10.05.2020

DAS LUSTSCHLOSS DER GRAUSAMEN VAMPIRE (La vampire nue 1970 Jean Rollin)


Pierre bemerkt, dass sein Vater Gastgeber merkwürdig scheinender Treffen in einem Schloss ist und schleicht sich eines Abends in ein solches ein. Maskierte Männer schauen einer suiziden Aufopferung zu, mit der eine junge Frau geehrt wird, die Pierre wenige Tage zuvor nach einer Flucht aus dem Schloss sterben sah. Er findet heraus, dass man diese Frau aufgrund ihrer angeblichen Unsterblichkeit gefangen hält, und er setzt alles dran sie aus den Fängen dieser scheinbaren Fantasten zu befreien. Mit seiner bewusst gewählten Gegenposition zu seinem Vater setzt er etwas in Gang, das er erst im Laufe der Zeit begreifen wird...


Sand hinterm Samt-Vorhang...

Das Folgewerk von Jean Rollins erstem Vampirfilm "Die Vergewaltigung des Vampirs" beschäftigt sich erneut mit den Geschöpfen der Nacht, ist aber weit anders ausgefallen als der erste Streich. Gemein haben sie eigentlich nur die freie Interpretation des Vampirismus (jedoch jeweils anders ausgefallen) und ein Szenario am Strand. Ansonsten ist vieles verdreht im Vergleich zum Vorgängerfilm. Aus Schwarz/Weiß wird Farbe, die Rollin manchmal intensiv nutzt, z.B. dann wenn er ein Schloss per Farbfilter wie in einem blauen Nebel gekleidet erscheinen lässt. Zudem folgt sein "Die nackten Vampire" (Alternativtitel) einer stringenteren Erzählung, die einem nachvollziehbaren roten Faden folgt. Fragen werden diesmal so gut wie immer beantwortet, der Zuschauer darf lediglich im Zeitraum vor der Auflösung so orientierungslos zusehen wie im Vergleichsfilm. Zudem zelebriert Rollin diesmal regelrecht die Langsamkeit. Ewig hält er die Kamera auf Ereignisse drauf, die auch gern mal nichtiger Natur sind. Ebenso arbeitet er mit ellenlangen Kamerafahrten, um bestimmte Räumlichkeiten oder äußere Umstände deutlich zu machen. Der Film ist die Ruhe selbst und für ungeduldige Zuschauer sicherlich eine Prüfung.

Ob man diese bestehen möchte, hängt davon ab, was man sich vom Inhalt verspricht. Der ist trotz konzentrierter Herangehensweise und rotem Faden dennoch ziemlich ruppig umgesetzt. Dies nicht in jener Extreme des Vorgängers, die von Szene zu Szene bemerkbar war, aber viele Übergänge wirken aus der Not heraus geboren, unprofessionell, oder unbedacht gewählt. Die Sekte, die zu Beginn hervorgehoben wird, ist irgendwann nicht mehr wichtig. Der Umzug in ein anderes Schloss will keinen Sinn ergeben. Die erst so späte Aktion eines erst im letzten Drittel auftauchenden Geheimbundes bleibt Rätsel des Autors. Stümperhaft wirkt ansonsten lediglich ein dilettantisch dargebotener Sturz auf einer großen Treppe, ansonsten ist "Das Lustschloss der grausamen Vampire", dessen Titel bis auf die Nennung des Schlosses so gar keinen Bezug zum Film besitzt, wesentlich professioneller ausgefallen, wenn auch, glücklicher Weise, bei weitem nicht konventionell. Das Gefühl von Schund-Kunst wirkt nicht mehr so intensiv, da selbst der Großteil der Darsteller seine Rollen zu meistern weiß. In seiner Langsamkeit, der rätselhaften, wenn auch holprig angegangenen, Geschichte, und dem sleazy 70er Jahre-Flair weiß "Das Lustschloss der grausamen Frauen" (Alternativtitel) auf schlichte Art zu überzeugen. Rollin wirkt ernstzunehmender als zuvor, wenn auch immer noch zu stark darin bemüht intellektuelle Kunst schaffen zu wollen.

Mal abgesehen von den bereits erwähnten Fehlern, kann er dies auch deswegen schon gar nicht erreichen, weil er manche Figuren unsinnig einsetzt. Sicherlich soll sein Werk verschroben wirken, nie wirklich in der Realität spielend, so dass auch Personen, wie die zwei alten Leute, die seit 50 Jahren auf Pierre warten, absichtlich grotesk anmuten sollen. Warum man aber Wissenschaftler lediglich in schurkischen Situationen zeigt, inklusive aktivem Agieren in länger andauernden Schießereien, anstatt sie auch mal forschen oder ihre Theorien wissenschaftlich erläutern zu lassen, ergibt auch im innereigenen Kosmos von "La vampire nue" (Originaltitel) herzlich wenig Sinn, zumal die angeblichen Wissenschaftler stets nur über den wirtschaftlichen Aspekt ihrer Forschung sprechen. Letztendlich ist dies alles für ein Gelingen eines Werkes, welches hauptsächlich über seine Stimmung punkten will, jedoch ziemlich egal, erwähnen wollte ich es dennoch mal. An sich bin ich mit dem Ergebnis auch zufrieden, eben weil die Atmosphäre stimmig eingefangen ist. Meiner Meinung nach hätte "The Nude Vampire" (Alternativtitel) allerdings mit Pierres Verschwinden hinter dem Vorhang enden sollen, dann hätte man den Streifen mystisch geschlossen mit offenen Fragen, die sich der Zuschauer selbst beantworten darf. Was danach passiert ist mir persönlich zu esoterisch ausgefallen, besitzt zwar durchaus Ansatzpunkte, die ich als reizvoll empfinde, diese Aspekte wären aber im Zentrum einer eigenen Geschichte gut aufgehoben und nicht als Auflösung der hier vorangegangenen. Dass der deutsche Trailer zudem ausgerechnet die Auflösungsszene ausführlich zeigt, die gleichzeitig auch auf eine bewusst von Rollin gelegte Täuschung verweist, will tatsächlich aus gar keinem Blickwinkel Sinn ergeben. Aber dafür kann ja der gute Rollin nichts. unterhaltsam


Trailer,   OFDb

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