Sonntag, 7. August 2016

HAUNTERS (Choneung Ryukja 2010 Kim Min-suk)


Von Kindheit an hatte Cho-in die Gabe Menschen seines Umfeldes mit der Kraft seiner Augen zu kontrollieren und fremdzusteuern. Als Erwachsener ist er sogar in der Lage ganze Menschenmassen zu steuern. Als Cho-in eines Tages wie gewohnt in ein Pfandhaus tritt um sich mittels seiner Kräfte Bargeld zu beschaffen, da stößt er auf den frisch eingestellten stellvertretenden Filialleiter Kyu-nam, auf den Cho-in überraschender Weise keinen Einfluss hat. Der naive Kyu-nam nimmt zusammen mit seinen besten Freunden den Kampf gegen den Manipulator auf, wissendlich der einzige Mensch zu sein, der den Wahnsinnigen stoppen kann...


Einer gegen alle...

In einem amerikanischen Film hätte mich die Geschichte nicht wirklich gereizt, hätte man doch in etwa im Vorfeld gewusst welcher Handlungsstrang uns dort mit dieser Idee erwartet. Umgesetzt in Südkorea wusste die Story um einen Mann, der sich einem anderen stellen muss, der ganze Menschenmassen kontrollieren kann, jedoch zu locken und so wurde ich neugierig auf den schlicht betitelten „Haunters“, der es mit seiner Idee nicht nötig hatte auf sonderlich ausgefallene und teure Spezialeffekte zurückzugreifen. Bis auf einige aufwendigere Stuntkoordinationen benötigte man lediglich den simplen Spezialeffekt, der die Augen des Manipulators verfremdet, ansonsten dürfte „Psychic“ (Alternativtitel) nicht sonderlich viel Budget verschlungen haben.

Dies war mit ein Grund der mich reizte einzuschalten, wird man von Kinofilmen unserer Zeit, allein schon bei der Vielzahl an Superheldenfilmen, deren Bereich „Haunters“ leicht streift, doch derart mit Materialschlachten übersättigt, dass manch einer sich wieder gerne den Schritt zurück gönnt, so wie ich, der nicht viel Wert auf Spezialeffekte legt und auf Computereffekte schon einmal gar nicht. Kim Min-suks Fantasyfilm gewinnt dadurch tatsächlich Sympathiepunkte, ist jedoch inhaltlich nicht so ungewöhnlich ausgefallen, wie ich es von vielen anderen asiatischen Produktionen gewohnt bin. Die Handlung verläuft überraschend vorhersehbar und zehrt weniger von seinen Möglichkeiten als erwartet, da das Drehbuch nicht gerade geistreich ausgefallen ist.

Zumindest die Hauptfigur Kyu-nam ist bewusst naiv ausgelegt, um dem eigentlich ernst erzählten Film einen leichten Humoreinfluss zu bescheren. Aber während dieser sich auf Kampfebene im Laufe der Handlung weiterentwickelt, wird er mit Kenntnis der Möglichkeiten seines Gegners leider keinen Deu schlauer, kämpft gegen den Bösewicht als sei dieser ein Durchschnittsmensch und wird damit keinesfalls zu einem würdigen Gegner, was der Chose bereits einiges an Reiz kostet.

Warum Cho-in ebenfalls so arg naiv handeln muss, bleibt viel eher ein Rätsel, erklärt sich aber vielleicht aus seinem arg bemühten Drang jegliches Klischee zu Coolness-Zwecken abzugrasen, da er nie Elternliebe erhalten hat und von der Gesellschaft isoliert nur schwer einen Charakter entwickeln konnte. Diese anders geartete Naivität engt ihn in seinen Möglichkeiten jedoch viel zu stark ein, so dass er viele Chancen nicht nutzt seine Kraft einfallsreich und gnadenlos einzusetzen, was „Haunters“ viel harmloser ausfallen lässt als es nötig gewesen wäre. Kyu-nams Kampf hätte fast aussichtslos ausfallen können bei all den Möglichkeiten die Cho-in hat. Aber immer bekämpft er seinen menschlichen Gegner nur mit halber Backe, geistig ähnlich stumpf ausgefallen wie sein Gegner, so dass dieser viel mehr Chancen und viel weniger Gegenwehr benötigt, als die hoffnungslos klingende Ausgangslage zugelassen hätte.

