Sonntag, 23. Dezember 2012

THE EYE - MIT DEN AUGEN EINER TOTEN (Gin gwai 2002 Danny Pang u.a.)


Mun ist seit Kinderzeiten blind. Nun nach einer neuartigen Operation kann sie wieder sehen. Doch das neue Transplantat hat es in sich, denn von nun an kann Mun auch Geister sehen...


Dann lieber ein Schwarzseher sein...

Ein großer Wurf ist den Pang-Brüdern mit „The Eye“ nun nicht gelungen. Dafür folgen sie viel zu treu der Erfolgswelle von „Ju-on“ und „Ring“, und das auch noch zu einem Thema, das in seiner Art auch nicht unbedingt neu ist. Es gab also keine großen Innovationen, und das muss in einem Geisterfilm auch nicht unbedingt sein. Immerhin bietet die Story einen netten Aufhänger und erntet gerade aus der Idee, dass die Protagonistin früher blind war, jede Menge netter amateurpsychologischer Ideen.

Zunächst dümpelt der Film ein wenig vor sich hin. Er lässt sich Zeit zu erzählen, was zunächst geschah und stellt die Personen vor. Dennoch steigt „The Eye“ recht früh ins tatsächliche Geschehen ein, halt nur recht ruhig und leider noch ohne wirksamen Spannungsaufbau. Obwohl der Charakter der Hauptfigur recht oberflächlich behandelt wird, kommt eine gute Identifikation mit ihr auf, immerhin wird recht sensibel auf den jeweiligen Zustand der Frau eingegangen, was ihr Gefühlsleben stets nachvollziehbar sein lässt.

Nach einiger Zeit wird der Film auch spannend, bietet auch einige wenige Schockmomente, will diese aber nicht zum Hauptbestandteil werden lassen. In der ersten langen Phase nutzte man viel mehr das Spiel der Möglichkeiten, wo unsere Heldin überall auf Geister stoßen kann und erweitert diese Idee mit der Erkenntnis darüber, wie schwer die Untoten zu ignorieren sind. Der „mein Stuhl“-Geist, der Tote im Fahrstuhl, das sind nur zwei Beispiele einer wirklich netten Idee, die man konsequent verfolgte.

Einen psychologischen Trumpf bietet der Film in jener Szene, in der sich die Hauptperson auf einem Foto nicht erkennt. Dies ändert die Sichtweise, und man ist gewarnt mit allem rechnen zu müssen, was diese in einer U-Bahn spielenden Situation zu einem der besten Momente des Filmes macht.

Kurz nach dieser Szene kippt der Film allerdings um. Von nun an geht es a la „Ring“ darum den Spukhintergrund zu erfahren und den Spuren des Geistes zu folgen. Hier wird „The Eye“ nun viel zu routiniert. Aus einem halbwegs spannenden Film wird für meinen Geschmack etwas zu viel Fantasy-Kitsch. Es würde mich gar nicht wundern, wenn das weibliche Publikum im Durchschnitt mehr von diesem Werk angetan ist als das männliche.

Spannung muss der Dramatik weichen, generell nicht verkehrt, aber die Dramatik wirkt zu märchenhaft. Mag sein, dass dies auch kulturell bedingt ist, und Menschen aus Hongkong das höchst nachvollziehbar finden, als Europäer ging es mir jedoch nicht so. Richtig schlecht wird der Film in diesem letzten Drittel nicht, er wird nur eine Spur zu banal.

Immerhin weiß „The Eye“ nach dem zunächst vermuteten Schluss erneut zu punkten. Hier erwacht die Protagonistin nun in einem Bus, der Beginn einer sehr atmosphärischen Szene. Die Optik ist nicht ganz unschuldig an dieser gelungenen Atmosphäre, aber das ist ohnehin ein Lob, das für den ganzen Film gilt. Die Kamera fängt dauerhaft tolle Bilder ein und lässt den Film phasenweise sogar zu einem kleinen Kunstwerk werden. Diese Wirkung wird manchmal auf recht simplen Weg erzielt, beispielsweise in der besagten Bus-Szene, wenn durchsichtigen Personen sich dort auf der Straße positionieren, wo sie die zukünftigen Opfer empfangen. Das ist kein großer Spezialeffekt, aber ein wirksamer. Und darauf kommt es letztendlich an.

„The Eye“ kann man durchaus gucken, so als kleiner Grusler zwischendurch, man sollte allerdings keinen Meilenstein erwarten. Im Prinzip ist die Geschichte dafür zu überraschungsarm und konzentriert sich zu sehr auf gewohnte Elemente. Man guckte von seinen Vorgängern allerdings gekonnt ab, was heißen soll, dass man wusste diesen Klau auch atmosphärisch richtig umzusetzen. Belohnt wird man für seine Genretreue mit teilweise künstlerisch wertvollen Bildern und einer Hauptfigur mit Seele.

Wenn unsere Heldin ihr Zimmer dunkel macht und sich die Sonnenbrille aufsetzt, weil sie endlich wieder blind sein will, ist das ein emotional starker Moment, so kunstruiert er auch sein mag. Mit dem Abrutschen auf Fantasy-Kitsch wird die Gesamtatmosphäre leider etwas zerstört, so dass das Ergebnis nicht mehr als sympathische Routine geworden ist. Aber das ist ja auch mal okay.

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