Mittwoch, 28. November 2012

PESTIZIDE - STADT DER ZOMBIES (Les Raisins de la Mort 1977 Jean Rollin)


Claudia wird im Zug von einem grausig aussehenden Mann attackiert. Als sie nach draußen flüchtet, muss sie feststellen, dass sich eine Seuche über die Gegend breit gemacht hat. Aufgrund eines nicht zugelassenen Pestizids erkrankt jeder zur mordlüsternen Bestie, der vom Wein und seinen Trauben gekostet hat...


Das hässliche Entlein...

"Foltermühle der gefangenen Frauen", der eigentliche deutsche Name dieses Films, ist ein ungeheuer dämlicher und peinlicher Titel. Auch der Alternativtitel "Zombies geschändete Frauen" klingt nicht vielversprechender. Hätte ich nicht im Internet gelesen, dass hinter diesem schundigen Titeln eine kleine Horrorperle lauert, hätte er wohl nie eine Chance von mir bekommen. Dieses Werk ist weder ein Frauenfolterfilm noch ein Zombie-Horror. Und so trifft es der harmloseste aller Titel, "Pestizide - Stadt der Zombies" am ehesten. Auch hier wird zwar mit Zombies in die Irre geleitet, dafür erfahren wir aber bereits von den Pestiziden, die (und so jetzt die echte Story) einen Wein vergifteten, woraufhin viele Dörfler vor sich hinfaulen und zu Mördern mutieren.

"Pestizide" ist vom Stil her dann auch wie die guten alten Europa-Zombiefilme gedreht und etwas zombieartig sind die Ökomutanten schon. Der Vergleich ist also nicht ganz falsch und lockt zumindest das richtige Publikum. Wer an "Ein Zombie hing am Glockenseil", "Woodoo – Schreckensinsel der Zombies" oder "Invasion der Zombies" (der italienische, nicht der mexikanische Catcherfilm) nichts finden konnte, wird auch hier nicht glücklich, der Fan harter Horrorfilmkost aber sehr wohl.

Es gibt allerhand Ekel-Effekte, es gibt die typisch billige Europafilm-Atmosphäre dieser Zeit, und es gibt eine typisch dünne Geschichte. Dass die Befallenen hier im Vergleich zu Zombies niemanden fressen und lediglich aus Raserei töten, ist eigentlich ziemlich schnuppe. Es wird hart getötet und dank des Verschimmelns der Täter sieht das ganze auch recht monströs aus. So bekommt der Film nicht die Wirkung eines "Maniac City", in welchem die mutierten Amokläufer wie ganz normale Menschen aussehen.

Im Gegensatz zu Schundwerken (ich bleib zum Vergleich mal im Zombiebereich) wie "Zombies unter Kannibalen" und "Hölle der lebenden Toten" weiß "Pestizide" seine simple Geschichte schön zu verpacken. Die blutigen Effekte geschehen nicht alle Nase lang, werden also nicht zum wichtigsten Bestandteil des Filmes. Damit hebt sich "Pestizide" schon einmal von Werken wie "Zombie 3" ab.

Wie so oft im europäischen Horrorfilm dieser Zeit haben wir auch bei unseren angeblich geschändeten Frauen eine wunderbare Kulisse. Wir sehen Frankreichs malerische Landschaft, Weingüter und Dörfer, die schon mehr Ruine als Wohnort sind. Das schafft eine stimmige Atmosphäre. Ebenfalls positiv wirkt die straffe Einhaltung der geringen Dialoge. Hier wird nicht geschwätzt wie im modernen Horror, im Gegenteil, hier wird sehr wenig geredet. Es herrscht viel Schweigen, es wird viel gejagt, verfolgt und versteckt.

In den Szenen, in denen dann mal geredet wird, sind die Dialoge leider meist billig. Das ist aber, ebenso wie die mangelnde Schauspielkunst, typisch für Filme dieser Art zu dieser Zeit. Wenn man aber darauf vorbereitet ist, und mit diesen Mängeln bereits beim Sichten rechnet, kann man trotzdem jenseits echten Trashs gut unterhalten werden.

