2018/05/21

A GHOST STORY (2017 David Lowery)


Ein Mann stirbt und ersteht als Gespenst wieder auf. Er beobachtet daheim seine Frau. Und als diese umzieht, bleibt das Gespenst vor Ort auf sie wartend und ein Geheimnis lüftend, welches sie vor ihrer Abreise in den Wänden hinterlassen hat...


Alles ist vergänglich...

Seit John Carpenter in seinem "Halloween - Die Nacht des Grauens" in einer Szene so beispielhaft bewies, wie gruselig ein klassisches Bettlakengespenst aus der Kinderliteratur wirken kann, hoffe ich auf einen Horrorregisseur, der den Mut besitzt ein derartiges Wesen auf Spielfilmlänge in einem Gruselfilm auf die Menschheit loszulassen. Noch immer ist es nicht so weit, aber zumindest hat Autor und Regisseur David Lowery erkannt, dass man ein solches Wesen sehr wohl für einen ernsten, erwachsenen Stoff verwenden kann, in dem speziellen Fall von "A Ghost Story" für ein Fantasy-Drama. Elemente aus "Ghost - Nachricht von Sam" und "Always" lassen zunächst vermuten eine schon oft erzählte Geschichte experimentell variiert mit dem Bettlakenbonus präsentiert zu bekommen, aber ein solcher Vergleich hinkt bereits in den anfangs noch vorhandenen Parallelen, setzt Lowery doch auf einen Minimalismus in seiner Inszenierung. Das Gespenst beobachtet lediglich, und wir tun dies auch.

In "A Ghost Story" geht es um Vergänglichkeit und Erinnerungen. Das Gespenst kann nicht loslassen, ist an dem Ort gebunden, an dem es sich befindet (wieso nicht an der vermissten Person wird erst spät angedeutet), und nachdem es etwa die Filmhälfte dem Treiben seiner Verbliebenen beobachtet, muss es nach ihrem Auszug mit den neuen Begebenheiten leben, wird aus Frust gar kurzfristig zum Spukgeist, der die neuen Besitzer vertreibt, muss aber noch weit heftigere kommende Veränderungen verkraften, welche die Zeit mit sich bringt. Wie schnell diese tatsächlich verläuft lässt sich schwer feststellen. In dem fast komplett ohne Dialoge auskommendem Streifen wird dem Zuschauer aufgrund der hypnotischen Wirkung, die jede stille Aufnahme emotional mit sich bringt, jegliches Zeitgefühl genommen. Da die Identifikationsfigur das schweigende Gespenst ist und der Zustand des Zuschauers auch dessen Wahrnehmung ist, ist dies ein gekonnter Erzählkniff. Aufgrund seines Schweigens kann man viele seiner Taten und Gedanken nur erahnen, ebenso wie die Frage an was es sich erinnert und in wie weit sein Verhalten ab einem ungewissen Punkt lediglich nur noch Instinkt ist. Ein Hinweis gibt ein weiblicher Geist von gegenüber, der im schweigenden Dialog mit der Hauptfigur zu erkennen gibt, nicht zu wissen auf wen sie wartet.

"A Ghost Story" umweht keine nervige Esoterik, ziemlich sachlich lässt Lowery höchst emotional die Zeit vergehen, zeigt auf was vor Ort in all den vielen Jahren geschieht und erlaubt sich lediglich zu Anfang, mit dem Verweigern ins ewige Licht zu tauchen, und dann erst wieder mit der Theorie einer Zeitschleife gegen Ende zum esoterischen Bereich zu wechseln. Letztgenannter Punkt hilft der Geschichte auf interessante Weise ein Ende zu finden und anderweitige Erzählkniffe nutzen zu können und ist somit liebend gerne verziehen. Zwar ist mir ein entscheidender Widerspruch in dieser Schlussphase aufgefallen, aber auch der ist bei so viel philosophischer Tiefe und derart hilfreicher Empathiebewältigung verziehen, habe ich doch selten eine solch konsequente Umsetzung einer gewagten Idee gesehen, wie hier brillant in Szene gesetzt wurde. Das Gespenst nimmt man ernst, seine Mimik verleitet zum Mittrauern, aber auch in den richtigen Momenten zur Ernüchterung. Wenn Lowery das Schweigen mittels eines Monologs auf einer Party bricht, geschieht dies auf wundervolle Art, die aus menschlicher Sicht, intellektuell aber nicht verkopft, über die Ewigkeit sinniert und darüber was auf Dauer von Wert ist, was nicht und ob auch Nichtigkeiten Wert besitzen. Das Gespenst hört aufmerksam zu, ob es tatsächlich begreift, erfahren wir nicht.

Man muss stille, sensible Stoffe mögen und freilich den gewagten Schritt alles aus der Perspektive eines Bettlakengespenstes erzählt zu bekommen, um mit dieser kleinen Genreperle etwas anfangen zu können. Der magische Mix aus greifbaren Emotionen, einer konsequenten Sachlichkeit der Dinge und einem filmeigenen Regelwerk, welches sich nie zu widersprechen scheint, liefert uns ein Filmerlebnis ab, das man nach Ende des Streifens gleich wieder erleben möchte. Man fühlt sich vom Film verstanden, man wankt zwischen lebensbejahendem Gefühl und Traurigkeit, man nimmt den enorm entstehenden Sog des schlicht Abgefilmten regelrecht in sich auf. Zwar baut die Stimmung des Streifens nach der Großstadtsequenz ein wenig ab, u.a. weil das Voranschreiten der Zeit ab hier etwas zu viel Tempo in Anspruch nimmt, aber spätestens wenn der Anschluss zum Beginn der Geschichte gefunden ist, ist "A Ghost Story" wieder auf seinem üblichen Hoch. Allein wie er auf völlig eigene Art jene "The Sixth Sense"-Theorie verfolgt, der Geist eines Toten würde nur Teile seiner Umgebung wahrnehmen, ist Gold wert, wenn Gespenst auf Gespenst stößt. Dass uns Lowery jenes Geheimnis vorenthält, was man als Zuschauer definitiv unbedingt gelüftet haben möchte, ist ein gekonnter Schachzug das Publikum auch nach dem Gesehenen mit dem Stoff zu beschäftigen. Ohnehin ist "A Ghost Story" solch ein intensives Filmerlebnis, dass es noch lange nachzuwirken weiß.


Weitere Besprechungen zu A Ghost Story: 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen