Sonntag, 3. Februar 2013

HUMAN CENTIPEDE - DER MENSCHLICHE TAUSENDFÜSSLER (The Human Centipede (First Sequence) 2009 Tom Six)


Zwei Amerikanerinnen geraten in ihrem Urlaub in Deutschland in die Fänge des Wissenschaftlers Dr. Heiter, der von der fixen Idee besessen ist einen menschlichen Tausendfüßler zu kreieren...


Japanisches Holland...

Es fängt alles so klassisch an mit zwei dümmlichen US-Teens, einer Reifenpanne, dem Gang durch einen unheimlichen Wald und die trügerische Rettung in Form eines einsamen Hauses und dessen Bewohners. Bewusst führt Tom Six den Zuschauer an der Nase herum, soll dieser doch glauben den x-ten Aufguss der immergleichen Horrorgeschichte zu sehen, und so wird er auch bei den Ausführungen der irren Pläne des Arztes nicht im Traume daran glauben, dass dieser mit seiner wahnsinnigen Idee Erfolg haben soll.

Aber das hat er, und so wirft „The Human Centipede“ einen in eine grauenvolle Vorstellung, für die es sicherlich mehr als schwierig war bereitwillige Schauspieler zu finden, sprich Darsteller außerhalb der Porno-Branche. Regisseur Six wollte echte Schauspieler, und die mussten nicht gerade wenige Sequenzen mit Mund am Arsch spielen, welch fiese Vorstellung, aber noch wesentlich harmloser als die Fiktion, für welche sie diesen Schritt gehen müssen.

Denn was nach der Operation an Perversion gezeigt wird, knallhart durchgezogen entlang der auslösenden Idee, ist mehr als das Degradieren von Menschen zum Tier. Es ist mehr als die Opferrolle einer ungewollten Operation. Was der Film zeigt ist eine Demütigung, die sich nur schwer im Kopf des Zuschauers begreifen lässt, weshalb dieser ziemlich verstört dem unglaublichen Treiben auf der Leinwand folgt. Verstört und angeekelt schaut man sich fasziniert das abartige Treiben freiwillig an, zumindest das Stammpublikum, gab es bei Kinovorführungen doch genug Leute, die den Saal verließen und sich verarscht vorkamen von einem geschmacksgestörten Künstler, der in ihren Augen nur geisteskrank sein konnte.

Das ist der gute Mann sicherlich nicht, aber was er uns hier zeigt ist schon keine Provokation mehr, das würde voraussetzen nur mit Andeutungen zu schocken. Six lebt die abartige Idee in fast aller Konsequenz aus und erspart uns lediglich intime Details der menschlichen Körper und damit auch das Ausscheiden von Essen oder den inneren Vorgang von Nahrung, die durch drei Körper geleitet wird.

Irgendwo konsequent, in Kleinigkeiten wieder inkonsequent, zeigt uns der Europäer das, was man in Amerika so nie umsetzen könnte. Wenn ein Film von einem US-Remake verschont bleiben dürfte, dann „Human Centipede“, zumindest müsste der Streifen hierfür stark abgewandelt werden. Ein Blick nach Japan macht da schon eher Sinn, wo recht vulgäre Extrem-Schocker zur Tagesordnung gehören, und so ist es sicherlich kein Zufall, dass ein Japaner den menschlichen Tausendfüssler anführen darf.

Dieser spricht kein Wort deutsch, was zwar definitiv eine gute Entscheidung war, aber im Widerspruch dazu steht, dass die amerikanischen Girlies ständig eingedeutscht vertont wurden. Das ist so inkonsequent wie das bedeckte Hinterteil des Tausendfüßlers. Durfte zum Schutz der Schauspieler durch inhaltliche Logik der Kontakt von Mund zu Hintern mit Bandagen bedeckt werden, da der Heilungsprozess der Operation noch im Gange ist, so hätte die hintere Schauspielerin konsequenter Weise unten herum nackt spielen müssen, was im Herstellungsland Holland sicherlich kein Problem gewesen wäre, weshalb sich die Frage stellt, warum man eine echte US-Schauspielerin gecastet hat anstatt eine freizügige Niederländerin diesen Berufes.

Denn was nutzt es mit seinem Film derart provozieren zu wollen und ohne Frage auch tatsächlich Grenzen einzureißen, wenn man an solchen Kleinigkeiten die Inkonsequenz offenbart und diese Details nicht konsequent weitergedacht wurden? Diese letzten Schritte hätte Six dann auch noch gehen können, um die Grenze zwischen Leinwand-Illusion und tatsächlich empfundenem Ekel endgültig zu brechen.

