2017/09/20

DAS FENSTER ZUM HOF (Rear Window 1998 Jeff Bleckner)


Der Architekt Jason Kemps ist seit einem Autounfall querschnittsgelähmt. Von seiner Wohnung aus kann er in die Fenster des Hauses gegenüber gucken, und da ihm dies als Beschäftigung gefällt, lässt er sich zum genaueren Hinsehen eine Kamera installieren. Als eine Frau von gegenüber nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund Tage später wie ausgetauscht wirkt, wächst in Jason der Verdacht, dass der Künstler von gegenüber seine Frau umgebracht und tatsächlich gegen eine andere Person ausgetauscht hat. Ein befreundeter Polizist glaubt nicht an einen Mordfall. Eine Kollegin Jasons hilft dem Architekten Beweise für die Anschuldigungen zu finden...


Eine andere Blondine...

Alfred Hitchcock hatte mit „Das Fenster zum Hof“ einen großartigen Film abgeliefert, der es eigentlich nicht nötig gehabt hat neu verfilmt zu werden. Bis auf die zu braven Einblicke ins Privatleben Anderer, welche der biederen Entstehungszeit des Streifens zu verdanken sind, gäbe es keine nennenswerten Neuerungen, die der Thriller benötigen würde. Letztendlich ist Jeff Bleckners „Das Fenster zum Hof“ aber ohnehin nur eine alternative Erzählung zum Original und somit keine tatsächliche Neuverfilmung. Die Figuren sind andere, der angebliche Mordfall ist ein anderer, und der Grundton des Streifens ist auch ein anderer.

War Hitchcocks Werk ein für einen Thriller recht amüsant ausgefallener Film, so herrscht in der für das Fernsehen hergestellten zweiten Version des Stoffes von Beginn an ein ernster, düsterer Grundton. Der 90er Jahre-„Rear Window“ (Originaltitel) ist konventioneller erzählt, ist gradliniger ausgefallen und in vielen Dingen direkter angegangen, also weit weniger verspielt als die Hitchcock-Version. So ist z.B. von Anfang an klar hinter welchem Fenster sich der angebliche Mord abspielen wird. Und eigentlich rätselt man gar nicht so sehr, wie es im Original der Fall war, darüber ob alles nur ein Irrtum sein könnte, oder ob Jasons Verdacht der Wahrheit entspricht.

Solche Spielereien hat „Das Fenster zum Hof“ in seiner zweiten Version auch gar nicht nötig. Nicht nur, dass er gar nicht erst versucht mit Hitchcocks Original zu konkurieren, der Aufhänger der Neuverfilmung ist ein ganz anderer. Der Held des Streifens ist querschnittsgelähmt und kann sich damit noch weniger gegen mögliche Gefahren wehren, wie der diesbezüglich bereits eingeschränkte Held der 50er Jahre-Version. Wir erfahren viel darüber wie es ist mit der Lähmung leben zu müssen. Finanzielle Fragen tauchen neben den obligatorischen medizinischen Hintergründen ebenso auf wie zwischenmenschliche und seelische Problematiken. Es dauert allein 20 Minuten bis Jason erstmals aus dem Fenster guckt, bis dahin orientiert sich die Geschichte an den Fortschritten Jasons nach dem Unfall. Dass diese „Rear Window“-Version wesentlich düsterer ausgefallen ist, liegt somit nicht nur am verstärkten Thrillergehalt, sondern auch am dramatischen Aspekt, der hier weit mehr als nur simples Beiwerk ist.

Dieser dramaturgische Effekt wird zudem dadurch verstärkt, dass Hauptdarsteller Christopher Reeve selbst seit einem Reitunfall querschnittsgelähmt war und mit diesem von ihm mitproduzierten mutigen Projekt jedem zeigen kann wie es ist mit dieser Behinderung zu leben. Letztendlich ist Reeve Kemps, denn nicht nur der bewegungslose Körper vereint ihre Person, auch den ungebrochenen Willen daran zu glauben, dass es eines Tages eine Heilmöglichkeit gibt, überträgt Reeves von seiner Privatperson auf den von ihm gespielten Charakter. Bis zu seinem Tod glaubte Reeves felsenfest an eine Heilung und überraschte alle mit seiner optimistischen Überzeugung und dem Mut zum Kampf.

Den lebt er auch in seiner Rolle als Jason, und dass „Das Fenster zum Hof“ nicht nur zu einer Mitleidsnummer mit dem wirklich querschnittsgelähmten Reeves verkommt, liegt an dem Hauptdarsteller selbst, der nicht nur mutig und selbstbewusst auftritt, sondern auch beweist, dass er als Schauspieler stets unterschätzt wurde. Mag der Film manches Mal auch etwas zu gewöhnlich ausfallen und die Love Story mit seiner Kollegin arg unrealistisch wirken, die Leistung Reeves weiß zu packen und einiges wieder rauszureißen. Irgendwer Verantwortliches hat es zudem begriffen ihn optisch packend einzufangen, wenn er kritisch das Treiben von gegenüber beobachtet. Ob in Direktaufnahmen aufs Gesicht oder hinter der Scheibe sitzend, Jason wirkt wie eine ernstzunehmende Bedrohung auf den möglichen Mörder.

Ein zweites Meisterwerk wie Hitchcocks Version ist der 90er Jahre-„Rear Window“ nicht geworden, aber dank eines routinierten Spannungsbogens und eines alternativen Kriminalfalles und in erster Linie aufgrund Christopher Reeves packender und mutiger Darstellung, lohnt es sich trotzdem auch der Zweitversion des Stoffes eine Chance zu geben. Andere Schwerpunkte und ein düsterer Grundton machen aus dem Stück TV-Film eine eigenständige Angelegenheit, anstatt zur abgekupferten Blaupause eines berühmten Kinoklassikers zu verkommen.


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1 Kommentar:

  1. Ich wusste gar nicht, das es eine neuere Version des Hitchcock-Films gibt. Wieder was dazu gelernt.

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