DIRTY HARRY (1971 Don Siegel)


Als ein Mörder die Stadt San Francisco damit erpresst, dass er wahllos so lange von Häuserdächern aus auf Menschen schießt, bis diese ihm eine beachtliche Geldsumme zahlt, wird Rauhbein Harry zusammen mit einem neuen Partner auf den Fall angesetzt und gerät dabei in Konflikt mit den neumodischen Gesetzen, nach denen auch Verbrecher ihre Rechte besitzen...


Im Glücksfall 6, am Pechtag 5 Kugeln...

Als der Wildwest-Film beim Publikum immer weniger positive Resonanz erfuhr, versuchte man die Filmhelden dieses Genres im Bereich des Actionfilms unterzubringen. Was bei John Wayne nicht wirklich funktionieren sollte, fruchtete bei Clint Eastwood hervorragend, allerdings auch unterstützt durch den hervorragenden Regisseur Don Siegel. Der inszenierte mit besagtem Westernstar eine Geschichte, die durch den real existierenden Kriminalfall des Zodiac-Killers inspiriert wurde, den Fincher detailgetreu mit "Zodiac - Die Spur des Killers" später authentisch nachzeichnete. In "Dirty Harry" werden Elemente aus diesem Fall lediglich als Aufhänger aufgegriffen und relativ schnell wieder verworfen, wenn der Streifen durch unerwartete Elemente eine völlig andere Richtung einschlägt, und dies passiert in dem abwechslungsreichen Streifen des öfteren, so dass man als Zuschauer allein der Handlung wegen recht gut gefordert wird. Mit Augen von einst wurde man das ohnehin, denn der Film geht hart zur Sache, bricht friedliche Bereiche des Kriminalfilms knallhart auf, vielleicht auch inspiriert über die Erfolge diesbezüglich in Italien, die zur selben Zeit ihre Hochkonjunktur erfahren sollten, und zu diesen Bereichen zählt auch die Rolle des zentralen Gesetzeshüters, der so gar nicht mehr der direkt gezeichnete Gute der Chose sein soll.

Ähnlich wie in der Spätphase des Western-Genres, wo durch den Italo-Western die Gut-Böse-Grenze verwischt wurde, wird mit "Dirty Harry" der Bereich des Kriminalfilms modernisiert, was Auswirkungen bishin zum heutigen Actionfilm annehmen sollte, insbesondere die Actionwelle der 80er Jahre betreffend, in welcher mit "Lethal Weapon", "Stirb langsam", sowie diversen Stallone- und Schwarzenegger-Filmen geradezu selbstverständlich mit der Figur des gewaltbereiten Gesetzeshüters gearbeitet wird. In "Dirty Harry" wirkte diese Charakterzeichnung provozierend, und wie es sich für die Entstehungszeit dieses Streifens gehört, wurde nicht nur der Provokation wegen mit diesem Element gearbeitet, es erfährt zudem einen intellektuellen Rückhalt, einen hintergründigen Diskussionsansatz, eine analytische Raffinesse des Stoffes. Zu Zeiten in denen nicht hirnlos nachgeäfft wurde, ohne Figuren und Situationen psychologisch zu verstehen, da kam "Dirty Harry" des Weges und ging kritisch mit der Situation der Polizei um, die mittlerweile darauf aufpassen musste auf welche Art Verbrecher verhaftet werden mussten und Beweise sicher gestellt werden mussten, damit auch alles eine Gültigkeit vor Gericht erlangt. Bewusst setzt man die Taten Harrys fragwürdig an, um zu signalisieren, dass es bei diesem Thema keine einfache, einheitliche Antwort geben kann. Und da Harry gleichzeitig als Identifikationsfigur eingesetzt wird, eigentlich sogar als Sympathiefigur, ist der Skandal perfekt gesetzt.

Laute Töne und reißerische Elemente hat "Dirty Harry" jedoch gar nicht nötig. In seiner stilsicheren Art, weiß er professionell umgesetzt zu gefallen, oft großartige, dynamische Bilder selbst im Dunkeln einfangend, einen stimmigen Soundtrack besitzend und mit Clint Eastwood in der Hauptrolle einen charismatischen Mimen präsentierend. Sein Gegenspieler Scorpio ist nicht minder hervorragend besetzt, und ohnehin tummeln sich sehenswerte Schauspieler im Film, die den ohnehin funktionierenden düsteren Action-Thriller um einen weiteren Faktor bereichern. Dass das Western-Genre nie wirklich komplett weggeblendet wird, ist kein ängstliches Zugeständnis an Hauptdarsteller Eastwood, dem man keinen Erfolg anderweitig zutraute, sondern eine gewitzte Verarbeitung der zentralen Thematik. Und eine sich vor "12 Uhr mittags" verbeugende Schlussszene macht die Verwandtschaft zu dem Filmbereich, der den Helden aus "Dirty Harry" groß machte, noch einmal deutlich. Don Siegels harter Kriminalfilm ist ein intelligent erzählter Thriller mit Subtanz und politischem Kontext, eine schlicht scheinende Geschichte präsentierend, die erst in zweiter Reihe und durch ihre Wendungen ihren intellektuellen Zündstoff erfährt, aber allein schon durch ihre spannende Umsetzung in wundervollem 70er Jahre-Flair ihre Daseinsberechtigung erfährt und allein schon deshalb das Reinschalten wert ist. Als Cineast sollte man dieses Meisterwerk seines Genres ohnehin gesichtet haben, und Freunde von "Die nackte Kanone" sollten erst recht ein Auge drauf werfen, um die versteckten Anspielungen auf "Dirty Harry" in dieser Komödie entdecken zu können.


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