Sonntag, 12. August 2012

HARD CANDY (2005 David Slade)


Der 30 jährige Fotograf Jeff chattet mit der 14 jährigen Hayley, und nach einiger Zeit kommt es zu einem Treffen außerhalb des Internets. Sie gehen gemeinsam essen, einkaufen, blödeln rum und landen schließlich bei Jeff zu Hause. Sie trinken etwas, beginnen eine Fotosession, und dann kippt Jeff um. Er erwacht als Gefangener der 14 jährigen, die aus ihm ein Geständnis erzwingen will, er sei pädophil...


Junge Falle...

Allein das Grundkonzept von „Hard Candy“ reizt. Dieses Fast-Kammerspiel verdreht die Positionierung von Opfer und Täter, nur um diese in einem dialoglastigen Spiel erneut in Frage zu stellen. Der Zuschauer bleibt interessiert dran, um zu erfahren worauf das ganze hinaus laufen soll. Denn die Fakten sprechen gegen Jeff, es kann nicht darum gehen ob er nun pädophil ist oder nicht. Viel interessanter ist hingegen seine Rechtfertigung für seine Veranlagung und der Zwang sich mit dieser verdrängten Tatsache nun bewusst beschäftigen zu müssen. Dabei bleibt zunächst unklar wie groß der Härtegrad seiner Veranlagung ist. Sind seine Taten große Verbrechen oder ist er ein harmloser Schwärmer, aus dem eventuell später ein Verbrecher werden könnte?

All diese Fragen machen die Figur des Jeff so interessant. Doch die taffe Hayley ist nicht weniger interessant, bleibt der Antrieb ihrer Taten doch ebenfalls lange Zeit im Dunkeln, so dass man sich fragt ob das überdurchschnittlich intelligente Mädchen eine Psychopathin ist oder eine psychisch Labile der es tatsächlich um Gerechtigkeit geht. Nur eines ist klar: sie handelt nicht aus dem Affekt und hat ihr Treffen mit Jeff intensiv vorbereitet.

So kommt es nun zum Dialog zwischen beiden Seiten, der, wenn die Lügen und Manipulationen erst einmal halbwegs über Bord geworfen sind, recht offen stattfindet. Da fallen intelligente Denkansätze, die nicht weiter vertieft werden, damit der Zuschauer sich allein mit diesen befassen darf. Innerhalb des Gesprächs blitzt immer wieder auf wie psychologisch clever das Drehbuch konzipiert ist, da es Überlegungen und Entlarvungen mit einbaut die nicht aus einem Durchschnittsdenken geerntet sind.

Anders hingegen trifft es den eigentlichen Handlungsverlauf. Der weiß zu packen, keine Frage, aber so clever wie die Dialoge ist er bei weitem nicht ausgefallen, konzentriert Regisseur David Slade, der mit „30 Days Of Night“ einen recht schlechtes Folgewerk aus dem Horrorbereich ablieferte, sich doch, je weiter die Geschichte voranschreitet, am Thrill-Gehalt der Story und weniger am dramatischen Aspekt, der wesentlich interessanter gewesen wäre. Damit beraubt er seinem eigenen Werk eines Anspruchs den er mit Hauptaugenmerk auf den Spannungsbogen nicht erreichen kann, zumal die Wendungen gegen Ende etwas unglaubwürdig werden und vom Zuschauer etwas viel Naivität abverlangt wird und das nachdem er zuvor intellektuell mit tollen Denkanstoßen aufgepuscht wurde.

Zwar weiß „Hard Candy“ auch in seinen schwächeren Momenten zu unterhalten, immerhin bleibt die Neugierde geweckt, und es mangelt gegen Ende auch nicht an neuen Informationen die das vorher Gesehene in eine andere Position schwenken, dennoch ist es schade dass die Tiefe und das Niveau dem vordergründigen Unterhaltungswert geopfert wurden.

In dem komplett unblutigen Film gibt es harte Situationen in zurückhaltenden Bildern, die vom Zuschauer schon einiges an psychischer Kraft abfordern. Leichte Kost ist „Hard Candy“ beileibe nicht, das hätte wohl auch niemand bei diesem Thema erwartet. Aber wenn aus einem Dialog eine unbeschreibliche Tat wird, dann geht das Psycho-Drama weit über das hinaus was man von ihm erwartet hat. Irgendwann ist der Punkt erreicht wo es kein Gut und kein Böse mehr zu geben scheint und zwischen den Zeilen einige provozierende Fragen bezüglich des Rechtssystems und seiner Alternativen gestellt werden. In dieser Phase des Streifens erleben wir die gewaltigste Symbiose aus Drama und Thriller, bevor Letztes irgendwann das Ruder übernimmt.

„Hard Candy“ hätte mehr sein können, ist aber auch in seiner Thriller-orientierten Form ein Film der nachbleibend Eindruck hinterlässt und den Zuschauer noch einige Zeit beschäftigt. Sein gutes Ergebnis verdankt er neben einem dialogcleveren Drehbuch seinen beiden Hauptdarstellern, die in jeder Phase ihrer Rolle glaubhaft spielen. Schade dass das Drehbuch gegen Ende nicht ebenso glaubwürdig bleibt.

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