig von seinem Spannungspotential, tatsächlich jedoch wirklich nur ein wenig, denn der Weg ist das Ziel, und je dramatischer die Hoffnungslosigkeit im Löwenanteil der Geschichte, desto spannender der Showdown, das Ende kennend oder nicht. Ein wenig musste sich halt auch ein rebellischer „12 Uhr mittags“ an vorgegebene Erzählmuster halten, sonst wäre eine Aufführung vielleicht als zu riskant anerkannt worden und wir würden ihn heute nicht kennen. Es guckt sich für unsere Zeit harmlos, aber „12 Uhr mittags“ ist ein Film aus den biederen, braven USA, und da war es zu dieser Zeit nicht üblich Kritik am System, an der Regierung und an der Justiz zu üben. Und Zinnemanns Film lässt diesen Tabubruch zur Grundlage seines Streifens werden - im Zentrum ein Gesetzesmann, dem seine Arbeit auf passive Art nicht gedankt wird.

Ein Mörder wird begnadigt, der Mann der ihn hinter Gittern brachte wird erst kurz vor der Ankunft des Rächers über diese Entscheidung informiert, und das Dorf, das immer wieder betont wie dankbar es dem Sheriff ist, zeigt diesen Dank nicht in der größten Stunde seiner Not. Diesen Aspekt arbeitet „High Noon“ besonders geglückt heraus, übt durchaus Kritik am feigen Verhalten der Bürger, fein analysiert und auf verschiedene Weise demonstriert, er zeigt aber auch das Dilemma der Hilflosigkeit auf, in dem sich mancher Verweigerer befindet, zeigt also dass dieser dramatische Aspekt zwei Seiten der Medaille hat. Wenn die einzig Hilfsbereiten ein halbstarker 14jähriger und ein von Schuldgefühlen geplagter, einäugiger Säufer ist, dann kommt der Film besonders bitter daher, zumal Kane ein sehr sozialer Mensch ist. Jugendliche für den guten Zweck opfern käme für ihn nie in Frage, so verzweifelt die Lage auch ist. Und den Betrunkenen lässt er im Glauben, dass er ihm bescheid gäbe, wenn die Auseinandersetzung beginnt, um ihm nicht seine Würde zu nehmen.

Sympathischer ohne dabei auf die Nerven zu gehen kann ein klassischer Filmheld wohl kaum gezeichnet sein. Etwas alt ist er für seine junge Gemahlin, entweder Standard im Wilden Westen, oder schon wieder ein damaliger Tabubruch, vielleicht auch ein längst bestehender Alltag in Hollywood, der, wenn dem so ist, dementsprechend unnötig noch immer bei Erscheinen von „Ein perfekter Mord“ diskutiert wurde. Ich weiß nicht was davon der Wahrheit entspricht. Auf jeden Fall ist Kane ein Held zu dem man hält, ohne dass mit seiner Überzeugung gleich jede Diskussionsgrundlage über den Film über Bord fiele.

Ob man seine Ideale teilt oder der Frau mit ihrer Ansicht recht gibt, ist ebenso Ansichtssache, wie die in der Kirche aufgeworfene Frage, ob Kane ein Held ist weil er sich dem Mörder stellt, oder ob er damit das Unglück in die Stadt lockt, das seinen friedlichen Alltag weiterleben könnte, wenn die Banditen merken, dass Kane nicht in der Stadt ist. Mag „12 Uhr mittags“ auch Position beziehen, er ist stets so erzählt, dass er andere Meinungen zu Wort kommen lässt und damit zur Diskussion einlädt. Ein guter Schachzug wenn man all die Bereiche bedenkt, an denen er aneckt.

„High Noon“ ist großartiges Kino, für Freunde des Genres Drama mehr als für die des Westerns, großartig besetzt mit Gary Cooper und Lloyd Bridges, der den einzigen Charakter spielt von dem man so gar nicht weiß, ob er gewissenhaft die Meinung ändert oder auf egoistischem Kurs bleibt. Grace Kelly darf nur hübsch aussehen. Der schauspielerisch schwierigere Frauenpart war ohnehin jener der objektiv und praktisch denkenden Mexikanerin, die gewollt emanzipiert präsentiert wird, und dabei in ihrer Art eine Kälte ausstrahlt, die ebenso zum Diskutieren anregt: kalt wirkend durch Emanzipation oder tatsächlich kalt kalkulierend?

„12 Uhr mittags“ bietet viel Diskussionsnährstoff hinter den Reihen, ist vielschichtig erzählt für eine nach außen hin geradlinige Geschichte, und bietet zudem noch psychologisch glaubwürdige Charaktere, einen hohen Spannungsbogen in dichter Atmosphäre, einen stimmigen Soundtrack, der selbst dann noch geglückt ist wenn er Erscheinungsjahr-bedingt etwas zu laut ausholt und eine glaubwürdige Dramatik, die den Zuschauer an die Identifikationsfigur Kane fesselt, geradewegs zulaufend auf einen Showdown im unfairen Verhältnis Mann gegen vier Mann. Die Schluss-Szene könnte mit ihrem stummen, enttäuschten Kommentar nicht besser gewählt sein und wurde von Don Siegel, die Parallelen passend erkennend, in seinem Film „Dirty Harry" als Ehrerweis auf Zinnemanns Western-Klassiker übernommen.

Mit Augen von heute schaut sich „High Noon“ klassisch und modern zugleich. Die Brisanz der angerissenen Themen ist auch heute noch erschreckend aktuell, womit dieser Klassiker trotz Schwarz/weiß und ausgestorbenem Genre von seiner Aussage her noch immer ein Evergreen ist. Wer den Film noch nicht kennt: unbedingt ansehen!

1 Kommentar:

  1. Wenn man den abgedroschenen Spruch "Großes Kino" irgendwo anwenden darf, dann wohl hier. Da stimme ich deiner Einschätzung voll zu.

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