Die Hauptrolle spielt ihre Daueropferrolle für ein Werk dieser Art recht gut. Der komplette restliche Cast ist jedoch die maue bis dilettantische Darstellung typischer europäischer Nichtschauspieler, die dennoch schauspielern. Da der Film ein typisches europäisches 70er Jahre-Werk ist werden ständig unnötig weibliche Reize gezeigt. Aber darüber schmunzelt man kurz und im nächsten Moment ist es dann auch verziehen und vergessen.

Die Musik schwankt zwischen halbnervigem Geklimper und halb wirksamer Unterstützung. Am effektivsten ist "Pestizide" eigentlich immer dann, wenn die Musik pausiert. Die dünne Geschichte, die sie untermalt, stört nicht weiter, denn der Film ist einfach toll erzählt. Wir begleiten eine Frau, die in einem Zug von einem Mutanten attackiert wird. Daraufhin verlässt sie das Gefährt und stolpert durch die Walachei. Hier trifft sie ständig auf Leute, mit denen sie nur kurz zu tun hat. Ob es ein Haus ist, in dem sie Schutz vermutet, ob es eine Blinde ist, die für kurze Zeit ihre Verbündete wird, sie ist Identifikationsfigur und ihre Wegbegleiter sind Gäste innerhalb der Geschichte.

Ich mag Filme, die sich nur auf eine Figur konzentrieren, und diese fast episodenhaft durch einen Film jagen. Das gefiel mir auch an der ersten Stunde von "Dagon" sehr gut, und das ist meines Erachtens der Haupttrumpf an der ersten Hälfte von "Tanz der Teufel 2". Trotz dieser Erzählartkommt es kaum zu Wiederholungen, ein Manko das man bei dieser Herangehensweise vermuten könnte. Manche Leute entpuppen sich als Mutanten, andere sind der Hauptdarstellerin gegenüber misstrauisch, andere wiederum wollen unsere Heldin beschützen. Trotz seiner trockenen Art bleibt "Pestizide" also immer flott und hat immer etwas zu erzählen.

Wenn die Heldin durch die Natur stapft, der Weg sehr weit ist und dadurch eine kurze Zeit lang einmal nichts passiert, ist das höchst atmosphärisch eingefangen. Wer über solche Szenen mault und argumentiert, sie würden einen Film lediglich strecken, verkennt die Möglichkeiten des Kinos und sollte lieber computeranimierten Action-Horror von heute gucken. Für einen europäischen Fast-Zombiefilm wird sehr viel Wert auf hübsche Kulissen, tolle Kameraeinstellungen und spannende Atmosphäre gelegt.

Wie erwähnt wird das Szenario dabei trotzdem öfters blutig (und wie typisch bei dieser Art Film auch sinnlos blutig). Die handgemachten Effekte sind hübsch anzusehen, vorrausgesetzt man hat einen starken Magen. Im Vergleich zu Fulcis Werken ist "Pestizide" in diesem Punkt wiederum harmlos. Die Mutanten sind billig zurecht gemacht, verfehlen aber nicht ihre Wirkung. Da gibt es mal schlechter, mal besser gemachte Mutationen, aber Grund zu maulen ist eigentlich nicht gegeben.

Was bleibt ist also kurzweilige und atmosphärische Unterhaltung für Freunde harter Horrorfilme aus der guten alten Zeit. Von den peinlichen deutschen Titeln, die dieses verkannte Werk erhalten hat, sollte man sich nicht beeinflussen lassen. Frauen werden hier nur so als Opfer behandelt, wie es in fast jedem Horrorfilm der Fall ist. Und ich denke niemand würde von einem "Wrong Turn - Geschändete Frauen" oder einen "The Hills Have Eyes - Geschändete Frauen" reden, auch wenn es in gewisser Hinsicht ansatzweise passen würde. Gegen Ende von "Pestizide" ist es ohnehin nicht mehr nur das weibliche Geschlecht, das zu leiden hat.

Wären die Dialoge nicht typisch mau bis dumm, weniger Nacktheit im Film und die Darsteller besser, würde sich Rollins Mutantenwerk kompromissloser gucken. Trotz seiner Mankos und einem unverständlichen Schluss ist er jedoch trotzdem ein wahrer Tipp seines Genres und jedem Horrorfan ans Herz gelegt. 


Trailer,   OFDb

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