Man merkt, dass das Drehbuch sich der Konsequenzen Cho-ins Kräften und der mit ihr einhergehenden Möglichkeiten überhaupt nicht bewusst ist, so sehr wie damit an der Oberfläche gekratzt wird. Zwar wird „Choneung Ryukja“ (Originaltitel) damit keinesfalls so dümmlich wie der unter ähnlichen Problemen leidende „Zufällig allmächtig“, aber er beschneidet sich damit selbst und bietet nur einen kleinen Ansatz dessen, was ein guter Autor aus der Grundidee herausgeholt hätte.

Ebenfalls kontraproduktiv wirkt die zu stark ausgefallene Realitätsferne auf das Gesamtwerk, ist Kyu-nam doch noch unkaputtbarer als Bruce Willis in „Stirb langsam“. Da kann man auch mal halb verbluten, um im nächsten Moment wieder topfit den Kampf aufzunehmen. Und wer mit dem Hals in der Schlinge hängt, der hat freilich noch ewig Zeit, Kraft und Luft, um sich per Akrobatik aus einer eigentlich aussichtslosen Lage zu befreien. Den Vogel schießt Kim Min-suk jedoch in der letzten Einstellung des Filmes ab, die sich rational überhaupt nicht mehr erklären lässt und somit die Frage offen lässt, was der Regisseur mit diesen realitätsfernsten Momenten überhaupt bezweckt. Sollen diese Szenen eine versteckte Kraft des angeblichen Durchschnittsmenschen andeuten? Veräppelt der gute Mann sein eigenes Werk, weil er die Schwächen erkannt hat? Möchte er der ernsten Chose lediglich eine gewisse Leichtigkeit bescheren? Oder habe ich irgendetwas Grundlegendes nicht verstanden? Alles möglich, aber eigentlich auch egal darüber nachzudenken, da besagte Szenen das Gesamtbild des Streifens schwächen - so oder so.

Positiv wirkt hingegen das recht geistreiche Spiel um die Frage der Schuldzuweisung, muss man Kyu-nam doch zumindest eine Teilschuld dessen was an Leid geschieht zusprechen, da der nur selten nachdenkende Mensch überhaupt nicht begreift, dass Cho-in nicht an Terror interessiert ist. Der setzt sich lediglich gegen eine unerwartete Bedrohung zur Wehr, die ihn, in seiner gefühlskalten Art, schließlich zu Extremtaten verleitet, die er sonst nie ausgekostet hat. Cho-in drängt es nicht nach Weltherrschaft, großem Reichtum oder ähnlichem. Er hasst es durch seine Kräfte ausgegrenzt zu sein, nie ein normales Leben gehabt zu haben und damit seiner Menschlichkeit beraubt worden zu sein. Er möchte nicht außergewöhnlich sein. Doch da er dies ist, möchte er unerkannt am Rande der Gesellschaft leben und nutzt seine Kraft für das Leben eines Kleinkriminellen.

Letztendlich thematisiert „Haunters“ damit ähnliches wie „Kick-Ass 2“, beschäftigen sich doch beide Filme mit der Frage inwieweit der Bekämpfer des Bösen das Böse überhaupt erst hervorbringt, eine Reflektion der Superheldenfilme und vergleichbare Werke in der Regel aus dem Weg gehen, bzw. diese Frage gar nicht erst bemerken, so dass es gut tut, dass es andere Filme, wie den hier besprochenen gibt, die derartiges nachholen. Die oben angesprochenen Schwächen lassen einen bereits ahnen, dass das Verarbeiten dieser Thematik nicht sonderlich tiefsinnig ausfällt. Interessant sind die hier angedeuteten Gedankenansätze diesbezüglich aber durchaus.

Da Kim Min-suk uns diese eher geistlose Chose zumindest sehr rasant und mit sympathischen Charakteren versehen vorsetzt und ein gutes Gefühl für schlichte Situationen besitzt, macht „Haunters“ zumindest genügend Laune um einen anspruchslosen Videoabend zu bereichern. Der Film tritt nie auf der Stelle, steigt direkt ins Geschehen ein und wird nie langweilig. Er umgeht den Fehler sich auf eine Love Story zu konzentrieren, setzt ansonsten aber eher auf Herzlichkeit anstatt auf Härte, nutzt die damit entstandene Erwartungshaltung des Zuschauers jedoch auch, um im Gegenzug manches Mal überraschend doch eine bösartige Wendung aus dem Ärmel zu zaubern. So darf man bei solch charmanter Inszenierung schon ein wenig enttäuscht darüber sein, dass das Potential der zu Grunde liegenden Idee nicht komplett erkannt wurde.


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