Samstag, 20. Oktober 2012

ALICE IM WUNDERLAND (Alice In Wonderland 1903 Cecil M. Hepworth u.a.)


Die kleine Alice sichtet ein weißes Kaninchen, dem sie in einen dunklen Gang folgt. Am Ende dieses Ganges liegt ein Raum mit einer kleinen Tür, der Eingang in eine wundersame Welt, in der es ganz unglaubliche Kreaturen gibt, wie eine merkwürdige Katze die sich immer wieder unsichtbar machen kann, oder eine Gruppe Spielkartenmännchen, die sich als die Soldaten einer Königin entpuppen...


Nicht alles war früher besser...

Diese sehr frühe Verfilmung des bekannten Buches „Alice im Wunderland“ ist für Nichtkenner der Geschichte schwer bzw. fast gar nicht verständlich umgesetzt. Man versuchte in 8 Minuten so viel wie möglich einzubauen und versuchte mit Texttafeln die Brücken von einer Szene zur nächsten zu bauen. Mal davon abgesehen, dass die Schrift viel früher verschwindet, als dass man sie in Ruhe zu Ende lesen kann, schafft sie es ohnehin nicht dem nichtsahnenden Zuschauer einen Zusammenhang verständlich zu machen. Klar ist nur, dass alles der Traum der kleinen Alice ist, und dass sie, bis sie erwacht, eine wundersame Welt besucht.

Das kann allerdings auch im groben reichen, um das Publikum zu unterhalten. Dies muss dafür allerdings Erwartungen zurückschrauben. Selbst dann gibt es aber auch innerhalb der einzelnen Sequenzen zu viele Fragezeichen. So bleibt für den Zuschauer, der die Buchvorlage nicht kennt z.B. unklar, was an der Teeparty so verrückt sein soll. Sie wird es einen Hauch, wenn Alice nicht mehr anwesend ist. Und auch die Spielkartenmännchen-Situation wird trotz der vorher eingeblendeter Texttafel in ihrer inhaltlichen Bedeutung nicht wirklich deutlich.

In einer vor über 100 Jahren entstandenen Verfilmung erwartet man sicherlich nicht zu viel. Aber neben der unverständlichen Handlung kommt noch erschwerend eine unbefriedigende Optik hinzu. Eine Teilschuld trägt das Public Domain-Filmmaterial, das natürlich nicht überarbeitet wurde und einem jede Menge weiße Flecken vor die Nase setzt. Dafür können die beiden Regisseure natürlich nichts. Aber auch andere Elemente sind eher störend als aufklärend:

Die Kamera steht meist viel zu weit weg, beispielsweise bei der verrückten Tee-Party, und ausgeleuchtet wurde ebenfalls schlecht. Das sind Fehler, die man zu Zeiten, als das Medium Film in den Kinderschuhen steckte, noch machte. Gerade der Beleuchtungspunkt ist deswegen klar zu verzeihen, die Kamera, die ihre Figuren zu klein im Bild einfängt, meiner Meinung nach nicht.

Spannend bleibt das Gucken mit heutigen Augen dennoch. Ähnlich wie beim 1910er „Frankenstein“ ist es zunächst einmal interessant zu schauen, wie man versuchte eine Geschichte mit Spielfilmlängen-Niveau kompakt in so wenige Minuten zu formen. So etwas hat, zumindest für interessierte Cineasten, schon seinen ganz eigenen Reiz.

Positiv, nicht nur mit dem Abstand vieler Film-erfahrener Jahre, fallen die schlichten, aber doch wirksamen Kostüme auf. Das weiße Kaninchen, das uns ziemlich zu Beginn vorgesetzt wird, zeigt das was uns „Mein Freund Harvey“ später vorenthalten sollte. Es ist schade, dass die Bildqualität so schlecht ist, denn das große weiße Kaninchen hatte ein sehr interessantes Kostüm, mich hätte da ungemein die leider nicht zu erkennende Mimik des Hopplers interessiert.

Besonders schön, da auch endlich einmal angenehm hell, fällt auch die Parkszene aus, in der Alice den Karten-Männchen begegnet. Auch ihre Kostüme sind schlicht aber wirksam zu nennen. Verkörpert werden sie von Kindern, so dass sie kleiner als Alice sind. Denn ebenso wie im berühmten „Das zauberhafte Land“ wird die Hauptfigur von einem, für unsere heutigen Sehgewohnheiten, recht alten Mädel gespielt. Aber das ist ein Zeichen seiner Zeit. Wenn man von alten Damen erzählt bekommt, sie hätten mit 18 noch geglaubt vom Küssen schwanger werden zu können, dann kann man auch verstehen, warum in so frühen Filmen die naiven Gören so alt besetzt wurden.

Mit eines der Hauptanliegen, diesen Streifen zu drehen, dürfte wohl im Anwenden und Experimentieren von Spezialeffekten gelegen haben. Z.B. die Art wie Bewegung und dunkler Hintergrund bei dem Spezialeffekt des Kleiner- und Größerwerdens helfen, ist interessant zu schauen. Allerdings meiner Meinung nach auch höchst uneffektiv, auch verglichen mit anderen Tricks seiner Zeit, teilweise auch mit welchen aus dem selben Film. Simpel sind die Spezialeffekte aus so frühen Zeiten meistens. Das Entstehen der Kreatur im 7 Jahre später entstandenen „Frankenstein“, die kompletten Tricksequenzen des 1 Jahr zuvor erschienenen „Reise zum Mond“, sie alle waren simpel aber glaubhaft getrickst. Das enorme Wachsen und Schrumpfen der Heldin Alice ist es nicht. Dafür wird aber z.B. die Grinsekatze glaubhaft, wenn auch plump, eingesetzt. Ich hätte es zwar schöner gefunden sie in einem so netten Kostüm, wie dem des weißen Kaninchens zu sichten, anstatt verkörpert durch eine echte, recht emotionslos wirkende Katze, dafür ist ihr Erscheinen und Verschwinden für seine Zeit effektiv gelungen zu nennen.

Schlussendlich ist „Alice In Wonderworld“ (Originaltitel) fast ausschließlich wegen seines Alters interessant. Das Buch oder zumindest den groben Inhalt sollte man kennen, um nicht völlig belanglos unterhalten zu werden. Aus Cineasten-Sicht ist das ganze recht interessant, unterhaltsam ist diese frühe Verfilmung jedoch kaum. Selbst wenn man das Alter des Streifens bedenkt wäre mehr möglich gewesen, auch in 8 Minuten bei gleichen Kosten.


OFDb

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen