Samstag, 20. Oktober 2012

MEIN SCHULFREUND (1960 Robert Siodmak)


In den schwarzen Stunden des Krieges entsinnt sich Ludwig Fuchs seiner Schulfreundschaft zu Göring und schreibt ihm einen Brief, in welchem er bittet den Krieg zu beenden. Ein Mitarbeiter Görings öffnet den Brief und lässt Ludwig festnehmen. Göring kann aus alter Freundschaft nicht mehr tun, als ihn für verrückt zu erklären, damit er nicht ins Gefängnis muss. Für den ersten Moment ist der gute Mann gerettet, aber nach Kriegsende erweist es sich als schwer die Diagnose rückgängig zu machen...


Kritik am Rande...

Die Geschichte ist schlicht aber interessant. Das Leben im 2. Weltkrieg und im Nachkriegsdeutschland sind Nebensache. Im Mittelpunkt steht das persönliche Problem eines kleinen Mannes, der meist das richtige tat und für das richtige stand. Dass gerade einem solchen Bürger nach Kriegsende kaum gutes widerfährt ist Teil der gesellschaftskritischen Haltung von „Mein Schulfreund“. Denn aus den eigentlichen gerade erwähnten Nebensächlichkeiten wird im Vorbeigehen allerhand herausgeholt, mehr als in moderneren Produktionen, ob Film oder Dokumentation, die sich der Thematik als Hauptziel annehmen. Das macht den Rühmann-Film so sehenswert.

Ganz nebenbei darf man erfahren, dass einer der etwas höheren Nazis nicht nur mittlerweile ein gutes Leben führt und erfolgreicher Geschäftsmann geworden ist, „Mein Schulfreund“ serviert uns die Pille mit nur einem Nebensatz noch bitterer als ohnehin, indem erwähnt wird, dass eines der laufenden Geschäfte ein Spielzeug-Laden für Kinder ist. Goldrichtig debattieren Rühmann und sein ehemaliger Gefängniswärter über die Gewichtung verschiedener Gefangenen-Typen während und nach dem Krieg und kommen zu einem ernüchterndem Ergebnis. Viele die einst Macht hatten haben sie nun immer noch. Macht lässt einen so schnell nicht los, schlussfolgert Fuchs treffend.

Diese Themen stehen wie erwähnt nie im Mittelpunkt, wirken dadurch aber auch nie aufdringlich oder zu gewollt, oder gar an den Haaren herbeigezogen, wie manch bemühtes, aber talentloses Werk der Neuzeit. Vielleicht liegt es auch daran, dass „Mein Schulfreund“ mit 15 Jahren noch im Radius liegt, den man als „nah am Kriegsende“ bezeichnen könnte und man somit noch weiß wovon man redet. Selbst in dieser ersten Zeit der Vergangenheitsbewältigung dürfte der Film einige unangenehme Themen angesprochen haben, und dies trotz der erfundenen Geschichte relativ authentisch.

In dieser Grundhaltung bildet der Film einen starken Gegenpol zu Themen-ähnlichen Werken unserer Zeit. Diese kauern nur das wieder, was von Schulzeiten an gelernt und nur durch Dritte erfahren wurde, reden dem Volk nach dem Mund, anstatt selbe Aufklärungsarbeit wie seinerzeit „Mein Schulfreund“ zu leisten, in dem man die mit Faschismus vergleichbaren Missstände der eigenen jüngsten Zeit darstellt. Hitler-Reportagen und Filme wie „Die Welle“, und mögen sie auch noch so gut sein, sind Opium fürs Volk statt Aufklärung und dienen nur dazu von heutigen Ungerechtigkeiten abzulenken.

Der Rahmen von „Mein Schulfreund“ ist der Schwerpunkt, das Hauptaugenmerk ist Nebensache. Das ist schon paradox, wirkt aber gewollt. Rühmann ist ohnehin Meister darin, sich durch Zurückhaltung unaufdringlich in den Mittelpunkt zu spielen, es klingt widersprüchlich, passt aber zur Gesamthaltung des Filmes.

Ab und an badet aber auch dieser sympathische Streifen im Klischee, beispielsweise in der Szene kurz vor Kriegsende, wenn ein alter Peiniger Hilfe erbittet. Die Grundaussage stimmt, die Szene selbst wirkt zu gewollt, wenn auch vom ganz groben Scheitern abgedämpft durch passende Kommentare wie „Und vor Ihnen hatte ich Angst.“

Die Aussagen am Rande geben einem zu denken, sie sind gut herausgearbeitet und wissen auch beim Cineasten anzukommen. Das macht aus „Mein Schulfreund“ aber noch keinen guten Film. Das Werk selbst ist, wie so häufig unter Rühmanns Beteiligung, lediglich seichte Unterhaltung, nie langweilig aber relativ belanglos in Szene gesetzt. Wieder einmal liegt es an Rühmann das Schiff nicht untergehen zu lassen, auch wenn er diesmal dank der politischen Haltung nicht ganz allein für das Positive stehen muss.

Die Nebendarsteller schwanken zwischen gut, passabel und unglaubwürdig. Erstere rücken nie zu sehr in den Vordergrund um sonderlich bedeutend herauszuragen oder Rühmann gar auf längere Zeit zu unterstützen. Gerade neutrale Besetzungen, wie jene in der Figur des Rechtsanwaltes, gehören zu den, von der Größe der Spielzeit aus gesehen, bedeutenderen Rollen.

Somit plätschert der Film vor sich hin, bietet den ein oder anderen Höhepunkt, überrascht mit der ein oder anderen Story-Wendung (z.B. dass Fuchs beginnt seine Macht als Irrer in Nazi-Deutschland auszunutzen), lahmt im letzten Drittel jedoch ein wenig. Hier passiert inhaltlich nichts aufregendes. Man stützt sich lediglich auf die Tragik des Protagonisten. Das ist wenig, liegt aber immerhin in der Hand Rühmanns, der aus dieser Miesere etwas brauchbares macht.

Erst kurz vor Schluss bekommt „Mein Schulfreund“ noch einmal einen zusätzlichen Schub, wenn Fuchs mit einer kleinen List zu seinem Recht kommt. Ein böses Ende war dem Zuschauer von damals zu dieser Thematik wohl nicht zuzumuten. Ein echtes Happy End ist es allerdings auch nicht geworden, das macht das Ergebnis wieder angenehmer.

Eine Cineasten-Pflicht ist der Film sicherlich nicht geworden. Er ist aber seichte Unterhaltung für zwischendurch, mit dem Nebeneffekt Geschichtsaufarbeitung noch aus erster Quelle und auf die richtige Art zu erfahren.


OFDb

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