Freitag, 5. Oktober 2012

DIARY OF THE DEAD (2007 George A. Romero)


Junge Filmschaffende arbeiten gerade an ihrem neuen Projekt, als sie über die Medien erfahren, dass eine merkwürdige Seuche Tote auferstehen lässt. Zunächst glaubt man nicht was man hört, aber die Realität zeigt sich schnell von ihrer bitteren Seite. Einer aus der Gruppe hält alles was passiert auf Video fest...


Ein Meister erreicht die Mittelmäßigkeit...

Das Schauen von „Diary Of The Dead“ wirft eine Frage auf: Hat George A. Romero eine plumpe Medienkritik geschaffen oder ist dies unterschwellig sogar eine sehr pfiffige? Ich glaube die Antwort zu wissen und spekuliere zu ersterem, da Romero seit „Day Of The Dead“ die Gesellschaftskritik nicht mehr unterschwellig einsetzt, er drückte sie einem seit „Zombie 2“ sehr deutlich auf.

Ich spreche dies deshalb an, weil die Art der korrekten Berichterstattung im 5. Teil von Romeros Zombie-Reihe doch mehr als fragwürdig ist. Da setzt sich ein junger Filmemacher in den Kopf die Wahrheit dessen zu zeigen, was zu Beginn einer Zombieepidemie passiert, da die großen Nachrichtensendungen die Wahrheit verzerren. Er möchte den Menschen zeigen, wie man überleben kann und aufzeigen was wirklich Fakt ist. Anstatt nun sachliche Kommentare einzubauen und die wichtigen Umstände zu zeigen, hält er ständig auf provokante und sehr blutige Ereignisse drauf. Seine Freundin, die den Film nach seinem Tod fertig stellte, untermalt die angebliche Dokumentation musikalisch.

Als Satire gemeint, wäre dies eine großartige Medienkritik. Eine Generation, die scheinbar gar nicht mehr weiß was Nachrichten sind, will es besser machen, und alles was herauskommt ist ein reißerischer Beitrag mit manipulativer Musikuntermalung. Romeros Werk hinterlässt nie den Eindruck, dass das was seine Helden in Teil 5 tun, satirisch gemeint wäre. Viel mehr scheint er die großen Nachrichtenkonzerne anprangern zu wollen, und das so dick aufgetragen, dass es nur noch als plump zu bezeichnen ist. Was seine Figuren treiben scheint legitim.

Schade! Anstatt aufzuklären orientiert er sich an den Sehgewohnheiten des Publikums. Ein Publikum, welches von den Medien sogenannte Nachrichten auch wirklich für Nachrichten hält. Dort wandern gerne Gefühle der Moderatoren und Reporter in die Sendung ein, voyeuristisches Bildmaterial wird verwendet, Spekulationen werden eingearbeitet, und im Zuschauer möchte man gerne Gefühlsregungen wecken. Was das ganze noch mit Fakten zu tun hat? Höchst wenig! Nachrichten und Boulevard-Magazin vermischen sich immer mehr. Aufklärung täte hier wirklich Not.

Da hat Romero wirklich eine große Chance vertan. Aber das hat er im Unterhaltungsbereich ebenfalls, und der ist in einem Zombiefilm nun einmal wichtiger als die Gesellschaftskritik. Also ist all das Meckern über vertane Chancen im Aufklärungsbereich eher zweitrangig, und einem guten Film würde dennoch nichts im Weg stehen. Aber Romero findet einfach nicht zu seiner alten Qualität zurück. Zwar ist „Diary Of The Dead“ recht unterhaltsam, und damit wieder wesentlich besser als der vergeigte „Land Of The Dead“, aber Romero lässt nicht einen Hauch von Qualität aufblitzen.

So stellt sich zum Beispiel die Frage, warum der Zombiemeister auf den fahrenden Zug des semidokumentatorischen Erzählstils aufspringt, wenn er diese Art letztendlich ohnehin wieder zur klassischen Methode werden lässt, in dem er Musik einbaut und eine zweite Kamera zum Wechsel der Perspektive. Damit ist die Echtheit eines „[Rec]“ oder „Cloverfield“ längst wieder über Bord. Ich denke dass diese Art zu drehen durchaus seinen Reiz hat und noch viele Möglichkeiten offen lässt. Romero scheint mit dieser Herangehensweise allerdings nicht experimentieren zu wollen, sondern suchte den Mittelweg aus Semi-Doku und klassischer Erzählweise. Das hat mir persönlich nicht so gut gefallen.

Die Figuren aus „Diary Of The Dead“ sind einem beim Sichten egal. Der Filmer nennt Gründe für sein Tun, die ich nicht nachvollziehen kann und eher für geheuchelt halte. Die Heldin bleibt auf emotionaler Distanz zum Zuschauer und schafft es trotz ihrer dauerhaften Präsenz nicht, dass man zu ihr hält. Der einzig erwachsene Charakter in einem sonst leider auf Jugend angelegten Cast wird dafür verheizt gut schießen zu können und zu zeigen, wie er ewig Ausschau nach Alkohol hält. Gerade sein Präsenz hätte anders charakterisiert die Runde sehr bereichern können.

Ebenfalls fällt negativ auf, dass keiner der Reisenden glaubhafte Gründe vorweisen kann, die Tour in dem Kleinbus mitzumachen. Die Hälfte hat angeblich weder Familie noch Freunde, die andere Hälfte lässt sich auf eine Reihenfolge ein, zu welcher Familie man wann zuerst tuckert. Keiner scheint sich ernsthaft Sorgen um seine Verwandten zu machen. Keiner scheint ernsthaft Angst zu haben. Haben die Teens die Situation nicht begriffen? Scheint so, obwohl sie eigentlich genau solche Leute über das Internet aufklären wollen.

Für die Reihe wäre es besser und einheitlicher gewesen, von einem klassisches 60er Jahre-Filmteam zu erzählen, mit jeder Menge Filmrollen im Gepäck, um den Film zu jener Zeit spielen zu lassen, zu der Romeros Reihe mit „Die Nacht der lebenden Toten“ auch losging. Das hätte aber wahrscheinlich zu viel Geld für die Kulissen gekostet und das Drehbuch dazu wäre auch eine Spur schwieriger zu schreiben gewesen. Es ist auch nicht wirklich wichtig, ob Teil 5 nun in diese seit Teil 4 unzusammengehörende Filmreihe passt oder nicht. Es wäre nur einfach schön gewesen, wenn man es beachtet hätte.

Zumindest macht Romero nicht alles falsch. So ist sein Seitenhieb auf die modernen Zombiefilme mit rennenden Untoten ziemlich zu Anfang des Films wirklich gelungen. Und auch nur dort positioniert konnte die Kritik fruchten. Romero arbeitet nämlich mit Köpfchen um die Konkurrenzprodukte bloß zu stellen. Davon hätte der restliche Film auch ein wenig gebrauchen können.

Zwischendurch gibt Romero kleine Denkanstöße für denkfaule US-Teens, wie die Frage, warum man sich krampfhaft von den Eltern abkapseln will, aber Freunde liegen lässt und Familie schleunigst aufsucht, sobald etwas Schwerwiegendes passiert. Das rüttelt nicht wirklich auf, wirkt aber auch nicht fehl am Platz. Einzig wirklich negativer Punkt ist die letzte Szene, in der Romero ein Thema anspricht, dass wir seit Teil 1 erleben durften, diesmal nur reißerischer und blutiger umgesetzt, und damit nicht mehr glaubhaft als Kritik zu betrachten.

Romeros Film ist übrigens nicht nur dort blutig ausgefallen. Gorehounds werden einige gut gemachte Effekte entdecken. Sie sind über den Film etwas rarer verteilt als in den anderen Teilen seit „Zombie“, über die optische Umsetzung kann man aber wirklich nicht meckern. Dafür aber darüber, dass sie viel zu oft zum Selbstzweck eingesetzt werden, einfach nur um dem blutgeilen Publikum von heute wieder „was geiles“ zu zeigen. So darf man völlig sinnlos das Spalten eines Kopfes sichten, ein Schießeisen wird im Körper eines Untoten steckend weiter genutzt und vieles mehr. Dies passiert jedoch nie den Umständen entsprechend, sondern schlichtweg um den Zuschauer zu unterhalten. Das ist schon fragwürdig und primitiv.

Spannung kommt nie wirklich auf. Dennoch wirkt der Film nie uninteressant. Er ist kurzweilig zu schauen, hinterlässt aber auch keinen bleibenden Eindruck. Immer wieder entdeckt man inhaltliche oder inszenatorische Fehlentscheidungen, mit denen man Chancen verpatzte aus „Diary Of The Dead“ einen wirklich guten Beitrag zu machen. Der religiöse Taubstumme sei nur einmal ein Beispiel aus einer langen Liste. Er war ein interessanter Charakter aus einer anderen Kultur, hätte mehr Klotz am Bein als wirkliche Hilfe sein können, aber statt dies für den Spannungsbogen auszunutzen, darf er nach getaner Arbeit sterben.

„Diary Of The Dead“ ist wieder eine Spur besser als der vergeigte „Land Of The Dead“. Aber er ist ein seelenloses Schnellschusswerk für das anspruchslose Publikum von heute geworden. Dem wird immerhin geboten was es sehen will, in einer Umsetzung, die trotz etlicher Defizite keine Langeweile aufkommen lässt. Dem Freund von Romeros ersten drei Zombiefilmen und dem Remake von Teil 1 wird dieser Teil 5 kaum noch gefallen, vielleicht sogar gar nicht mehr. Romero mischt lediglich in der aktuellen Zombiewelle mit ohne neue Ideen umzusetzen und ohne seine alten für den Sehwert gewinnbringend zu wiederholen. Stände nicht der Name Romero drauf, wäre er nur eine dieser vielen namenlosen, manchmal guten, Produktionen der letzten Jahre. Romero und sein Stil sind nicht nur out, sondern auch nicht mehr glaubhaft oder künstlerisch wertvoll. Es wird höchste Zeit, dass „28 Days Later“ eine zweite Fortsetzung bekommt.


Trailer,   OFDb

Kommentare:

  1. Ich muss sagen, dass mir von den "neuen" Romero-Zombies dieser noch am liebsten ist. Vor allem "Survival Of The Dead" hat bei mir beinahe für eiternden Ausschlag gesorgt.

    Deinen letzten Satz unterschreibe ich im übrigen voll und ganz.

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  2. Survival Of The Dead werde ich mir auch gar nicht mehr geben! Dafür waren die beiden Vorgänger schlichtweg zu plump.

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