23 (1998 Hans-Christian Schmid)


Der 19jährige Hacker Karl und sein Freund David wollen die Welt verbessern und lassen sich hierfür auf eine Sache mit zwei zwielichtigen Erwachsenen ein, die Beziehungen zur Sowjetunion pflegen. Im Sinne einer Welt, in der Informationen für jeden frei verfügbar sein sollen, beschaffen sie dem KGB gestohlene Informationen, Daten und Passwörter. Die Besessenheit über die Macht der Illuminati, von denen Karl viel gelesen hat, sowie der regelmäßige Kokskonsum, lassen den Hacker bei seinen illegalen Taten bald paranoid werden...


Vorbei fliehende, nächtliche Schatten...

Drogen-Paranoia, Spionage-Thriller, Jugend-Drama, Szeneeinblick und ein Hauch Verschwörungstheorie, Hans-Christian Schmids "23" bietet all dies, beruhend auf einer wahren Begebenheit aus den 80er Jahren, in denen konsequenter Weise auch die Verfilmung spielt. Vom Rebell gegen Vaters konservativen Denkens, zum Freiheitskämpfer am Computer, zunächst im Chaos-Computer-Club, schließlich unabhängig vom KGB bezahlt, bis hin zum Drogenjunkie, so dass aus einem Ideal Bringschuld wird, um das Geld für die teuren Drogen zu beschaffen - das ist der kurze Lebensweg Karl Kochs, von welchem der Film erzählt. Von Unabhängigkeit konnte ohnehin nie wirklich die Rede sein, kontrollieren die beiden unterschiedlich charakterisierten Gauner die beiden Hacker doch weit mehr als ihnen bewusst ist. Der arrogante Höhenflug, bis zum tiefen Sturz und das ungeklärten Ende eines jungen Lebens stehen im Mittelpunkt der Jugenddramaturgie, eine Zeit aufzeigend, in der man sich schnell seine Meinung bildet, unreflektiert Kontakte knüpft und egal für wie schlau man sich hält im idealen Alter ist, um sich von irgendwem manipulieren zu lassen.

Diesen Bereich gemeinsam mit den Hintergründen der Spionage und dem wachsenden Druck dessen, was vom KGB verlangt wird, leuchtet Schmid, der auch am Drehbuch beteiligt war, weit mehr aus als den im Titel angegebenen Aufhänger um die Zahl 23. Einige Gedankenspiele zu der Verschwörung, eher lustig angehauchte Spielereien, sowie die Faszination der zu dieser Idee gehörenden Verschwörungstheorie rund um die Illuminaten, werden immer wieder eingeworfen, nie aber befasst sich der Film mit dem Hinterfragen von Wahrheit oder Fiktion dieser angeblich hinter dem Vorhang abspielenden Beeinflussung unserer Welt. Diesbezüglich wurde "23" mit einem reißerischen Aufhänger vermarktet, der im tatsächlichen Werk eigentlich erst gegen Ende Bedeutung findet, wenn Koksnase Karl anfängt paranoid zu werden. Auch hier geht es dem Stoff nie um ein Hinterfragen der Möglichkeit ob tatsächlich etwas an den Verschwörungstheorien dran ist, man soll lediglich den psychischen Abstieg des Hackers stärker verdeutlicht kriegen. Die 23 ist Teil des ungesunden Alltags Karl Kochs, was ihn zu dem werden lässt, was in der Entzugsklinik enden wird.

In jungen Jahren, als der Film herauskam, war ich erstaunt über seinen blendenden Aufhänger, aber auch darüber, dass "23" auf ganz anderer Ebene trotzdem zu funktionieren wusste. Nach all den Jahren bin ich glücklich, dass Schmids Stoff jenseits des Verschwörungsthemas interessant genug ausgefallen ist, ja sogar eine viel bessere und erwachsenere Geschichte zu bieten hat als diese. Regisseur Schmid packt diese in eine flotte, flüssige Umsetzung, unterstützt von einem peppigen Soundtrack und hervorragenden Mimen in jeglicher Rolle. Mir fiel jedoch auf, dass "23 - Nichts ist so wie es scheint" (Alternativtitel) in jungen Jahren besser funktioniert hat, eben weil die Identifizierung mit der Hauptrolle und dem an dessen Alter orientierten Inszenierungsstil des Streifens stärker war. Inhaltlich tut es dem Werk wiederum gut, wenn man eine Altersdistanz zum Gezeigten aufweist, so dass manches Präsentierte und diverse Zusammenhänge besser zu verstehen sind, eben da man selbst mehr Lebenserfahrung besitzt und ein wachsendes Interesse an den Rahmenbedingungen der erzählten Geschichte hat, und nicht nur an dem an der Oberfläche stattfindenden Hauptplot. "23" hebt sich, auch aufgrund einer wesentlich größeren Filmerfahrung, nicht mehr so stark von anderen Kinowerken ab, als ich es einst empfunden habe. Die extreme Faszination ist weg, nicht aber das Interesse an dem Stoff und seine packende Erzählweise. Gerade der Blick in die Vergangenheit Deutschlands, der Computerszene und der Politik von einst weiß einen Sehwert zu bescheren, so dass Schmids Film weiterhin eine interessante Filmerfahrung bleibt, ebenso wie sein "Crazy", "Nach fünf im Urwald" und allen voran sein "Requiem".


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