Samstag, 16. April 2016

THE CHILD - DIE STADT WIRD ZUM ALPTRAUM (Chi l'ha vista morire 1972 Aldo Lado)


Als seine kleine Tochter in Venedig getötet wird, versucht der Bildhauer Franco auf eigene Faust den Mörder zu fassen. Als Anhaltspunkt dient ihm der Vater eines ein Jahr zuvor getöteten Kindes, dessen Fall Parallelen zu dem Tod seiner eigenen Tochter aufweist...


Venedig bei Tag...

Meine erste Sichtung von „The Child - Die Stadt wird zum Alptraum“ muss entweder an einem sehr ungeduldigen Tag stattgefunden haben, oder ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz warm mit der Filmgattung Giallo, fand ich ihn doch damals ziemlich mittelmäßig und muss ich doch sagen dass er mir nun bei der zweiten Sichtung wesentlich besser gefallen hat, zumal er mit dem ein Jahr später gedrehten und wesentlich bekannteren „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ einige Parallelen teilt (sogar das Aussehen der Hauptrolle) und sich in einigen Punkten von den typischen Vertretern seiner Art unterscheidet.

Das beginnt mit dem dramatischen Aspekt, der viel mehr im Vordergrund steht als bei dieser Thriller-Gattung üblich, auch wenn Hauptdarsteller George Lazenby relativ nüchtern ermittelt. Traurig sieht anders aus, aber da der gute Mann, der drei Jahre zuvor in „Im Geheimdienst ihrer Majestät" den Bond spielte, in so ziemlich jedem anderen Aspekt sehr natürlich wirkt, ist das auch nicht wirklich schlimm. Zum anderen spielt der Großteil des Films im Hellen, ganz im Gegensatz zu den gängigen Vertretern des italienischen harten Kriminalfilmes. Die Morde an den Kindern geschehen bei Tag, Franco ermittelt meist tagsüber, erst gegen Ende nutzt Regisseur Aldo Lado die Dunkelheit und vermischt sie mit interessanten optischen Spielereien, insbesondere in jener ausgedehnten Szene in der sich drei Leute gleichzeitig in einem heruntergekommenen, verlassenen Gebäudekomplex aufhalten.

Ansonsten ist „The Child“ gar nicht sonderlich aufregend abgefilmt. Die Stadt an sich weiß ganz von selbst zu wirken, der Blickwinkel durch den Schleier des Mörders bietet einen gewissen Reiz, und auch sonst ist der Streifen solide, da sehr ruhig, abgefilmt. Aber so künstlerisch wertvoll wie in manch ähnlichem Film ist das alles nicht ausgefallen - muss es auch nicht, denn es weiß bereits in dieser schlichteren Form zu gefallen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist hingegen Ennio Morricones Soundtrack ausgefallen, der zwar zum einen die Vielseitigkeit des Komponisten deutlich macht, aber ein wenig zu sehr auf den sich im Hall oder im Echo befindenden, wiederholenden Kindergesang konzentriert, wobei der düstere Hintergrundsound eher unter geht, obwohl er einen wunderbaren Kontrast zu den hellen Kinderstimmen des christlich orientierten Liedes bildet.

„Who saw her die?“ (Alternativtitel) fordert den Zuschauer beim Mörderraten heraus, bietet eine gute Auflösung und ist auf dem Weg dorthin stets glaubwürdig. Wenn man bedenkt mit wie viel Unsinnigkeiten man oftmals auch bei guten Giallos rechnen muss, ist es schön zu sehen, dass „The Child“ ähnlich wie „Profondo Rosso“ und „Stimme des Todes“ immer möglichst realistisch bleibt, sich nicht widerspricht und die Suche nach der Wahrheit auch immer im Mittelpunkt des Geschehens stehen lässt, so dass die Zusammenhänge recht sinnvoll bleiben und man somit zur Ablenkung auch nicht mit billigen Erotikszenen oder einer besonderen Härte abgefertigt werden muss.

Die Mordszenen sind dennoch recht gnadenlos ausgefallen, auch wenn sie für einen Giallo recht zahm umgesetzt wurden. Aber der Mord an den Kindern lässt aufgrund der Herzlosigkeit wohl niemanden kalt, zumal wahrlich niedliche Kinder in den Rollen der Opfer besetzt wurden. Und die Mordsequenz innerhalb eines Kinosaals weiß aufgrund dessen dass der Mord in einem mit Personen gefüllten Saal stattfindet, ebenso zu schocken, da der Täter scheinbar keinerlei Grenzen kennt. Der Mut dieser Tat vermischt sich mit der Feigheit der plötzlichen Flucht.

Ahnungslos aber nicht kopflos stampft der trauernde Vater durch das sonst so romantische Venedig. Und es liegt an seiner Natürlichkeit, dem Spannungsbogen und dem Talent die Neugierde des Publikums aufrecht zu erhalten, dass „Chi l'ha vista morire“ (Originaltitel) ein solch angenehm zu schauender Giallo-Vertreter geworden ist, auch wenn er sich nicht zu den wahren Größen dieser Filmgattung zählen darf. Dieses Ziel hat er meiner Meinung nach aber nur knapp verfehlt. Ich kann nicht genau erörtern was mir gefehlt hat um ihn dazuzuzählen, spontan würde ich aber behaupten dass er ruhig die ein oder andere wahrlich nervenkitzelnde Szene hätte vertragen können. Eine solche fehlt trotz der stets hochgehaltenen Atmosphäre und dem konstanten Spannungsbogen tatsächlich.


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