Samstag, 29. September 2012

DIE SCHLANGENGRUBE UND DAS PENDEL (1967 Harald Reinl)


Ein Mann und eine Frau bekommen eine Einladung in das Schloss des Grafen Regula. Dieser sollte aber eigentlich tot sein. Nicht nur die Neugierde, auch persönliche Gründe veranlassen die beiden dazu, dennoch der Einladung zu folgen...


Was Hammer kann, kann Deutschland schon lang – oder etwa doch nicht?

Harald Reinl mag ja im Bereich des Gruselkrimis sowohl innerhalb der Wallace-Reihe („Der Frosch mit der Maske“, „Die Bande des Schreckens“) als auch außerhalb dieser („Der Würger von Schloss Blackmoor“, „Im Stahlnetz des Dr. Mabuse“) ein kleines Talent sein. Sein ungewöhnlicher Erzählstil verursachte immerhin eine Welle an unzähligen Kopien, und seine Werke wissen auch heute noch, jenseits unfreiwilliger Komik (wenn auch nicht komplett ohne) zu unterhalten. Aber was hat den Mann bloß geritten sich an einen Horrorfilm zu wagen?

„Die Schlangengrube und das Pendel“, angelehnt an den Kinoerfolg „Das Pendel des Todes“ (aufgrund seines plumpen Anliegens kann man diesen Vergleich wohl eher ziehen, anstatt sich an die, dem Vergleichfilm zugrunde liegende, literarischen Vorlage Poes zu klammern), ist eine filmische Unverschämtheit in den Augen des ernsthaft Horrorfilm konsumieren wollenden Genrefans. Wie so oft in solchen Fällen ist er zudem ein Glücksgriff für den Trashfan.

Was Reinl uns hier vorsetzt, in einer Geschichte die fast nichts mit der Poe-Vorlage zu tun hat, ist so unglaublich plump, dass es einem schwer fällt die richtigen Worte zu finden. Die Kulissen sind schlicht, sie und ihr Inventar (innen) und die Landschaften (außen) versprühen das Niveau eines Geisterbahn-Besuchs. Gemalte Hintergründe können ihre Herkunft nicht verschleiern. Man bekommt sogar den Eindruck als wolle man dies auch gar nicht. Die Deko erinnert an einen Besuch im Gothic-Shop. An Charme fehlt es nicht, versucht man doch krampfhaft klassische Elemente einzubringen. Totenschädel, Folterinventar, der finstere Wald, die Kostüme, das Schloss, das ominöse Amulett, ja sogar die Geschichte selbst mit ihrem wiedererweckten Grafen, ominöse Fremde die so schnell verschwinden wie sie erschienen sind, zwölf tote Jungfrauen, lange Kutschfahrten, ein unheimlicher Diener, ängstliche Bauern, unheimliche Gestalten im Wald, Falltüren, alles soll klassisches Gruselfeeling entstehen lassen, nichts davon zündet ernsthaft. 

Die eben aufgeworfene Frage, die gemalten Kulissen betreffend, kann man eigentlich auf den kompletten Film beziehen. Wollte man diese Billigkeit überhaupt verschleiern? Oder ist dieser Trash pure Absicht? Immerhin macht der Soundtrack von Peter Thomas, dem Mann der damals einen Großteil deutscher Produktionen musikalisch untermalen durfte, ebenfalls den Eindruck, dass alles mit einem Augenzwinkern gemeint ist. Der Stil Thomas' Musik ist sich meist ähnlich, da aber Ausnahmen die Regel bestätigen, kann man eigentlich den Gedanken ausschließen, Thomas könne nur in eine Musikrichtung befriedigende Arbeit leisten und läge mit seiner Komposition für einen Horrorfilm nun völlig falsch. Seine auf lustig getrimmten Gruselklänge, die ebenfalls Geisterbahnfreuden versprühen, scheinen beabsichtigt zu sein. Klar, es war der Sound seiner Zeit, vielleicht werde ich hier von unfreiwilliger Komik geblendet und sehe sie als gewollt an. Sieht man aber all das Unvermögen, welches der Film dem Konsumenten vor die Füße wirft, fühlt man sich einfach bestätigt. Dieser Film KANN doch nur Augenzwinkerei sein. Vielleicht ist es aber auch nur die Angst eines Review-schreibenden Cineasten, irgendein Hirn könne dies alles ernst meinen, was man hier vorgesetzt bekommt.

Nun, alles kann sicherlich nicht gewollt sein. Lex Barker spielt untalentiert wie immer, die endlose Kutschfahrt von etwa einer halben Stunde Laufzeit erlebt keine Höhepunkte, auf solche Fehler setzt gewiss niemand, der bewusst Trivialität auf die Leinwand zaubern will. Auch die sehr erbärmlichen Dialoge sind wohl kaum beabsichtigt, sie wären aber im Bereich des möglichen Gewollten. Sicherer hingegen scheint die Naivität der Geschichte beabsichtigt zu sein. Anspruchslose Unterhaltung zeigt sich nun einmal durch die schlichtere Umsetzung besserer Vorgaben.

Reinls Rezept geht dennoch nicht auf. Was er übersieht ist, dass andere Trivialwerke Größen kopieren. Er erzählt jedoch die schlichte Version schlichter Vorbilder. Würde er sich an Poe orientieren, könnte sein Rezept aufgehen. Aber wer sich am Stil der Wallacefilme orientiert und die bereits trivialen Hammerstudio-Produktionen auf billigere Art umsetzen will, der hat nicht verstanden was gewolltes Schundkino braucht. Und das macht den Film auch in seiner gewollten Plumpheit zunächst so unbefriedigend.

Aber das macht den Bereich der unfreiwilligen Komik so faszinierend. Sie lässt nicht nur schlechte Filme, die gerne großes Kino wären, lustiger erscheinen, sie schafft selbiges bei „Die Schlangengrube und das Pendel“. Jahre nach seiner Entstehung, zu einer Zeit in der mit der Gruppe der Tashfans eine völlig neue Art Filmfan ehemalige Kinokost konsumiert, da wird sogar schlecht erzählte freiwillige Schlechtigkeit zu einem spaßigen Produkt. Als Horrorfilm eine Niete, als gewollte Trivialunterhaltung wegen seiner Regelmissachtung ebenfalls ungenießbar (man beachte, dass der Film keine Komödie sein wollte, sondern lediglich eine augenzwinkernd erzählte Horrorversion), als Volltrash ist er heutzutage aber ein kleiner Geheimtip. „Die Schlangengrube und das Pendel“ kann sich mit „Invasion der Bienenmädchen“ und „Die Rache des Würgers“ zu den treffenden Beiträgen der Arte-Trashreihe zählen. Eine echte Genregröße wie „Suspiria“ und Romeros Zombiefilme, die sich unerklärlicher Weise ebenfalls in diese Reihe eingeschlichen haben, ist Reinls Werk nicht, auch wenn vielleicht der ein oder andere naive Genrefan darauf gehofft hat. 


Trailer,   OFDb

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