Donnerstag, 9. August 2012

WOLFZEIT (Le temps du loup 2003 Michael Haneke)


In der nahen Zukunft irgendwo in Frankreich: durch ein Unglück ist die Zivilisation wie wir sie kennen unter gegangenen. Menschen schließen sich in ihren Häusern ein, darauf wartend dass der Lebensmittelengpass sein Ende findet, andere ziehen durchs Land in der Hoffnung, dass es woanders rosiger aussieht. Mit ihren zwei Kindern auf sich allein gestellt, bleibt auch der Mutter Anna nichts anderes übrig. An einem Bahnhof wartet sie mit anderen Überlebenden auf einen Zug, obwohl seit über einer Woche keiner mehr kam. Verkrampft versucht man vor Ort eine Sozialstruktur aufrecht zu erhalten...


Das endlose Warten...

In diesem Endzeitfilm ist das Warum und Was des großen Unglücks völlig egal. Der Grund wird nicht genannt, das Volk nicht informiert, und wichtig ist es ohnehin nicht, gibt es doch viele Möglichkeiten, dass es einmal so kommt wie im Film beschrieben. Einzig die Information das Wasser sei verseucht gibt man uns mit.

Regisseur Michael Haneke („Funny Games“) unternimmt während seiner Erzählung alles um anspruchsvolles Kino abzuliefern und bloß nie den entferntesten Erwartungen des Mainstream-Kinos entgegen zu kommen. Er präsentiert ruhige Bilder mit teilweise langen Aufnahmen, verzichtet auf Musik, versucht ein breites Spektrum an Betroffenen und ihr Schicksal einzufangen, vertieft dabei jedoch keinen Charakter. Dabei wird niemand bevorzugt, nicht einmal die Hauptrolle der Anne, die uns ebenso fremd bleibt wie der Rest der Überlebenden.

Der auf Science Fiction-Wegen wandelnde Film soll ein nüchterner Bericht darüber sein, was sein könnte und verstrickt sich deshalb nicht in Kitsch oder irgend einer Form von Manipulation. Einzig zum Spannungsaufbau ist Haneke szenenweise bereit, und selbst Situationen, welche diese fördern, sind weit vom massentauglichen Geschmack entfernt. Dabei stechen in erster Linie zwei Szenen als besonders geglückt hervor: der Tod des Ehemannes von Anne, als eine Art Schockszene inszeniert, in welcher die tatsächliche Tat ausgeblendet wird, was sie doppelt so wirksam macht, und eine Suche nach dem verschollenen Sohn, in welcher bei vollkommener Dunkelheit nur angezündetes Stroh als Lichtquelle dient, was den Zuschauer wie gebannt vor seinen Fernseher fesselt.

Als weitere solcher Szenen ist sicherlich auch das Wiedersehen der Gattenmörder am Bahnhof gedacht. Aber zu diesem Zeitpunkt ist der Film schon so weit fortgeschritten und der Zuschauer schon derart ernüchtert, dass auch eine solche Provokation nicht mehr zu wirken weiß. Denn bei all der Mühe Kunstkino zu schaffen, hat Haneke dann doch eine Spur übertrieben und schafft es nach einem guten Start nicht mehr den Zuschauer zu packen.

Dem geht irgendwann das Interesse flöten, wenn so wirklich gar keine Situation weitergeführt und so gar kein Charakter vertieft wird. Oh weh - man könne ja entfernt das Unterhaltungskino streifen. Sicherlich wäre diese Art der Inszenierung lobenswert, wenn sie einem irgendetwas nahe bringen würde, was man erst durch „Wolfzeit“ erlebt. Aber die Informationen und Erfahrungen, die man in Hanekes Film miterlebt, unterscheiden sich nicht von den besseren Zombiefilmen, die selbiges ironischer Weise im Unterhaltungskino einzubauen wussten.

Jeder ernst gemeinte Endzeitfilm beachtet die selben Themen die Haneke am Herzen liegen. Neue Erkenntnisse gibt es keine. Und wenn Haneke am Ende dann doch der Versuchung nicht mehr widerstehen kann ins Reißerische abzurutschen, bekommt das Ganze aufgrund seiner Unglaubwürdigkeit auch noch einen lächerlichen Beigeschmack. Immerhin weiß besagte Szene optisch zu reizen und schmückt dementsprechend auch das Filmplakat.

Etwas nüchtern betrachtet bleibt dennoch ein Restinteresse zurück, so dass man trotz aller Mankos nicht geneigt ist frühzeitig abzuschalten. So richtig langweilig wird das Gezeigte nie. Dafür ist die Vorstellung der ganzen Sache viel zu erschreckend und der Gedanke wie schnell so etwas passieren kann geradezu unheimlich. Dennoch darf man als Zuschauer zu recht enttäuscht sein, wenn ein Film sich derart anspruchsvoll gibt, um es dann doch nicht zu sein. Haneke will gerne etwas Tiefsinniges abliefern, beschenkt sein Publikum aber nur mit oberflächlichem Bekanntem, das aber immerhin teilweise durch die unterhaltungsfeindliche Darbietung eher zur Identifizierung mit einem selbst führt, als es Popkornkino kann. Gut wäre der Film erst, wenn er dies auf die komplette Laufzeit schaffen würde.


Trailer,   OFDb

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen