Freitag, 16. November 2012

KROKO (2003 Sylke Enders)


Julia ist Teenager, nennt sich Kroko und geht mit Freundinnen aus ihrer Clique für Nebenverdienste klauen. Als sie eines Abends gemeinsam mit Freundinnen von einem netten, jungen Mann nach der Disco mit dem Auto mitgenommen wird, nutzt die führerscheinlose Kroko an einer Tankstelle die Gunst der Stunde und ergreift sich die Position des Fahrers. Der Besitzer muss hilflos hinten einsteigen, und während einer daraus resultierenden Diskussion fährt Kroko einen Mann an. Das sind dem Gericht der Straftaten zu viel, und so wird die Jugendliche dazu verurteilt Sozialstunden in einer Behinderten-WG abzuleisten. Sehr langsam freundet sich die coole Gangster-Braut mit den Bewohnern und ihren Betreuern an. Und langsam beginnt sie zu begreifen, dass ihr Freundeskreis und ihre Art zu leben doch nicht so das Gelbe vom Ei ist...


Kleine Einsicht...

„Kroko“ ist ein sehr authentisch gehaltenes Jugend-Drama, was mitunter an der Besetzung von Laien-Schauspielern liegt, ein Rezept, dass auch dem französischen „Hass“ zu einem guten Ergebnis verholfen hat. Eben wegen der zwei Aspekte Problemkind und Behinderte erfreut es einen Film zu sehen, der nicht nur nicht im Klischee badet, sondern auch noch kaum eines streift. Enders Film wirkt aus dem Leben gegriffen und ehrlich und geht dafür auch psychologisch glaubwürdig vor.

So stammt Julia nicht aus dem Haushalt einer übertriebenen White-Trash-Famile. Und man kann beobachten, dass sie geistig mehr drauf hat, als die Clique, zu der sie gehört. Auf der anderen Seite ist Kroko aber auch kein intelligentes Mädchen. Ihre Aha-Momente kommen langsam und ihre Fortschritte innerhalb der Geschichte sind minimal zu nennen, bis hin zum Schluss. Die Verantwortlichen des Filmes schienen den Zusammenhang von Intelligenz und der Sprachgewandtheit zu wissen, und so passt Krokos Denkfähigkeit ziemlich exakt zu ihrem Artikulationsvermögen. Halbe Sätze, nicht fähig zur echten Diskussion, ohnehin wenig reden, auf diese Art kann man auch nur schwerlich nachdenken und somit zu Lösungsmöglichkeiten der eigenen Probleme kommen.

Das Umfeld Krokos ist realistisch gehalten. Sie hat eine überforderte Mutter, die einen neuen Freund hat. Dieser ist kein Asi, die Mutter keine Schlampe, nichts dergleichen wie man es aus Filmen wie „Hass im Kopf“ oder US-Dramen kennt. Kroko wohnt halt in einer sozial ärmeren Ecke, da bedarf es keiner Prolo-Familie um so zu werden, wie sie wurde.

Die Freunde in der Clique sind ebenso individuelle und glaubwürdige Figuren, wie die Bewohner der Behinderten-WG. Der Betreuer ist ein teetrinkender Öko, aber eben nie zu übertrieben und eben so, wie er innerhalb seines Berufes auch glaubwürdig ist. Er ist ein geduldiger Mensch, sowohl mit den Mitbewohnern, wie auch mit Kroko selbst. Er nähert sich dem fehlgeleiteten Mädchen mit Zurückhaltung, gibt ihr in seinem Stil auch mal coole, provozierende Antworten, hört sich ihre Probleme an, ohne gleich den großen Helfer zu spielen, letztendlich weiß der Mann halt, dass Kroko nicht viel anders ist, als die Bewohner.

Vielleicht fehlt „Kroko“ hier der Mut zum letzten Schritt Julias Situation als das zu bezeichnen, was sie ist: eine soziale Behinderung. Im Gegensatz zu anderen Behinderungen ist diese zu heilen, aber ein Film wie „Kroko“ zeigt auch ehrlich, wie langsam dies vonstatten geht.

Leider manipuliert Enders ihr Rezept ein wenig, damit einem die junge Julia im Laufe der Geschichte sympathischer wird. Aus diesem Grund ist der Film in meinen Augen auch nicht so genial, wie er hätte werden können. Die Julia aus der zweiten Hälfte ist eine abgeschwächte Form der Julia aus der ersten Hälfte. Und dies nicht, weil sie sonderliche Entwicklungsschritte hinter sich hätte, sondern schlichtweg weil die bösen Charaktereigenschaften, die sie nach der ersten Hälfte noch besitzen müsste, schlichtweg ausgeblendet und verharmlost werden.

Der Drang zum Diebstahl wird dadurch sympathischer dargestellt, dass er zum Zwecke eines Geschenkes für die kleinere Schwester ist und dadurch, dass Kroko sich um diese kümmert. Der Kommando-Ton der Freundinnen gegenüber wird fallen gelassen und beschränkt sich nur noch auf coole Antworten. Und der Freund darf sie erst in der zweiten Hälfte schlagen, damit ihre Opferrolle deutlicher wird. Warum man dies in der ersten Hälfte ausblendete war klar: so ist der Weg zur Sympathie Krokos leichter zu schaffen. Dass dadurch aber auch eine Unglaubwürdigkeit, bzw. ein Riss im Erzählmuster entsteht, hat man entweder nicht verstanden oder schlichtweg in Kauf genommen.

Nichtsdestotrotz ist „Kroko“ ansonsten glaubwürdig, griffig und echt, und das ist er in erster Linie durch die Darsteller, allen voran Franziska Jünger als das titelgebende Mädchen. Sie spielt konstant auf cool, und in den richtigen Momenten zeigt sie kleine Anflüge mimischer Verletzlichkeit auf. Am Ende erleben wir schließlich eine Teenagerin, die auch mal wieder lächeln kann. Nun hat sie ja auch eine Perspektive, eine, die sich von ganz allein in ihrem Umfeld anbot und nur entdeckt werden musste.

Das ist ein großer Schritt für ein solch dummes Mädchen wie „Kroko“. Aber man erkennt, dass sie Potential zu mehr hat, vielleicht wird aus ihr irgendwann eine junge Frau, welche die Fähigkeit zum durchschnittlichen Denken hat. Doch bis es soweit ist, muss sie noch lernen sich mitteilen zu können. Aus einer bösen Situation mit einem epileptischen Rollstuhlfahrer hat sie immerhin etwas anderes wichtiges gelernt: mit dem was wir im Leben tun tragen wir eine Verantwortung. Jede Tat hat Konsequenzen.


OFDb

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