Nah dran ist er, das will ich ihm gar nicht absprechen. Sein Film ist eine Herausforderung, und man wird ihn sicherlich so schnell nie wieder vergessen bei all dem, was vom Zuschauer abverlangt wird. Das macht eine Kritik auch so schwierig, möchte man doch nicht dar stehen als jemand, dem man es nie recht machen kann, selbst wenn jemand so konsequent daher kommt wie Regisseur Six. Zumal es am eigentlichen Unterhaltungswert nichts zu bemängeln gibt. Höchstens ein sehr abgestumpfter Geist könnte das was er sieht als langweilig empfindet, wenn „Human Centipede“ nach geglückter Operation recht langsam voranschreitet.

Erst durch diese ruhige Erzählweise gehen Dramatik, Ekel und Spannungsbogen eine Symbiose ein, die den Film über seine Laufzeit tragen kann und in welcher alle drei Elemente perfekt zum Erblühen gebracht werden. Der provozierende, dramatische und der spannungsgeladene Teil sind somit definitiv in trockenen Tüchern. Hapern tut es an anderer Stelle, beispielsweise wenn eines der US-Mädels noch dümmlicher agiert als man es ohnehin schon gewohnt ist.

Dass man im fremden Land bei einer Autopanne nicht einfach im Auto sitzen bleibt, oder falls nicht passiv handeln wollend zumindest die Straße entlang geht anstatt mitten durch den Wald zu laufen, ist eine Unlogik die schon Klischee und damit sicherlich von Regisseur Six als Täuschungsmanöver gewollt ist. Warum die eine Teenagerin sich nach einem geglückten Befreien aus der Gefangenschaft jedoch derart dusselig verhält, dass man es nur noch als vollkommen irrational bezeichnen kann, will mir nicht ganz klar werden.

Sicher, der Fluchtversuch soll vorgaukeln der Film liefe nun nach Schema F ab, aber da hätte man die Frau auch klüger agieren lassen können. Oder man hätte sie im betäubten Zustand flüchten lassen sollen, dann gäbe es wenigstens eine Erklärung für ihre vollkommen idiotischen Taten. Allerdings hätte ihr dann die Kraft gefehlt ihre Freundin retten zu wollen, was auf die Art und Weise wie sie es versucht zum absoluten Tiefpunkt der Logik von „Human Centipide“ wird.

Diese Ausrutscher schaden dem Film ungeheuerlich, so dass man sich zu Recht fragen darf, warum man in Sachen Logik bei der Operation so dringend die Nähe zur Realität suchte, während solche gerade beschriebenen Momente nicht nur völlig unsinnig sind, sondern im Zelebrieren der Dummheit ein Nerv des Zuschauers getroffen wird, der ihn fast dazu bringt das Handtuch zu werfen, weil es eine Beleidigung an den menschlichen Verstand darstellt. Selbst der Stammkonsument vom Kaufland würde sich nicht so saudumm anstellen, wie das US-Teenie-Girl, eine Figurengattung von der wir im Horrorfilm schon so einiges gewohnt sind.

Damit geht der Film eine interessante Verwandtschaft zu „Hostel“ ein, so wie sich Unsinn in der einen Filmphase und Wirkung der anderen gegenüber stehen. Und wie soll man da gerecht über einen Film urteilen? Man fühlt sich als Filmrezensent hin und her gerissen.

Was manch anderer am Film auszusetzen hat, z.B. dass der böse Wissenschaftler ein Deutscher sein muss, dessen Parallelen zu Mengele nicht zufälliger Natur sein werden, sind zumindest gewollte Elemente von Six. Ob man sie nun gutheißt oder nicht, der Regisseur hat sich etwas dabei gedacht. Selbst das völlig überagierende Spiel des Arztes ist gewollt grotesk (und meiner Meinung nach auch einer der Pluspunkte des Streifens). Die hirnrissigen 10 Minuten Flucht mit allem drum und dran sind nicht durchdacht, und nach meinem Empfinden vom Regisseur anders gemeint als es wirkt und damit ein berechtigter Kritikpunkt.

Der Unterschied liegt in der Realitätsnähe der Situation in welcher er Fehler begeht und den fehlerfreien Sequenzen in der sehr abgehobenen surrealen Idee des menschlichen Tausendfüßlers, die jegliche menschliche Vorstellung und Emotion sprengt. Hier regiert das Groteske, die Psychologie solcher Szenen entdeckt sich durch das nie zuvor Gezeigte selbst. Aber die Psychologie in jener Filmphase, die noch auf bekanntem Terrain wandelt, die hat Six nicht im Griff. Das haben allerdings ohnehin nur die wenigsten Regisseure heutiger Tage, deswegen braucht das auch gar nicht wundern. Zumindest erklärt es den Riss in einem an sich gekonnt zelebrierten Streifen.

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